Dein Lebenslauf liebt dich nicht

Manche halten es für Freiheit, sich aus Beziehungen zu verabschieden, um beruflich flexibel zu bleiben. Welch ein Irrtum!

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Die Beziehungsunwilligen verwechseln Freiheit mit der völligen Unterwerfung. © Unsplash

Das Großartige an unserer Zeit und der westlichen Welt ist wohl, dass wir machen können, was wir wollen. Viele Menschen nutzen diese Freiheit. Sie essen Pizza im Bett, jagen unsichtbare Monster mit ihrem Smartphone oder beenden Beziehungen, weil es irgendwo ein unbezahltes Praktikum bei einem Startup gibt. Einfach, weil sie es können.

In einem Artikel auf ze.tt las ich von einem jungen Mann, nicht viel jünger als ich selbst, nach eigenen Angaben „gerne beziehungsunfähig“. Das hat mich stutzig gemacht. Immerhin scheint der Autor nicht von dem Problem betroffen zu sein, keine Partnerinnen zu finden. Ein Zustand, der vielen anderen Menschen droht, den letzten Rest an Selbstwertgefühl zu rauben.

Frauen scheint es im Leben des bewusst-beziehungsunfähigen Autors durchaus einige gegeben zu haben. Nur mache er eben gern von der Möglichkeit Gebrauch „jederzeit zu verschwinden“, wenn er will. Nun gut, man kann davon halten was man will. Viele machen das so. Immerhin ist die Liebe ja auch so etwas wie ein konsumierbares Gut geworden. Wie die Pizza im Bett. Manchmal etwas eklig aber irgendwie auch geil. Macht man halt, wenn man Bock drauf hat und danach wird das Bett neu bezogen, irgendwann.

Lebenslauf statt Liebe, Karriere statt Kuscheln

Diejenigen, die auf ihre „Beziehungsunfähigkeit“ stolz sind und ihre Freiheiten feiern, vergessen allerdings, dass sie ihre Unabhängigkeit in Wirklichkeit schon längst aufgegeben haben. Zu behaupten, dass „langfristige Beziehungen nicht mehr funktionieren“, weil man lieber noch ein Praktikum macht oder die Stadt wechselt ist, gelinde gesagt, ziemlich erbärmlich.

„Money over Bitches“ erklärt der Berliner Nachwuchsphilosoph Medikamenten Manfred und will uns damit wohl sagen: Wir sind vielleicht die erste Nachkriegsgeneration, die den Lebensstandard ihrer Eltern nicht mehr halten kann. Alle gehen studieren, auf dem Arbeitsmarkt wird es zunehmend eng. Also belegt lieber noch einen Kurs in Wirtschaftschinesisch neben eurem Master of Business-Administration und schaut zu, besser zwei statt einem Auslandspraktikum zu machen.

Was ich nicht verstehe: Was soll denn bitte daran modern sein, sein Leben für die Produktion und Vermarktung irgendwelcher Apps oder nutzloser Versicherungspakete zu opfern? Ist das ein selbstbestimmtes Leben, wenn jeden Tag um spätestens 8:00 Uhr der Wecker klingelt?

Die Beziehungsunwilligen verwechseln Freiheit mit der völligen Unterwerfung. Das Schwierigste an der Freiheit ist, etwas Vernünftiges mit ihr anzustellen.