Der Angst trotzen: Warum indische Frauen nachts demonstrieren gehen

Übergriffe indischer Männer machen viele Inder*innen wütend. Eine Initiative ruft Frauen jetzt dazu auf, sich nachts erst recht dort aufzuhalten, wo es brenzlig werden könnte.

Protestteilnehmerin fordert Sicherheit für Frauen in der Öffentlichkeit. © Lea Gölnitz

„Ich hasse es, wie die Männer hier starren. Als wäre ich kein Mensch. Ich hatte Angst und meine Eltern wollten mich abends nicht vor die Tür lassen“, erzählt Rachel Bali über ihre Erfahrungen in Neu-Delhi. „Ich gehe trotzdem raus. Das ist ja sonst kein Leben. Aber natürlich habe ich die Angst verinnerlicht und gehe ungern raus“. Die 24-Jährige hat genug von diesem Gefühl und der Machtlosigkeit.

Deshalb gründete sie die Initiative KrantiKali, die durch Kunst und Aktion Geschlechtergerechtigkeit voranbringen will. Sie veranstaltet feministische Literaturabende, organisiert Nachtspaziergänge und sammelt Geschichten von Frauen, die auf der Straße belästigt wurden, damit den Männern klar wird, wie sich das anfühlt: angestarrt, angegrabscht oder beschimpft zu werden.

Der niedrige Status von Frauen in Indien werde im Umgang zwischen den Geschlechtern auf der Straße besonders deutlich. „Ständig belästigt zu werden verändert einen“, erzählt Rachel Bali. „Nur wenige wollen darüber sprechen. Aber Männer jeder Klasse und Kaste scheinen jegliche Empathie verloren zu haben. Bildung allein reicht nicht. Ich weiß nicht genau, was es ist, was in unserem Land fehlt, aber die Erziehung und Denkweise der Männer muss sich radikal ändern“, fordert die junge Frau aus Kaschmir.

Was ist nur los mit den indischen Männern?

Bali ist nicht allein auf der Suche nach Antworten. Für Jasmee Patheja, Gründerin der Initiative Blank Noise, ist klar: „Die Männer denken, sie haben einen Anspruch auf Frauen. Die Tatsache, dass Politiker das Verhalten der Männer auch noch rechtfertigen und Gewalt gegen Frauen verharmlosen, führt zu Normalisierung von Gewalt und Abwertung von Frauen. Das Verhalten der Männer wird auf die Kleidung, den Westen oder die Jugend geschoben. Damit kann niemand zur Verantwortung gezogen werden.“

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Auch der Psychiater Samir Parikh erklärt im Magazin Outlook unter dem Titel Was ist falsch mit unseren Jungs? Warum müssen sie jede Frau, die sie sehen, belästigen?, dass Desensibilisierung und Mangel an Empathie eine Erklärung sein könnten. Wörtlich sagt er: „Wir erleben einen Verfall in der Einstellung zu Geschlecht auf einem kollektiven Level. Das kommt in Kriegssituationen vor und in Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden.“

Weitere Gründe sind seiner Meinung nach fehlende sexuelle Aufklärung und die massenhafte Verbreitung von Pornografie bei gleichzeitiger Tabuisierung von Sexualität. Es gehe aber auch um Macht: Viele indische Männer scheinen nicht in der Lage zu sein, sich an die Machtlosigkeit in einer sich wandelnden Welt anzupassen. Hinzukomme, dass Gesetze, die nachlässige Strafverfolgung und Politiker*innen eher als Bollwerk des Patriarchats dienten anstatt Anstoß für Reformen zu geben. Das kritisieren auch Frauenrechtsgruppen immer wieder.

Alltag in Angst?

Die brutale Vergewaltigung einer 23-Jährigen im Dezember 2012 hat nicht nur im Land, sondern auch international für Aufregung gesorgt und heftig an Indiens Image als farbenfrohem Hippie-und-Yoga-Paradies gerüttelt. Die junge Frau wurde von sechs Männern vergewaltigt und auf der Straße zurückgelassen. Wenige Tage später starb sie an ihren Verletzungen.

Gedenkstätte für den Vorfall vor vier Jahren in Delhi. © Lea Gölnitz

Daraufhin kam es zu Massenprotesten, bei denen für die Vergewaltiger die Todesstrafe gefordert wurde. 2015 gab einer der Täter in einem BBC-Interview aus dem Gefängnis dem Opfer die Schuld an der Tat. Sie hätte nicht abends draußen unterwegs sein sollen. In der Logik der Täter wurde sie zur Strafe vergewaltigt. Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum ist so alltäglich, dass laut einer Studie der internationalen Hilfsorganisation Action Aid vier von fünf Frauen in Indien regelmäßig sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit erleben.

„Wenn ich die Straße entlanglaufe – ob zur Arbeit oder zum Markt – setze ich meinen Todesblick auf und scanne das Gesicht von allen Männern, die ich passiere. Ihre Augen suchen nicht mein Gesicht, sondern meinen ganzen Körper ab. Ich mache mich groß und meine Hände bilden Fäuste. Ich bin bereit, mich mit jedem anzulegen, der mir zu nahe kommt. Ich habe Angst, aber ich bin ich eher wütend“, erzählt eine junge Frau in Neu-Delhi. Eigentlich sollte es in dem Gespräch um etwas ganz anderes gehen, aber wenn sich zwei Frauen treffen, geht es früher oder später um Belästigung. Für Frauen geht es dabei um mehr als unfreiwilligen Körperkontakt. Es geht um Freiheit, Sicherheit und Teilhabe am öffentlichen Leben.

Feministische Initiativen lassen sich nicht einschüchtern

Immer mehr Frauen wollen die Diskriminierungen nicht mehr hinnehmen, deshalb drehen inzwischen zahlreiche feministische Initiativen den Spieß um und wehren sich gegen die Opfer-Beschuldigung. Sie ermutigen Frauen, ihre Angst in Wut und Selbstbewusstsein umzumünzen. Als direkte Reaktion auf den Vorfall in Bangalore, bei dem in der Silvesternacht Männergruppen mehrere Frauen auf der Straße sexuell belästigt und angegriffen haben sollen und auf die Kommentare von Politiker*innen, die Frauen empfahlen, nach Einbruch der Dunkelheit im Haus zu bleiben, fanden in den nachfolgenden Wochen und Monaten in ganz Indien #IWillGoOut-Märsche statt.

Wütend und kämpferisch – Demonstrierende beim #IWillGoOut Marsch. © Lea Gölnitz

Frauen wollen damit zeigen, dass sie sich weigern, ihren Ausschluss aus dem öffentlichen Leben hinzunehmen. Rachel Bali ist eine der Organisator*innen des Marsches in Neu-Delhi: „Wir sind alle sehr wütend, frustriert und fassungslos. Viele von uns arbeiten seit Jahren für mehr Bewegungsfreiheit. Wir können einfach nicht glauben, dass es vier Jahre nach der Vergewaltigung, die auch international für Aufregung sorgte, einfach so weitergeht.“ Daher sei es wichtig, dass die jetzige Bewegung nicht im Sande verlaufe wie die Proteste zuvor.

„Wir protestieren gegen die Gewalt und die damit einhergehende Einschränkung der Mobilität, die nur auf Angst basiert“, heißt es im Aufruf zu den #IWillGoOut-Märschen. Aber „es geht nicht nur darum, die Straße zurückzugewinnen, sondern darum, den Diskurs über den Zugang zu öffentlichem Räumen zu verändern“, erklären die Organisator*innen. Mehr Frauen sollen nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße gehen, in der Hoffnung, dieses Verhalten werde zur Norm.

Beispiele dafür gibt es bereits – dabei wissen die Frauen Soziale Medien und Aktivismus auf der Straße geschickt zu verbinden. Alles wird auf Twitter und Facebook dokumentiert. Das Blog Why loiter? (Warum abhängen?) ruft Frauen seit 2014 dazu auf, Präsenz zu zeigen. Das mag banal klingen, ist aber im indischen Kontext, in dem kaum Frauen in der Öffentlichkeit unterwegs sind und erst recht nicht an einem Ort verweilen, eine radikale Protestform. Frauen treffen sich im Park oder verabreden sich zu Mitternachts-Spaziergängen. Was als kleine Initiative in Mumbai begann, breitet sich immer weiter aus.

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Frauen in Delhi erklären auf einem solchen Night Walk, wie befreiend und abenteuerlich es sich anfühlt: „Es ist ein bisschen Nervenkitzel, aber wirklich befreiend. Das hier ist meine Stadt, aber ich kenne sie so überhaupt nicht“, sagt eine junge Frau. Der Grund: Die meisten waren noch nie so spät nachts ohne männliche Begleitung unterwegs.

Die subversive Kampagne Have Shorts Will Smoke bittet Frauen, Fotos von sich zu teilen, auf denen sie Kleider oder kurze Hosen tragen und in der Öffentlichkeit rauchen oder Alkohol trinken. Die Initiative Blank Noise stellt Kleidung von Frauen aus, die sie trugen, als sie belästigt wurden. Vom Langarmshirt und Pluderhose bis zum Rock ist alles dabei. Damit zerstören sie den Mythos, dass bedeckende Kleidung vor Belästigung schütze. #Walkalone ist der Hashtag, den Frauen in ganz Indien benutzen, um zu zeigen, wie sie eine Strecke ablaufen, obwohl sie Angst haben. Auch hier berichten Frauen von ermutigenden Erfahrungen. Das Gefühl, Angst zu überwinden und sich die Stadt zurück zu erkämpfen, überwiege die negativen Erfahrungen. Blank Noise erklärt diese Frauen zu Heldinnen.

Frauen werden für ihre eigene Sicherheit verantwortlich gemacht

Große Teile der Gesellschaft sehen die Ursache für Belästigung in der Kleidung und dem Verhalten der Frauen. Immer wieder behaupten auch Politiker*innen, dass Frauen in bedeckter Kleidung und in Begleitung von männlichen Verwandten nicht belästigt werden oder fordern sie auf, zu Hause zu bleiben. So erklärte der ehemalige Chief Minister von Haryana in einem Interview, dass Kinderehe die Lösung sei, um Vergewaltigungen zu verhindern.

Ein weiterer Politiker aus Madhya Pradesh sagte gegenüber einer Zeitung, dass Vergewaltigung als Verbrechen sowohl von Männern als auch von Frauen abhänge – manchmal sei es richtig, manchmal falsch. Der Politiker behauptete auch, dass Frauen, die sich bedeckt kleideten und regelmäßig in den Tempel gingen, nicht vergewaltigt werden würden. Viele Politiker*innen sind sich darin einig, dass Frauen einfach nur mit männlichen Verwandten aus dem Haus gehen sollten. Dann gäbe es auch kein Problem.

Die meisten Sicherheitsvorkehrungen setzen auf die Angst der Frauen

Gleichzeitig gibt es Frauenabteile in der U-Bahn und in Bussen. Ein Alkoholgeschäft mit einer Frauenzone wirbt seit 2015 mit angeblichem belästigungsfreien Shopping. Der Fahrdienst Uber installiert Panik-Knöpfe in den Autos, Handys werden mit einem GPS-Alarmsystem ausgestattet und pinke Pfeffersprays liegen im Kiosk nebenan.

In Neu-Delhi dürfen Frauen mit einem Messer bewaffnet U-Bahn fahren. „Kleine Messer sind keine Bedrohung für die allgemeine Sicherheit, aber nützlich für Frauen, um sich zu schützen“, erklärte ein Offizier. Man scheint sich damit abzufinden, dass Frauen ständig in Alarmbereitschaft sein müssen.

Kleine Messer sind keine Bedrohung für die allgemeine Sicherheit, aber nützlich für Frauen, um sich zu schützen.“

Feministische Aktivist*innen kritisieren das. Das Problem bleibt bestehen, solange sich die Männer nicht ändern. Umfragen zufolge haben 96 Prozent der Frauen in Neu-Delhi – fast neun Millionen Einwohnerinnen der Stadt – Angst, alleine rauszugehen. Nur 27 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Indien arbeiten außer Haus. Familien wollen oft nicht, dass Frauen arbeiten. Sicherheit spielt dabei eine große Rolle.

Bei dem jüngsten #IWillGoOut-Marsch zeigten sich die Demonstrierenden kämpferisch und wütend. In Sprechchören rufen sie: „Ich gehe raus! Am Tag und in der Nacht! Alleine oder mit meinen Freundinnen!“ Eine Teilnehmerin des Protests erklärt, sie marschiere mit, weil sie keine Geduld mehr habe, darauf zu warten, „dass die indischen Männer im 21. Jahrhundert ankommen – indem wir immer wieder und häufiger als Protest rausgehen, machen wir unsere Anwesenheit auf den Straßen alltäglich und die Männer sind gezwungen, damit klarzukommen.“

Damit die Aufmerksamkeit für das Thema nicht verloren geht plant die Bewegung bereits den nächsten Teil der Kampagne. „Demnächst werden wir uns die Straßen mit Kunst erobern und über drei Monate hinweg Aktionen in mehreren Städten durchführen“, erzählt Bali.


Von Lea Gölnitz auf Deine Korrespondentin.

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