Das habe ich bei einem Orgasmus-Workshop wirklich gelernt

Unsere Autorin nahm auf einem Festival bei einem sehr intimen Workshop teil. Viel gestöhnt hat sie nicht – dafür aber viel dazugelernt. Und die wichtigsten Tipps für bewussteren Sex haben wir zusätzlich im Video zusammengefasst.

Ich bin ziemlich offen, was das Thema Sex betrifft. „So offen und experimentierfreudig, dass ich mich freiwillig für einen Orgasmus-Workshop anmelden würde, bin ich dann aber doch nicht“, dachte ich zumindest, bis ich neben 300 anderen Menschen in einem Zelt saß, um mehr über Hormonzyklen, Orgasmusalternativen und intensiveren Sex zu lernen.

Das Uckeralm Festival in der Nähe von Berlin. Auf dem Programm steht der Workshop mit dem einfachen und wirkungsvollen Titel: Orgasmus. „Da müssen wir hin!“, riefen meine Freund*innen – ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Auch ich war neugierig, wenngleich ich doch Bedenken hatte. Ein Workshop bedeutet schließlich, dass man selbst aktiv wird und was kann das in diesem Fall bedeuten? Würde es nackte Körper zu sehen geben? Müssen sich die Teilnehmenden untereinander anfassen und stöhnen?

Die Neugier siegte und führte uns zu dem Zelt von Jessy und Göran, alias Switch on Delight. Den Sommer über touren die beiden mit ihrem Programm „Wir kommen dann mal später“ von Festival zu Festival. Den Rest des Jahres organisiert das Paar Workshops im kleineren Rahmen in Berlin und Umgebung. Was genau aber macht man nun bei einem Orgasmus-Workshop und wieso stellt sich ein Paar freiwillig vor eine Horde Fremder, um über Sex zu sprechen?

Warum organisiert ein Paar Sex-Workshops?

„Was wir bei unseren Workshops machen ist in erster Linie eine Art Coaching für Neugier, Bewusstheit und Kommunikation. Wir sind keine Sexualtherapeuten, sondern sprechen aus unserer Perspektive als Paar über Formen bewusster Sexualität“, erklärt mir Göran, als ich ihn und Jessy einige Wochen nach dem Festival in Berlin zum Interview treffe. Schon seit einigen Jahren sammelt der freiberufliche Coach Erfahrungen in spirituellen Praktiken wie Tantra oder Yoga und lässt sich von Sexualität in anderen Kulturen inspirieren.

Workshops zum Thema Sexualität gibt es in Berlin eine ganze Menge. Von der sanften Energiemassage bis hin zur „Anus-Entdeckungsreise“ sei dort so ziemlich alles vertreten, versichert mir Göran. Ein solches Überangebot schreckt jedoch auch einige Menschen ab. Dabei gebe es ganz essentielles Wissen über Sex, das vielen von uns fehle. Bienen und Blumen sagen eben nichts über Hormone, Kommunikation, Gefühle, Onlinedating und Pornographie.

„Wir sind heutzutage zwar alle wahnsinnig sexualisiert, aber selbst im engsten Freundeskreis stelle ich immer wieder fest, welche Hemmungen die Leute haben, wenn es darum geht, über das eigene Sexleben zu sprechen. Oder einfach miteinander übereinander“, sagt Göran. So entstand die Idee zu Switch on Delight, einer Art „Aufklärung für Erwachsene“ in Form von Workshops, die aufgrund der Kombination aus wissenschaftlicher Faktenvermittlung und spielerischen Übungen auch Menschen mit Räucherstäbchenphobie und Berührungsängsten abholen.

Beim Orgasmus Workshop

Bis auf ein kollektives „Ohhmmm“ zur Entspannung hatte der Festivalworkshop dann auch nichts mit Gruppengestöhne zu tun. Und auch die nackten Genitalien blieben aus. Zunächst ging es vor allem ums Zuhören und Fragenbeantworten. Wer von uns hat in der Schule sexuelle Aufklärung genossen? Drei Hände streckten sich in die Luft. „Und wem hat es im Nachhinein etwas gebracht?“ Da meldete sich plötzlich niemand mehr.

Als erste Übung sollten wir uns dann in zwei Gruppen voreinander aufstellen und die Seiten des Zelts wechseln. „Und nun macht ihr noch einmal das gleiche, bloß dass ihr dieses Mal eure Augen beim Überqueren der Seite schließt.“ Im Gegensatz zum ersten Mal, bei dem alle so schnell wie möglich auf die andere Zeltseite gehechtet waren, mussten wir uns mit geschlossenen Augen ganz bewusst auf die Menschen aus der Gegenrichtung einlassen.

Aha! Hierbei handelte es sich scheinbar um eine Art Metapher. Es geht nicht darum, so schnell wie möglich zum Orgasmus zu kommen, sondern um das gemeinsame Erleben mit dem Gegenüber. Als Bestätigung meiner Vermutung erklärten Jessy und Göran uns im Anschluss an die Übung, dass sie aus eigener Erfahrung wissen, dass Sex zu einer intensiveren Erfahrung wird, wenn man den Orgasmus neu definiert. „Beim Orgasmus geht es nicht zwingend um diesen punktuellen Reflex, sondern darum die gemeinsame intime Erfahrung so lange wie möglich auszudehnen und in einen zu haltenden Zustand, eine Ekstase zu gelangen.“

Die eine Wahrheit über besseren Sex gibt es nicht

Genauso locker und offen wie bei dem Workshop, wirken die beiden mir gegenüber auch beim Interview. „Natürlich schießen wir in dem Moment, in dem wir über unsere eigenen Erfahrungen als Paar sprechen, einiges an Vertrauen vor. Bisher wurde dies aber immer stark honoriert, indem wir von unseren Teilnehmenden die gleiche Menge an Vertrauen zurückbekommen haben“, erzählt Jessy. Zudem sei es für sie beide wichtig, nicht nur als Paar vor Publikum zu sprechen, sondern auch einander ergänzend als Mann und Frau. Wenn Göran beispielsweise den Männern die Vorzüge des ejakulationsfreien Orgasmus erklärt, geht Jessy darauf ein, wie die Frau den Mann dabei unterstützen kann.

Die eine Wahrheit über besseren Sex gibt es bei ihnen aber nicht. Mit den Tipps will das Paar in erster Linie eine Inspiration und Unterstützung für andere sein. Rückfragen aus dem Festivalpublikum gibt es aufgrund der großen Teilnehmeranzahl allerdings oft erst im Anschluss: „Was, wenn ich noch nie einen Orgasmus hatte?“, „Ist es okay, wenn ich als Mann beim Sex meine emotionale Seite zeige?“

Die Teilnehmenden kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen, sagt Göran. „Die ältesten Teilnehmenden, die wir bisher hatten, waren um die 70. Die meisten Leute, die sich bei uns anmelden, sind allerdings junge Erwachsene.“ Manche sind Single und einige machen auch ohne den*die Partner*in mit. Bei denen, die gemeinsam kommen, merke man allerdings immer schnell, ob das Paar teilnehme, weil beide Lust auf etwas Neues haben oder ob (und das käme deutlich öfter vor) die Frau den Mann dazu überredet hat.

Das Schöne sei, erklärt Jessy mir zum Abschluss unseres Gesprächs, dass sie selbst mit jedem Workshop immer auch Neues von ihren Teilnehmer*innen lernen. „Das Thema Sex ist eben nie zu Ende, das ist das Faszinierende.“