Das neue Kettcar-Lied ist eine Liebeserklärung an alle, die nicht nur zusehen, sondern helfen

Geflüchtete sind kein neues Phänomen in Deutschland. Die Band Kettcar erzählt in Sommer ’89 die Geschichte eines Fluchthelfers, bei der man Gänsehaut bekommt.

... und schnitt Löcher in den Zaun. Screenshot

Es war im Sommer ’89. Ein junger Mann setzt sich in Hamburg in seinen alten himmelblauen Ford Granada. Sein Ziel ist die österreichisch-ungarische Grenze. Mit im Gepäck hat er den besten Bolzenschneider, den er auftreiben konnte.

Gesungen wird recht wenig im neuen Video der Band Kettcar. Überwiegend sprechend erzählt Sänger Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Fluchthelfers. Das Schlagzeug gibt einen drängenden, hastenden Beat vor. Damit der Inhalt der Geschichte auch wirklich einsinkt, wird er als weiße Schreibmaschinenschrift auf schwarzem Hintergrund eingeblendet. Der Song erzählt von Zeiten, in denen es noch zwei Deutschlands gab, in denen DDR-Bürger*innen versuchten, über Ungarn in die BRD zu fliehen. „Es war im Sommer ’89 eine Flucht im Morgengrauen. Er war der Typ, der durch die Nacht schlich und schnitt Löcher in den Zaun“, lautet der Refrain.

„Sie kamen für Kiwis und Bananen“

Er erzählt von einem mutigen jungen Mann, der Menschen half, die oft nicht nur aufgrund von Repressionen, sondern auch in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Westdeutschland flohen. „Sie kamen für Kiwis und Bananen“, singt Wiebusch, „für Grundgesetz und freie Wahlen, für Immobilien ohne Wert. Sie kamen für Udo Lindenberg. Für den VW mit sieben Sitzen. Für die schlechten Ossi-Witze. Sie kamen für Reisen um die Welt. Für Hartz IV und Begrüßungsgeld. Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche. Für die neue Einbauküche. Und genau für diesen Traum schnitt er Löcher in den Zaun.“

Zurück in seiner linksintellektuellen Hamburger WG-Küche, muss sich der junge Mann Kritik von seinen Freund*innen anhören. „Einerseits wäre die Aktion natürlich gut gemeint gewesen. Wegen den Familien und so. Aber andererseits wäre eine deutsche Einheit, und darauf laufe die Entwicklung der letzten Wochen nun mal hinaus, ein großer Fehler. Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden.“

Das Video hatte die Band am Samstag, dem 12. August, veröffentlicht, an dem Tag, an dem vor 56 Jahren die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gebaut wurde. Das Musikvideo ist viel mehr als eine fünfminütige Geschichtsstunde über den Ost-West-Konflikt. Es ist eine vielschichtige Gesellschaftskritik.

Dass Geflüchtete Deutschland nicht erst seit 2015 prägen, wurde schon oft aufgegriffen. Das Video wirkt wie ein Appell an all diejenigen, die im Jahr 2017 wieder Mauern und Zäune bauen, um Menschen, die vor Krieg und Leid fliehen, davon abzuhalten, zu uns zu kommen. Es ist ein Appell an diejenigen, die es als illegal anklagen, dass Geflüchtete Zäune durchschneiden und Grenzen überwinden, um ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen.

[Außerdem bei ze.tt: Rechtsextreme Frauen in der DDR – „Angeblich friedliebend“]

Das Lied erinnert auch daran, dass Recht und Gesetze relative Dinge sind. Geltendes Recht wird von Regierungen festgelegt. Regierungen sind – zumindest in Deutschland – dem politischen Willen der Bevölkerung unterworfen. Recht ist somit nicht in Stein gemeißelt, sondern kann sich ändern. Auch das Tun des Fluchthelfers 1989 war gegen herrschende Gesetze. Trotzdem würde heute niemand sagen, dass sein Tun unrecht war. Wenn eine nicht-gesetzestreue Tat einem Menschen in Not hilft – ist sie dann unrecht?

Das Lied ist auch eine Liebeserklärung an alle Menschen, die dem Leid nicht einfach nur zusehen. Die nicht nur rauchend in der WG-Küche über den großen Kontext philosophieren, in dem man alles sehen muss. Die tun, was ihnen möglich ist, um das Leben von Menschen besser zu machen. Und wenn es auch nur eine Person wäre, der durch die eigenen Taten geholfen wird.

„Eine komplette Stille trat ein“, geht die Geschichte des Kettcar-Videos zu Ende, nachdem sich der Fluchthelfer die Kritik seiner WG anhören musste. „Er stand auf, verließ das Zimmer, Jacke, Tür, Treppenhaus, Luft, er nahm seinen alten Ford Granada – und ward nie mehr gesehen. Der Rest ist Geschichte.“