Der Altar der Dresdner Annenkirche zeigt jetzt einen schwarzen Jesus und ein Flüchtlingsboot

Sachsens geschichtsträchtige Annenkirche ließ Künstlerin Marlene Dumas ein neues Altarbild entwerfen. Nun zieren Flüchtlingsboot und ein schwarzer Jesus die Kirchenwand. Ein Bekenntnis zum Zeitgeschehen?

Schwarzer Jesus in Dresdner Annenkirche. © Oliver Killig/dpa-

Die Sächsische Zeitung nannte es einen „mutigen Schritt“: Der Kirchenvorstand wollte seine Kirche sanieren und beauftragte die Künstlerin Marlene Dumas damit, ein zeitgenössisches Altarbild zu entwerfen und überließen der Südafrikanerin somit „das Gesicht der Annenkirche“, wie die Sächsische Zeitung schreibt. Mit einem Gottesdienst hat die Gemeinde das neue Altarbild am Sonntagnachmittag eingeweiht.

Im Februar 1945 überstand die evangelische Kirche wie durch ein Wunder einen nächtlichen Bombenangriff, bei dem die Kirche inklusive Altar und Altargemälde schwer demoliert wurden. Auch die etwa 1.000 Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in der Kirche Schutz suchten, überlebten.

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In den vergangenen Jahren wurde die Kirche Stück für Stück renoviert. Nur der Platz für das drei Meter hohe Altarbild blieb seit 1945 unberührt. Bis 2014 die eigens gegründete Kommission, bestehend aus dem Kirchenvorstand und Dresdner Kunstexperten, Dumas den Auftrag gab. Marlene Dumas zählt zu den einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie stellte ihre Werke unter anderem schon im Museum of Modern Art in New York aus.

Vier Jahre lang arbeitete die 63-Jährige an ihrem Kunstwerk und stand währenddessen im ständigen Austausch mit der Kirchengemeinde, um sich von ihren Äußerungen inspirieren zu lassen. Sie hatten sich unter anderem Motive der Hoffnung und der Gegenwart gewünscht.

Da, wo normalerweise Maria den toten Jesus hält, trägt auf Dumas Lebensbaum ein Mann eine leblose Frau auf den Armen. Und statt Krippe und Engel sind ein überfülltes Boot und ein schwarzer Jesus zu sehen. Schwingt da etwa ein Bekenntnis zum Zeitgeschehen und zukunftsorientiertem Handeln mit? Allgemein genießt die Kirche heutzutage ja eher ein, vorsichtig ausgedrückt, verstaubtes Image.

„Ein Altarbild muss nicht immer leichte Kost sein“, sagte der Pfarrer der Annenkirche Wolfram Weihrauch dem Deutschlandfunk. Aber natürlich könne über Kirchenkunst gestritten werden. In der Gemeinde überwiege aber die Freude über das neue Werk.

Sachsens protestantischer Landesbischof Rentzing schraubte die neue Interpretation von Dumas Werks etwas zurück. In seiner Predigt sagte er, dass Kunst mehr sei als die Darstellung der Gegenwart. Der Lebensbaum stehe auch dafür, dass „aus dem Tod Leben entsteht und Liebe aus dem Hass“.

Marlene Dumas Geschenk an die Dresdner Annenkirche wird wohl immer viel Raum für Interpretation lassen. Immerhin – so viel Spielraum und künstlerische Freiheit gab es in der Geschichte der Kirche bisher selten.

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