Das erstickende Leben in den Wohnsärgen von Hongkong

Etwa 200.000 Menschen in Hongkong müssen in winzigen Wohnboxen wohnen, weil sie sich nichts Größeres leisten können. Der Fotograf Benny Lam gewährt einen Einblick in ein Leben auf weniger als zwei Quadratmetern.

Sogenannte Cage Homes sind winzige Zimmer, die von den ärmsten Bewohner*innen Hongkongs bewohnt werden. Zimmer ist dabei eigentlich das falsche Wort, denn auf einer Fläche mit einer einstelligen Quadratmeterzahl ist gerade Platz genug für eine Matratze oder eine Bastmatte. Früher bestanden die Wände um das Bett aus reinem Maschendraht, heute sind es vorwiegend Holzplatten.

Von diesen Konstruktionen werden so viele wie möglich in ein unterteiltes Apartment gepresst, statt Möbel gibt es also Särge. So kann es sein, dass in einer Wohnung von 60 Quadratmetern mehr als 20 Menschen in einzelnen Holzkäfigen leben müssen. Für Vermieter*innen ist es eben lukrativer, ein Apartment an mehrere Menschen zu vermieten, als nur an eine Familie.

[Außerdem auf ze.tt: Würdest du für 100 Euro auf sechs Quadratmetern wohnen?]

Grundsätzlich sind es die einkommensschwächsten Einwohner*innen der Stadt, die auf diese Weise wohnen müssen. Es sind Menschen, denen die finanziellen Möglichkeiten fehlen, die hohen Mieten und Immobilienpreise Hongkongs aufzufangen. Menschen, die keine staatlichen Sozialleistungen oder Subventionen erhalten. Oder sie warten gerade auf einen Platz in einer der raren Sozialwohnungen, was im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre dauern kann.

Im Jahr 2017 ist Hongkong das siebte Mal in Folge die Stadt mit dem teuersten Wohnungsmarkt der Welt. Das ergaben die Ergebnisse der jährlichen Annual Demographia International Housing Affordability Survey (PDF). Ein etwa anderthalb Quadratmeter großer Wohnsarg kostet umgerechnet zwischen 140 und 160 Euro.

In Wohnsärgen wohnt nur, wer wirklich dazu gezwungen ist. Denn deren Bewohner*innen verzichten damit auf einen menschenwürdigen Wohnstandard, Sicherheit und auf Hygiene. Überwiegend sind es Männer.

© Daniel Berehulak/Getty Images

Betroffen sind laut der Society for Community Organisation (SoCO), einer NGO, die für angemessene Wohnstandards in Hongkong kämpft, etwa 200.000 Menschen. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, gab sie dem Fotografen Benny Lam den Auftrag, diese Wohnsärge und Cage Homes zu dokumentieren. Seit 2012 besucht er Bewohner*innen in ihrem Zuhause und lichtet sie ab. Das Ergebnis ist die Fotoserie Trapped.

Die Wohnsärge selbst sind meist nur durch Leitern oder kriechend zu erreichen. Aufrecht stehen ist darin unmöglich. Im Inneren befinden sich sämtliche Besitztümer des*der jeweiligen Bewohner*in. Das Apartment, in dem die Wohnsärge eng aneinander- und übereinandergereiht sind, sind oft selbst so klein und heruntergekommen, dass die Toilette dicht an dicht am Küchenwaschbecken steht. Trennwände gibt es keine, genauso wenig wie Privatsphäre.

Ich bin zwar immer noch am Leben, aber trotzdem bin ich umgeben von vier Sargbrettern.“ – Bewohner einer Käfigwohnung

Auch wenn Lams Fotos surreal scheinen mögen: Die Personen in den Bildern sind keine Schausteller*innen, die Wohnsärge sind keine Kulissen. Die Bilder zeigen echte Bewohner*innen Hongkongs in ihren echten Wohnungen. Einige Fotos würden die Raumgröße laut Lam maßgetreu veranschaulichen. „So können die Betrachter die erdrückende Belastung in diesen Caged Homes und unterteilten Apartments nachempfinden. Hongkong muss eine andere Lösung für die Wohnungsnot finden“, sagt der Fotograf.

Auf seiner Facebook-Seite schreibt Lam: „Man fragt sich vielleicht, warum uns diese Leute kümmern sollten. Aber es sind genau diese Leute, die uns täglich begegnen: Sie bedienen uns im Restaurant, es sind die Securitys in unseren Einkaufszentren, oder die Putzkräfte und Lieferanten, an denen wir vorbeigehen. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns ist deren Zuhause. Das alles ist eine Frage der Würde.“

In der Anfangszeit seines Fotoprojekt kam Lam nach den Shootings nach Hause und weinte. Der Mut dieser völlig fremden Menschen, die für ihn ihre Türen geöffnet und ihre Geschichten erzählten hatten, war für ihn überwältigend. Viele hätten sich für ihre Art zu wohnen geschämt. Gleichzeitig hofften sie, dass ihnen durch die Veröffentlichung der Bilder geholfen werde.

Für Lam ist ein Bild besonders bewegend. Es zeigt einen Mann, wie er in seinem Bett liegt und nicht genug Platz hat, dabei seine Füße ganz auszustrecken. Er isst Bohnen aus der Dose und schaut fern, an den Seiten des fensterlosen Wohnsargs hängt seine Wäsche. Das Bild würde privilegierteren Bürger*innen und der Regierung perfekt vermitteln, dass etwas unternommen werden muss.