Das können wir von den Isländer*innen lernen

Trotz aller Euphorie hat die isländische Nationalmannschaft den Einzug ins Halbfinale der EM verpasst. Sie mögen vielleicht im internationalen Fußball zu den Anfängern gehören – in Sachen Gleichberechtigung ist uns die isländische Gesellschaft allerdings um Lichtjahre voraus.

Foto: © Mark Heywinkel

Blick auf Reykjavík. Foto: © Mark Heywinkel

Als er von Feinden angegriffen wird, bittet Gunnar Hamundarson in der isländischen „Njáls saga“ seine Frau Hallgerdur um eine Haarsträhne, mit der er seinen kaputten Bogen reparieren will. Aber sie weist ihn ab – aus Rache dafür, dass er sie vor einigen Jahren geschlagen hat. Daraufhin wird Gunnar von seinen Gegnern getötet. Starke Frauen spielen in Isländersagas eine große Rolle. Tapferkeit ist keine Eigenschaft, die ausschließlich Wikingern zugeschrieben wird. Intelligente und freidenkende Königinnen, weise Frauen und Hexen sind keine Nebenfiguren, sondern nehmen großen Einfluss auf den Ausgang der Geschichte. Sie sind Strateginnen und Macherinnen.

Die Isländer mögen Anfänger im internationalen Fußball sein; in Hinblick auf das Zusammenleben in der Gesellschaft sind sie es nicht. Im Gegenteil. Sie können als Vorbild für so ziemlich alle anderen Staaten der Welt dienen. Auch für Deutschland.

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In keinem anderen Land der Welt ist die Geschlechtergleichheit dem World Economic Forum zufolge so hoch wie in Island. Und das nicht erst seit gestern. Schon 1850 war Island das erste Land, das ein gleichberechtigtes Erbrecht für Frauen und Männer einführte, 1915 erlangten Frauen hier das Wahlrecht. Die erste Frau wurde 1922 ins Parlament gewählt, bevor Vigdís Finnbogadóttir (übrigens geschieden und alleinerziehend) 1980 als weltweit erste Frau Staatsoberhaupt wurde.

90 Prozent der Isländerinnen streiken für gleichen Lohn

Dass mit gleichem Wahlrecht und politischer Teilhabe die Frauen nicht automatisch Männern gleichgestellt sind, wusste man in Island auch bereits vor rund 40 Jahren. Für einen Tag, den 24. Oktober 1975, legten 90 Prozent der Isländerinnen ihre Arbeit nieder und protestierten auf den Straßen von Reykjavík für Wertschätzung und gleichen Lohn. Zum ersten Mal waren Männer gezwungen, sich um die Kinder zu kümmern. Einige reden noch heute vom „langen Freitag“.

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Ein Jahr später verabschiedete die isländische Regierung tatsächlich ein Gesetz, das Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsplatz verbietet. Das Lohngefälle existiert zwar bis heute und bis zur hundertprozentigen Gleichstellung ist noch viel zu tun. Dennoch wurden entscheidende Schritte unternommen, um mit dem traditionellen Bild von Kindererziehung und Karriere zu brechen.

Das erleichtert nicht nur die Teilhabe der Väter bei der Erziehung der Kinder, sondern fördert auch explizit Frauen, wieder in den Beruf einzusteigen. Im weltweiten Vergleich sind Frauen in Island am stärksten auf dem Arbeitsmarkt vertreten und besetzen heute circa 40 Prozent der Führungspositionen. 2013 hat die isländische Regierung eine Quote eingeführt – für beide Geschlechter. Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeiter*innen müssen seitdem mindestens 40 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen beschäftigen.

„Isländer sind viel liberaler“

Obwohl Island zur Hälfte zum europäischen Kontinent gehört, wirkt es ein bisschen so, als würden die Bewohner von außen auf „unser“ Europa schauen. Nicht etwa auf die arrogante Art, sondern eher wie Lehrer, die wissen, dass die Menschheit noch viel lernen muss.

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Fragt man sie, ob sie sich auf der Insel im Norden isoliert fühlen vom Rest der Welt, sind sie überrascht. „Was? Nein. Ich glaube, wir sind sehr amerikanisiert“, sagt zum Beispiel die Lehrerin Laufey. „Wir haben mehr amerikanische Serien im Fernsehen als isländische. Aber ein Unterschied könnte unsere Art zu denken sein. Isländer sind viel liberaler.“ Laufey wohnt in einer großen Wohnung am westlichen Zipfel der Halbinsel Seltjarnarnes, einem Vorort von Reykjavík. Direkt hinter dem Haus rauscht das Meer und die Leuchtturminsel „Grótta“ ist von weitem zu sehen. Laufey ist Mitte 50, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. An ihrem Kühlschrank hängen Postkarten verschiedener Frauenorganisationen. Sie und ihr Mann bekennen sich zum Feminismus.

Sicher herrscht auch in Deutschland kein Familienbild der 50er Jahre mehr. Trotzdem sind die Isländer*innen deutlich weiter. 2014 waren nur 29 Prozent aller Paare verheiratet und hatten Kinder, zwei Drittel aller Neugeborenen werden von nicht-verheirateten Eltern zur Welt gebracht. Die Ehe ist nur eine Option von vielen: Andere Lebensentwürfe sind weder mit Stigmatisierungen besetzt noch mit finanziellen Nachteilen verbunden. So unterstützt das Sozialsystem beispielsweise auch Alleinerziehende intensiv.

Das Klischee existiert nicht mehr

Feminismus – im Sinne von Gleichheit der Geschlechter – funktioniert in Island aus einem entscheidenden Grund: Es machen mehr als nur 50 Prozent der Bevölkerung mit. Im Januar 2015 fand in der Hauptstadt die erste Konferenz für Geschlechtergerechtigkeit mit ausschließlich männlichen Teilnehmern statt. Der Begriff „Feminist“, der in weiten Teilen Europas und der Welt irgendwie merkwürdig wirkt, ist Laufeys Mann Sigurður egal: „Ich mache mir nichts als Schubladen. Unsere Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn Männer und Frauen gleiche Rechte haben. Wir sind alle gleich.“ Für ihn ist das starre Bild der „Frau in der Küche“ unvorstellbar. Das Klischee existiert hier quasi nicht mehr.

Das bedeutet nicht, dass es in Island überhaupt keinen Sexismus und keine Ungerechtigkeit mehr gibt. Doch Frauen sprechen das Thema in Alltagssituationen gezielt an und die Reaktionen sind meist einsichtig. Welche Rolle „Njáls saga“ dabei spielt? Ungewiss. Die Isländersagas werden Kindern jedenfalls bis heute vorgelesen.