Das ist unser Gehirn auf Drogen

Wie funktioniert unser Kopf unter Einfluss psychoaktiver Substanzen? Der Illustrator Serge Seidlitz erläutert die Wirkung von Kokain, LSD, Zucker und Co. mit informativen Grafiken.

Wohoo! © Thinglink / Serge Seidlitz

Der Mensch liebt Drogen, die spürbar die Art und Weise ändern, wie wir denken, fühlen oder uns bewegen. Schon unsere prähistorischen Vorfahren fanden großen Gefallen an Effekten verschiedener Pflanzenstoffe. „Wir nahmen Drogen, lange bevor wir Menschen wurden“, schreibt der britische Kulturhistoriker Mike Jay in seinem Buch „High Society“. Erst der Mensch allerdings war fähig, die Wirkungen der natürlichen Drogen noch zu steigern. Alkohol, die weltweit gefährlichste Droge, wird am häufigsten konsumiert – sie sorgt bereits nach wenigen Schlucken für geringe Wahrnehmungsveränderungen.

Andere Drogen wurden in der Geschichte der Menschheit oft verteufelt, ihre Nutzung kriminalisiert. Darunter sind vor allem solche, die psychoaktive Effekte hervorrufen, das Hirn stärker beeinflussen; sogenannte „bewusstseinserweiternde Drogen“. Das berühmteste Beispiel ist Cannabis, das heute aber einen regelrechten Boom erfährt – die öffentliche Meinung zum Thema dreht sich. Kiffen wird gerade gesellschaftskonform.

Wie auch immer: Psychoaktive Substanzen, die unser Bewusstsein verändern, natürlichen oder chemischen Ursprungs, legal oder illegal, sind weit verbreitet. Mittels moderner Scan-Techniken ist es möglich, ihre Einwirkung auf unser Gehirn genau zu benennen. Der Illustrator Serge Seidlitz erstellt informative Grafiken. Eine davon arbeitete er im Auftrag für das Magazin „Popsci“ aus: Er zeigt das Hirn, wie man es sich unter Drogeneinfluss vorstellen kann und reicherte die Visualisierung mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen an.

Seidlitz‘ Darstellung ist freilich nicht vollständig. Mit seiner Auswahl ist es ihm aber gelungen, uns zu zeigen, wie sehr Drogen auf unser Gehirn einwirken. Hier Informationen zu den einzelnen Substanzen auf Deutsch:

Marihuana (THC)

Beeinflusste Hirnregionen: Amygdala und Nucleus accumbens.

THC bindet sich an Cannabinoid-Rezeptoren auf unseren Nervenzellen und verändert die Kommunikation über das gesamte Gehirn. Es kann im „Nucleus accumbens“, einem Belohnungszentrum, zu Zufriedenheit führen – in der „Amygdala“, die Angst und Emotionen regelt, aber auch zu Paranoia. THC mindert Schmerzen und Übelkeit, indem es Signale von sensorischen Nerven ans Gehirn verhindert. Der renommierte Wissenschaftler und bekennende Marihuana-Konsument Oliver Sacks beschrieb die Wirkung so: „Ich blickte auf meine Hand, und es schien, als würde sie mein gesamtes Sichtfeld ausfüllen. Sie schien immer größer zu werden, während sie sich gleichzeitig von mir entfernte. Schließlich dachte ich, ich würde meine Hand sehen, wie sie das Universum umschließt.“

Kokain

Beeinflusste Hirnregion: Präfrontaler Cortex (PFC; ein Bereich im Frontallappen).

Normalerweise trägt Dopamin, ein Botenstoff im PFC, Signale zwischen Neuronen hin und her und bindet sie an Zellrezeptoren, bis sie abtransportiert werden. Kokain hält das „Glückshormon“ aber an Ort und Stelle. Die Folge: Dopamin überschwemmt das Gehirn, was zu starker Euphorie führt. Das kann süchtig machen. Regelmäßiger Konsum ändert die gesamte Dynamik im PFC, dem Zentrum für Entscheidungen im Gehirn, so dass es noch schwerer für uns wird, der Stimulans zu widerstehen. Dazu Sigmund Freud, Psychologe und Kokain-Konsument (wurde für seine Verherrlichungen stark kritisiert): „Ich nehme regelmäßig eine sehr geringe Dosis gegen Depressionen und Verdauungsstörungen – mit großartigem Erfolg.“

Zucker

Beeinflusste Hirnregion: Mesolimbisches System („positives Belohnungssystem“).

Was viele nicht wissen: Süßkram ändert unsere gesamte Gehirnchemie. Wenn wir Zucker zu uns nehmen, aktiviert das ein Belohnungssystem, der das „Striatum“ (für die exekutiven Funktionen im Hirn zuständig) enthält. Dieses sagt uns unweigerlich, dass wir noch mehr von dem leckeren Zeug essen sollen. Die Großhirnrinde entscheidet dann, ob sie dem Drang nachgibt. Bestimmte Typen und hohe Mengen von Zucker können diesen Vorgang massiv stören; was bei einigen Menschen Zuckersucht auslöst.

Opiate

Beeinflusste Hirnregion: Hirnstamm.

Drogen wie Morphium und Codein blockieren Schmerzen, die vom Körper über den Hirnstamm ins Gehirn gesendet werden. Sie lassen neuronale Aktivitäten abstumpfen und verulken Opioidrezeptoren (zelluläre Bindungsstellen), damit Dopamin im Gehirn entleert wird. Die daraus resultierenden angenehmen Gefühle überwältigen alle Schmerzsignale und schaffen ein sehr intensives Wohlgefühl. Deshalb machen Opiate hochgradig süchtig.

Pilze (Psilocybin)

Beeinflusste Hirnregion: Visueller Cortex (die „Sehrinde“).

Die Verdauung macht aktive Wirkstoffe von einigen Pilzen nach dem Essen zu „Psilocin“, einem Psychedelikum, das Halluzinationen verursacht. Es ist chemisch ähnlich dem Botenstoff Serotonin, dessen Rezeptoren im gesamten Gehirn, vor allem aber im visuellen Cortex vorkommen. Dieser ist für das „Sehen“ zuständig. Weil das Psilocin unsere Rezeptoren im Gehirn regelrecht kommandiert, spricht man von „magic mushrooms“.

LSD

Beeinflusste Hirnregion: Sensorischer Cortex (Sammelbegriff für die Regionen im Hirn, die für die „Wahrnehmung“ zuständig sind).

Albert Hoffmann, der die Droge zufällig entdeckte, sagte dazu: „Die Wirklichkeit ist undenkbar ohne ein erfahrendes Subjekt. Ein Ego, dem in dessen tiefstem Selbst die Emanationen (Anm.: „Ausflüsse“) der Außenwelt bewusst werden, die Sinnesorgane registrieren.“ Normalerweise können wir die Umwelt nur wahrnehmen, wenn unsere Augen geöffnet sind. Ebenso sind die Hirnbereiche, welche für die Introspektion (Selbstwahrnehmung) sorgen, nur dann aktiviert. Die Gehirne der Menschen auf „Acid“ zeigen dieselbe Aktivität – aber auch mit geschlossenen Augen. Das könnte der Grund dafür sein, dass Konsument*innen sich mit der Umgebung verbunden fühlen. LSD kann deshalb auch Angst lindern. Es ändert die Art, wie wir Dinge wahrnehmen und auf Bedrohungen reagieren.


Die Redaktion weist darauf hin, dass der Besitz und/oder Konsum einiger dieser Drogen illegal ist. Wer süchtig ist, sollte sich bei der örtlichen „Drogen- und Suchtberatungsstelle“ melden.