Wie vor über hundert Jahren das Musik-Streaming erfunden wurde

Streamingdienste wie Spotify haben die Art, wie wir Musik hören, innerhalb kurzer Zeit verändert. Etwas ähnliches gab es aber schon vor mehr als 100 Jahren in New York: Musik über das Telefon – live gespielt von einer 200-Tonnen-Maschine.

© archive.org

Titelbild des "Scientific American" aus dem Jahr 1907 zeigt das Telharmonium. © archive.org

Das Spotify des Victorianischen Zeitalters war ein Monster aus Kabeln, Spulen und Schaltern. 18 Meter lang, 200 Tonnen schwer. Gebaut zu einem Preis von 200.000 US-Dollar (je nach Umrechnung wären das heute zwischen 5 und 160 Milliarden US-Dollar).

© McClure's Magazine
© McClure’s Magazine

Die Idee des Erfinders Thaddeus Cahill war für die damalige Zeit revolutionär: Das Telharmonium spielte rund um die Uhr Musik. Wer sie hören wollte, brauchte lediglich ein Telefon. Man ließ sich von der Vermittlung mit dem Gerät verbinden und konnte dann der Musik aus dem Hörer lauschen. Pro Stunde kostete der Service 20 Cent.

Der Bedarf für das Telharmonium war tatsächlich vorhanden, weil es damals zwar Grammophone gab, aber noch kein Radio. Cahill ließ seine Musikfabrik in einem Gebäude in Manhattan aufbauen und versorgte umliegende Hotels, Restaurants und Privathaushalte. Vereinfacht gesagt handelte es sich beim Telharmonium um ein Keyboard mit allerlei technischem Hilfswerk, welches die Musik in elektrische Impulse umwandelte und lauter machte – der Verstärker war zu dieser Zeit noch nicht erfunden.

Cahill beschäftigte zwei Musiker, die 24 Stunden lang Musik von Bach, Chopin oder Rossini spielten.

Dass sich das Telharmonium nicht durchsetzte, hatte mehrere Gründe: Um ausreichende Lautstärke und Qualität zu erzielen, musste Cahill mit Stromstärken von rund einem Ampère arbeiten – weitaus mehr als die Telefone selbst hatten. Diese Stromstärken störten aber alle anderen Signale, die über dieselben Knoten einer Vermittlungsstelle liefen. Es konnte also sein, dass Gespräche plötzlich durch Musik des Telharmoniums unterbrochen wurde. Gerüchten zufolge war ein Geschäftsmann über die ständig gestörte Leitung so erbost, dass er in das Telharmonium-Gebäude einbrach und Teile der Maschine aus dem Fenster in den angrenzenden Hudson River warf.

image (3)
Der Erfinder des Telharmoniums: Thaddeus Cahill. © Wikipedia

Cahill hatte aber auch andere Schwierigkeiten: War er seiner Zeit anfangs voraus, wurde er später von ihr eingeholt. Das dritte und letzte gebaute Telharmonium lief bis 1916 – überlebte also den Börsencrash an der Wall Street und den Beginn des 1. Weltkriegs. Gegen das Aufkommen des Radios und die Erfindung des Verstärkers war Cahill jedoch machtlos. Gegen 1920 wurden die 200 Tonnen schwere Maschinerie aus dem Gebäude abtransportiert.

Obwohl Cahill schließlich mit dem Telharmonium scheiterte, hatte seine Erfindung Auswirkungen auf elektronisch erzeugte Musik: Die Hammond-Orgel (in den 1930-Jahren entwickelt) orientierte sich am Telharmonium. Diese Orgel war wiederum der Vorläufer des Synthesizers und für Keyboards.