Depression im Alter: Wie du damit umgehst, wenn Oma des Lebens müde ist

Rund 20 Prozent der Ü-65-Jährigen leiden unter depressiven Erscheinungen. Wie man damit umgeht, wenn die eigene Oma nicht mehr am Leben teilnehmen möchte und warum ausgerechnet Botox helfen könnte.

Wann hat Oma eigentlich das letzte Mal gelächelt? Christian Newman/Unsplash

Meine Großmutter ist lebensmüde. Sie springt kein Bungee oder ähnliches, nein, sie ist lebensmüde im wahrsten Sinne des Wortes: des Lebens müde. Sie bewegt sich nicht mehr, sie trifft keine Freunde mehr. Wenn man sie anruft, würgt sie das Gespräch nach nur einer Minute ab. Was macht sie den ganzen Tag? Sie verlässt das Haus kaum noch, den Kuchen backt sie schon lange nicht mehr selbst, auch ein Besuch der Enkel bereitet ihr keine Freude. Wann haben wir sie zum letzten Mal lächeln gesehen?

Das Thema Depression ist in aller Munde. Die Krankheit gilt als Volkskrankheit, wird hierzulande mittlerweile häufiger diagnostiziert als Herzleiden oder Krebs. Ärzte geben Ratschläge, es gibt haufenweise Artikel über Warnsignale, Auslöser und Behandlungsmethoden. Betroffene sprechen offen darüber, was andere über die psychische Krankheit wissen sollten oder was einem selbst gegen Depression geholfen hat.

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Depressionen zu überwinden oder zumindest mit ihnen leben zu können, heißt für den Betroffenen auch immer, neuen Lebensmut zu finden. Um neue Schritte gehen zu können, um an einer zufriedenen Zukunft zu arbeiten. Was ist aber, wenn da nicht mehr viel Zukunft ist, wenn alte Menschen unter Depressionen leiden?

Dr. Axel Wollmer ist Chefarzt einer Gerontopsychatrie in Hamburg. Er beschäftigt sich tagtäglich mit depressiven Menschen ab 65. Wo setzt er an? Ein wichtiger Aspekt sei, so Wollmer, wie Betroffene auf ihr Leben zurückschauen. „Junge Menschen schauen nach vorne, ältere Menschen bewerten die eigene Vergangenheit. Eine Hauptentwicklungsaufgabe für Altersdepressive ist, einen wohlwollenden Blick auf die eigene Person und die eigene Biografie zu werfen. Man sollte großzügig und versöhnlich mit sich sein, das eigene Leben mit seinen Höhen und Tiefen als Ganzes annehmen.“

Entschleunigung oder ernstzunehmende Depression?

Oft beginnt eine Altersdepression mit dem Eintritt ins Rentenalter. Oder mit dem Verlust eines wichtigen Menschen, mit dem man viele Jahre verbracht hat. Das Gefühl, alt zu sein und nicht mehr gebraucht zu werden, überkommt die Menschen. Sie wissen oft nicht, was mit ihrer Zeit anzufangen. Das Leben ist plötzlich weniger hektisch, dazu kommen gesundheitliche Einschränkungen.

Viele Menschen ziehen sich im Alter zurück – und genau darin liegt die Schwierigkeit: Wo zieht man die Grenze zwischen einfacher Entschleunigung und ernstzunehmender Depression? „Das ist nicht leicht“, bestätigt Wollmer, „denn häufig ordnet man Symptome einer Altersdepression vorschnell unter normalen Alterserscheinungen ein. Das bisschen Rückzug sei doch normal. Das ist es aber in vielen Fällen nicht: Wir gehen erst einmal davon aus, dass jeder Mensch, egal welchen Alters, aktiv am Leben teilnehmen möchte und Kontakte pflegt.“

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Was kann man also tun, wenn die eigene Großmutter das nicht mehr tut? „Der Appetit kommt beim Essen“, rät Wollmer. Man solle ihr Lust auf mehr machen, sie zu Aktivitäten anregen und hoffen, dass sie wieder Gefallen daran findet. „Wie so oft muss der innere Schweinehund überwunden werden, um wenigstens wieder ein minimales Aktivitätsniveau zu erreichen. Mit ersten Erfolgserlebnissen kommt häufig auch die Lust und die Kraft, wieder mehr zu unternehmen.“

Außerdem soll man Betroffene gezielt fragen, wie es ihnen geht, und sich nicht mit knappen Antworten abfinden. Die Frage vielmehr in Situationen verordnen: Wie geht es dir bei diesem schönen Wetter? Wie geht es dir damit, dass du seit einiger Zeit sehr alleine bist? So könne man bei der betroffenen Person bestenfalls selbst ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Lustlosigkeit nicht normal sei, sondern ein medizinisches Problem und dass man sich professionelle Hilfe holen soll.

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Neben gängiger Behandlungen wie etwa Antidepressiva, Gesprächs-, Elektro-Krampf- oder Lichttherapie wenden Wollmer und sein Team auch eine abwegig klingende Methode an: die Botox-Behandlung. Das funktioniere allerdings außerordentlich gut, erklärt der Gerontopsychiater. Denn durch traurige oder wütende Stimmungen zeichnet sich im Gesicht eine Zornesfalte ab, die durch den sogenannten Trauermuskel entsteht. Man kann davon ausgehen, dass diese bei älteren depressiven Menschen deutlich ausgeprägter ist.

Wollmer erklärt, dass die Mimik nicht nur Ausdruck für Stimmung ist, sondern umgekehrt auch Auslöser sein kann: Wenn man zornig drein schaut, wird das dem Gehirn gespiegelt und man fühle sich auch dementsprechend. Die negative Grundstimmung wird bestätigt und bestärkt. Hier greift das Botox: Spritzt man das Nervengift gegen die Falte, ist die Möglichkeit der Mimik gestört – und man fühle sich generell wohler.

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