Deniz Yücel ist seit 200 Tagen eingesperrt und denkt trotzdem nicht ans Aufgeben

Der deutsch-türkische Journalist ist heute seit genau 200 Tagen in der Türkei inhaftiert. Wie man ihm helfen kann und warum wir nicht aufhören dürfen, an ihn zu denken.

Demonstrierende in Berlin gingen für Deniz Yücel im Februar auf die Straße. © Sean Gallup/Getty Images

Man gewöhnt sich an so einiges. Stumpft ab. Erdoğans Angriffe auf Europa – am liebsten auf Österreich und Deutschland – gehören mittlerweile irgendwie zum politischen Alltag dazu. Regelmäßig poltert der türkische Präsident gegen europäische Regierungen und Politiker*innen. Dann halten alle kurz die Luft an, Gegenstatements werden abgegeben, ändern tut sich aber nichts.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der mittlerweile seit 200 Tagen in Einzelhaft in einem Gefängnis in Istanbul sitzt.

Deniz hat beide Pässe, somit sind sowohl Deutschland als auch die Türkei für ihn als Bürger zuständig und verantwortlich. Die Bundeskanzlerin hat mehrmals seine Freilassung gefordert. Passiert ist seither nichts.

Er ist seit 200 Tagen oder umgerechnet nicht ganz sieben Monaten oder 29 Wochen oder auch 5.000 Stunden in der Türkei inhaftiert. Das ist verdammt lange. Vor allem weil es bis jetzt weder eine Anklage noch ein Verfahren gibt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete ihn abwechselnd als Terroristen, Gülen-Anhänger, PKK-Sympathisanten oder gar Spitzel. Bis heute weiß niemand, was die Anklage ist, die den Journalisten hinter Gitter hält.

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Deniz Yücel ist damit nicht alleine. Laut Spiegel sind derzeit 170 Journalist*innen in der Türkei in Haft oder Gewahrsam. Doch in dem Land geht es schon lange nicht mehr nur um Journalist*innen und Pressefreiheit. Niemand ist vor Erdoğans Säuberungen sicher. Feind ist, wer es wagt den Präsidenten oder seine Politik zu kritisieren.

Deniz ist zunächst einmal ein Mensch

Manche meinen, Yücel sei zu Recht in Haft. Schließlich hätte er sich freiwillig der Polizei gestellt und gewusst, dass sie ihn einsperren würde. Andere werfen dem Journalisten vor, zu weit in seiner Berichterstattung gegangen zu sein. Außerdem hätte er auch noch polemisch, arrogant und viel zu kantig geschrieben.

Im Grunde ist das aber alles total zweitrangig. Was man nun von Deniz Yücel hält und wie sympathisch er einem ist, darf nicht die Rechtfertigung dafür sein, dass er inhaftiert wurde. Seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel wendet sich in einem heute veröffentlichten Brief an all die Kritiker*innen ihres Mannes: „Ich interessiere mich nicht für deine politische Einstellung, deine Herkunft, deine Fußballmannschaft oder dein Lieblingsessen. Mir geht es nur darum, dass du ein Mensch bist. Deniz ist, unabhängig davon, ob er mein Mann oder ein Journalist ist, zunächst einmal ein Mensch“, schreibt sie.

Seine Inhaftierung verstoße gegen die Menschenrechte. „Von jeder Institution, die den Begriff „Menschenrechte“ in ihrem Namen führt, erwarte ich einen professionelleren Atem als mein amateurhaftes Pusten. Es sind 200 Tage. Ist dir das bewusst?“ Auf die Frage, ob die Deutsche Regierung sich zu wenig für die Freilassung ihres Mannes einsetze, antwortet sie nur: „Um das zu beantworten, müsste ich wissen, was genau unternommen wird.“

Weit weg und doch so nah

Die Türkei mag weit weg scheinen. Man mag sich fragen, warum soll mich dieser Deniz kümmern? Was hab ich mit ihm zu tun?

Im Fall Deniz Yücel geht es nicht nur um die fehlende Pressefreiheit und verletzten Menschenrechte in der Türkei, sondern auch um das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei.

Erst letzte Woche gab Erdoğan seine vermeintliche Wahlempfehlung ab: „Ich rufe alle meine Landsleute in Deutschland auf: die Christdemokraten, die SPD, die Grünen sind alle Feinde der Türkei“, sagte Erdoğan in Istanbul vor Journalist*innen. Diese Nachricht richtete er an seine Landsleute. Gemeint waren damit rund 1,2 Millionen wahlberechtigte Deutsche, die türkische Wurzeln haben.

Diese Aussage ist nicht nur ein diplomatisches No-Go, sondern auch ziemlich gefährlich. Denn sie zielt ausnahmslos auf eine Spaltung in der Gesellschaft ab.

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Ein weiteres Argument, warum uns die Türkei nicht egal sein sollte, ist der Geflüchtetendeal zwischen der Türkei und der EU. Auch in dieser Hinsicht sind wir von den Entscheidungen und der Gefühlslage Erdoğans abhängig. Keiner weiß, was passieren würden, wenn er den Deal platzen lassen würde.

Die Angst vergessen zu werden

Wie kann man Deniz Yücel also unterstützen?

Was ihrem Mann wirklich helfe, sei Post zu bekommen, sagt Dilek Mayatürk-Yücel. Die Angst von jedem Menschen im Gefängnis sei vorrangig, vergessen zu werden, erklärt sie in einem Interview mit der Faz. Seit einiger Zeit darf Deniz im Gefängnis Post erhalten, somit kann ihm jede*r schreiben.

Da eine Kommission die Briefe überprüfen würde, ist es sinnvoll auf Türkisch zu schreiben, da sie sonst nicht durchkommen würden. Die Welt hat dazu einen Service eingerichtet, der die Post an Deniz übersetzt und weiterleitet. Seine Frau rät zu Google Translate: „Schlechtes Türkisch oder Grammatikfehler sind für einen Menschen in Isolationshaft unwichtig. Im Gegenteil, sie werden Deniz zum Lächeln bringen.“

Im März konnte Deniz selbst einen Brief verfassen, bevor er in die Untersuchungshaft überstellt wurde. Darin hält er fest, wie wichtig die Unterstützung für ihn ist: „[…] Ich danke allen Freunden, Verwandten, Kollegen, und allen, die sich für mich einsetzen. Glaubt mir: Es tut gut, verdammt gut.“