Dating in Teheran: Wie man sich in einem Gottesstaat verliebt

In kaum einem Land der Welt ist es schwieriger zu flirten als in der islamischen Republik Iran. Wie es jungen Iraner*innen trotzdem gelingt.

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Die Sonne nähert sich dem Horizont. Hunderte junge Menschen haben sich auf der Tabiat Brücke in Teheran versammelt. In kleinen Gruppen sitzen sie in den verschiedensten Ecken des 270 Meter langen Übergangs. Links ein grüner Park, rechts ein grüner Park und auch die Brücke selbst ist für Fußgänger reserviert. Mit ihren vielen kleinen Cafés und Ständen ist sie ein beliebter Treffpunkt der Stadt. Samira* und Kenan* haben sich an diesem Abend verabredet.

Vor 7 Monaten haben sie sich gegenseitig nach rechts geklickt und mit der Dating-App Tinder kennengelernt. Eigentlich zählt die App genauso wie Snapchat, Facebook und Twitter zu den geblockten Sphären des Landes. „Aber wir alle nutzen diese Netzwerke. Mit einem Klick auf einen VPN-Server umgehen wir die Zensur“, so Kenan.

An diesem Abend blicken sie auf die gefühlt hundert Meter große Flagge ihres Landes, essen Eis, lachen, singen. Berühren dürfen sie sich nicht. Zumindest wenn es nach den patroullierenden Sittenwächtern geht.  Auch, wenn diese sich hier nur selten aufhalten, ist das Risiko zu groß. Der Iran ist ein Gottesstaat. Kein Land der Welt richtet mehr Menschen hin. 2016 waren es mindestens 530 – darunter auch viele Minderjährige. Gleichzeitig herrscht seit der Revolution von 1979 das Scharia-Recht. Das bedeutet Peitschenhiebe für Sex vor der Ehe, Steinigungen für Ehebruch und die Todesstrafe für Homosexualität.

Der Wandel geht der Jugend nicht schnell genug

„In den letzten Jahren befindet sich der Iran jedoch in einer Phase des Wandels“, so die 22-jährige Samira. Grund sind der gestiegene Tourismus, das umstrittene Atomabkommen und die Wahl des innenpolitisch weniger radikalen Hassan Ruhani zum Präsidenten. Doch Samira geht der Fortschritt nicht schnell genug.“Wir haben die Schnauze voll von den ganzen Verboten“, klagt sie während sie nach rechts und links blickt. Im Teheraner Stadtbild ist diese rebellische Haltung der Jugend stets präsent. Kein Land der Welt hat einen höheren Make-Up-Vebrauch oder eine häufigere Anzahl an Schönheits-Operationen. Gelegentlich blitzen Piercings und bunte Haare in der Masse hervor. Das Kopftuch tragen ohnehin nur die wenigsten jungen Frauen in strenger Weise. Auch Samira macht keinen Hehl daraus, dass sie die Grenzen austesten will.

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In der Esgh, das steht im persischen für Liebe, ist das am schwierigsten. Öfffentliches Kennenlernen ist auf nur wenige Orte beschränkt. Neben der Tabiat Brücke ist vor allem Darband, ein Ort hoch in den Gebirgen im Norden Teherans, eine Enklave der Freiheit. In den vielen kleinen Cafés und Restaurants der Berge können sich junge Menschen näherkommen, ohne die Sittenpolizei zu fürchten. Auf dem Weg den Berg hinab stehen sie absichtlich im Stau, um durch die offenen Autofenster ihre Nummern auszutauschen. Auch Kenan hatte „schon einige lustige Stunden“ in den Bergen Darbands. Sind erstmal die Nummern getauscht geht es ganz schnell. Nicht wenige der jungen Teheraner organisieren in ihren eigenen vier Wänden illegale Kennenlern-Partys. „Dort sitzen wir im Kreis und lassen eine Flasche Arak-Schnaps rumgehen. Ab und zu gibt es auch einen Joint“, so Kenan.

Auf jungen Paaren lastet ein unbeschreiblicher Druck

Das junge Leben in Teheran ist geprägt von solchen Parallelgesellschaften. Auf der einen Seite regiert der religiöse Klerus, auf der anderen pulsiert der moderne Iran, angetrieben von zwei Dritteln der Bevölkerung, die unter 30 Jahre alt sind. Kenan ist einer von ihnen. Er ist groß, trägt Vollbart und arbeitet mittags in einem Café. Im Hintergrund schallt iranische Musik, auf den Tischen stehen Teetassen und persisches Feingebäck. Abends folgen im Kreis der Freunde dann Bier und die äußerst beliebte Techno-Musik. Spätestens seit dem Dokumentarfilm „Raving Iran“ kennt die ganze Welt den Teheraner Sound – und die Schwierigkeit, die verbotenen Töne zu verbreiten.

Die Liebe zum dröhnenden Bass war es, die Samira und Kenan zusammenbrachte. Nachdem sie online ihre Lieblingssongs getauscht hatten, trafen sie sich in Kenans Café. „Ich weiß noch genau, wie ich mich als Kundin tarnte und wie lange es dauerte bis er mich erkannt hatte“, so Samira. „Bis heute sind wir glücklich wie an diesem Tag“, auch wenn nicht alle in ihrer Familie das wissen dürfen. Denn heiraten wollen sie noch lange nicht. Zu oft haben sie miterlebt, wie junge Paare zu früh geheiratet haben und jahrelang unglücklich blieben. Auf ihnen lastet ein unbeschreiblicher Druck, müssen im Iran doch die Familien einer Eheschließung zustimmen und finanziell miteinander verhandeln. Ein ziemlich unromantischer Prozess.

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Bevor sie diesen Schritt wagen, wollen sie sich ganz sicher sein und erst einmal zusammenziehen. „Ganz locker und unverbindlich so wie das in Europa alle tun“, so Kenan. Eine schwierige Aufgabe, in einem Land, das es nicht-verheirateten Paaren verbietet eine gemeinsame Wohnung zu unterhalten. „Mit viel Glück und Schmiergeld können wir das Verbot aber bestimmt umgehen. Einige unserer Freunde haben das auch geschafft“, geben sich die beiden optimistisch.

Falls nicht, bleibt ihnen immer noch die sogenannte Sighe-Ehe. Gegen eine Heiratsgebühr kann man im schiitischen Iran eine zeitlich berfristete Ehe schließen. Von einer halben Stunde bis zu 99 Jahren ist alles möglich. Ein guter Ausweg, um für Kontrollen gewappnet zu sein. Vielleicht schließen auch Kenan und Samira eine solche Ehe-to-go, um endlich unbeobachtet in den eigenen vier Wänden leben zu können. In der Stadt und auf den Straßen ist das unmöglich. Überall begegnet man dort den Bildern des religiösen Führers Ajatollah Khomeini. An jeder U-Bahnstation, in jedem Café schaut er von oben auf die Menschen herab. Doch unter seinen Augen läuft die jüngste Bevölkerung der Welt.

*Name von der Redaktion geändert