Deine Lebensmittelallergie ist wahrscheinlich pure Einbildung

Du kannst deine Mahlzeiten natürlich weiter zerpflücken und bemäkeln – aber an den armen Lebensmitteln liegt das wohl eher nicht.

Du kannst endlich aufhören, dein Essen zu sezieren. Foto: StockSnap | CC0 Lizenz

Milch bekommt dir nicht? Orangensaft rumpelt in deinem Darm wie eine Gerölllawine? Von Tomaten bekommst du Pusteln von hier bis nach Meppen? Tja, dumm nur, dass das vielleicht gar nicht medizinisch bewiesen werden kann.

Wissenschaft schlägt Laktose

Unverträglichkeiten und Lebensmittelallergien sind wie perfekte Beziehungen: Manche haben sie, aber die meisten bilden sie sich einfach nur ein. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls Mediziner*innen und Wissenschaftler*innen in einer aktuellen Studie der American Academy of Allergy, Asthma & Immunology. Sie untersuchten Patient*innenakten aus knapp 13 Jahren und stellten fest, dass die Mehrzahl der Patient*innen überhaupt keine Lebensmittelunverträglichkeiten oder -allergien hatte. Bei lediglich 3,6 Prozent der etwa 2,7 Millionen Untersuchten konnten tatsächlich Diagnosen gestellt werden.

Begriffschaos

Die oft synonym verwendeten Begriffe Allergie, Unverträglichkeit beziehungsweise Intoleranz und Pseudoallergien beschreiben eigentlich ganz unterschiedliche physische Vorgänge.

Eine Lebensmittelallergie besteht, wenn der Körper auf ein Lebensmittel mit einer Immunabwehr reagiert. Diese kann medizinisch nachgewiesen werden und ist somit belegbar.

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Dagegen sind Pseudoallergien alle Reaktionen, die zwar nach einer Allergie aussehen, medizinisch aber nicht mit dem Immunsystem und dessen Überreaktion in Verbindung gebracht werden können. Typische Stoffe, die solche Reaktionen auslösen können, sind Lektine aus der Erdbeere oder in Äpfeln enthaltene Salicylate.

Unverträglichkeiten beziehungsweise Intoleranzen führen zwar zu körperlichen Symptomen, diese sind jedoch nicht auf eine Reaktion des Immunsystems zurückzuführen. Sie hängen in der Regel mit einem Enzymmangel im Körper zusammen, der es schwer oder unmöglich macht, bestimmte Stoffe zu verarbeiten, zum Beispiel Laktose oder Histamin.

Ja, was denn nun?

Natürlich ist bei der Durchsicht der Akten nie ganz auszuschließen, dass Mediziner*innen Fehler gemacht haben. Vielleicht sind einige Unverträglichkeiten oder Allergien falsch diagnostiziert oder auch übersehen worden. Trotzdem scheint die Diskrepanz zwischen 3,6 Prozent und „gefühlt jeder zweite, der vor mir einen Kaffee Latte bestellt“ doch enorm.

In der bereits erwähnten Studie wurde allerdings auch untersucht, wie gravierend sich tatsächliche Allergien und Unverträglichkeiten auf die betroffenen Patient*innen auswirken konnten. Unter anderem wurden Schalentiere, Milch und Erdnüsse als die häufigsten Verursacher von Allergien und Unverträglichkeiten festgestellt. Von allen Symptomen, die in den Patient*innenakten aufgeführt wurden, waren knapp 16 Prozent anaphylaktische. Diese können von großflächigen Hautveränderungen bis zum Schock reichen und mitunter tödlich sein. Man sollte sie also auch nicht auf die leichte Schulter nehmen.

[Außerdem bei ze.tt: Deine Mittelmäßigkeit ist total okay]

Du stampfst jetzt vermutlich wütend mit dem Fuß auf und murmelst passiv aggressiv „aber ich vertrage Milch wirklich nicht“. Das kann tatsächlich sein und in diesem Fall solltest du dies unbedingt mit einem*r Ärzt*in abklären. Es kann allerdings auch gut sein, dass du – wie viele andere Menschen – Magen- und Darmbeschwerden lieber auf böse Milch und fiese Äpfel schiebst, als auf die drei Burger und die fetten Pommes, die du davor gegessen hast. Außerdem können auch Schadstoffe, die beim Anbau oder Transport auf die Nahrung gelangt sind, Reaktionen auslösen, die mit dem armen Gemüse oder Obst an sich gar nichts zu tun haben.

Sollte dein*e Ärzt*in also feststellen, dass du dir deine Allergie oder Unverträglichkeit nur eingebildet hast, sei nicht traurig darüber. Du musst es den Freund*innen, die dir seit Jahren beim Herauspicken von Erdnüssen oder Verteufeln von Kuhmilch beistehen ja nicht erzählen.