Der Deutsche an sich ist hässlich und feige

Sagt zumindest Google.

Google ist mein Freund, mein Vertrauter, mein Weggefährte. Wir sehen uns beinahe täglich. Bei der Arbeit sowie auch in der Freizeit. Wenn es mir schlecht geht, muntert er mich auf. Mit ihm teile ich meine dreckigsten Geheimnisse. Leider ist nicht immer auf ihn Verlass. Wenn ich ihn lasse, spuckt er viel Blödsinn aus.

Das ist mir heute wieder aufgefallen. Als ich bei der Arbeit wie so oft nach seiner Hilfe fragte, fiel er mir ins Wort. Immer und immer wieder. Ursprünglich wollte ich nur die Frage beantwortet wissen: „Warum sind Deutsche dazu verpflichtet, einen Personalausweis mit sich zu tragen“. Aber Google wollte über etwas anderes sprechen.

Screenshot vom 1. Juni 2017.

[Außerdem auf ze.tt: Du hast Kopfschmerzen und Google sagt, du hast Krebs. Das soll sich ändern]

Seit fast zwei Jahren lebe ich nun in Berlin, und seit fast zwei Jahren ist die deutsche Hauptstadt wirklich gut zu mir. Dass die Deutschen besonders hässlich, negativ und langweilig seien, ist mir bisher nicht aufgefallen. Ich wurde neugierig. Die Menschen sagen, Berlin sei anders als der Rest des Landes. Ich fragte daher noch einmal meinen besserwissenden Freund, was er zu den Berliner*innen zu sagen hat.

Screenshot vom 1. Juni 2017.

Oh, das? Meinetwegen kann man unfreundlich gelten lassen. Das ist völlig okay. Die laute bis vorlaute Berliner Schnauze kenne ich in leicht abgewandelter Form bereits aus Wien. Nur, dass die Wiener Goschn eben ein bisserl mehr jammert. Wenn mir in Berlin eine Dame mittelfortgeschrittenen Alters in der U-Bahn die Kopfhörer aus den Ohren zieht, um mir laut-grantig mitzuteilen, dass ich ihr für ihren Ausstieg im Weg stünde, oder wenn mir ein Passant auf der Straße auf meine Frage nach der Richtung „Sach mal, seh ick aus wie Jesus?!“ zurückplärrt, dann könnte man das unter Umständen unfreundlich nennen. Sind dann die Wiener*innen nicht genauso? Bitte sei wenigstens fair, Google.

Screenshot vom 1. Juni 2017.

Okay cool. Wir sind alle scheiße. Ein Grund mehr, beim Bäcker weiterhin eine Topfengolatsche statt einer Quarktasche zu bestellen, oder bei der Frischetheke im Supermarkt nach zehn Deka Extrawurst zu fragen. Es macht Spaß, Verwirrungen heraufzubeschwören – vor allem, wenn ich damit authentische Reaktionen wie „Dit hamwa nich!“ zurückbekomme oder plötzlich nette Gespräche über Herkunft und Dialekte entstehen.

Ich fragte weiter und tippte unterschiedliche Satzanfänge in die Suchleiste. Jedes Mal grätschte Google rein und jedes Mal wurden die Vorschläge ärger. Und fast jedes Mal kam Deutschland noch schlechter weg.

Screenshot vom 1. Juni 2017.
Screenshot vom 1. Juni 2017.
Screenshot vom 1. Juni 2017.

Was ist da los?

Geh bitte. Ich habe mir eine Erklärung dafür zusammengegoogelt, wie Google googelt.

Das Unternehmen führte die Autovervollständigungsfunktion im Jahr 2008 ein, seit April 2009 gibt es sie auch in Deutschland. Die sogenannte Search-Suggest-Funktion zeigt uns Vorschläge an, die auf drei unterschiedlichen Faktoren basieren: Suchhäufigkeit, Lokalität und Saisonalität. Die Suchmaschine schlägt uns vor, was andere zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort am öftesten gesucht haben.

Warum es teilweise zu solchen idiotischen Angaben kommt, ist unterschiedlich. Das kann zum Beispiel ein virales Video sein, das in den letzten Stunden millionenfach Klicks generiert hat. Wenn dieses Video sehr viele Internet-Nutzer*innen dazu bringt, eine gewisse dämliche Annahme an Mister Google zu schreiben, wird genau diese Suchwortkombination auch anderen Leuten angezeigt. So eine Vervollständigung von Suchanfragen wird automatisch und ohne menschliche Beteiligung erzeugt. Das erledigt ein Algorithmus.

[Außerdem auf ze.tt: Lass Algorithmen entscheiden, wie scharf du bist]

Das bedeutet, es gab und gibt tatsächlich sehr viele Leute, die sich fragen, ob Helene Fischer tot und Angela Merkel wahnsinnig sei. Das mag auf den ersten Blick harmlos und witzig erscheinen. Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab allerdings, dass die Google Suggests durchaus negative Auswirkungen haben können. Ein Drittel aller Nutzer*innen würden sich über diese Vorschläge einen ersten Eindruck und im unmittelbaren Anschluss eine Meinung bilden, auch wenn die Vorschläge völlig realitätsfern sind. Im schlimmsten Fall kann das reputationsschädigend wirken. Vor allem, weil sich falsche Assoziationen durch das Anklicken der Vorschläge „weiter verfestigen und nur sehr schwer wieder zu verdrängen sind.“ Dem ist sich wohl auch Google bewusst: Seit einigen Wochen gibt es nun auch den Link unter dem Suchvorschlagsfeld „Unangemessene Vervollständigungen melden“, über den man Google über merkwürdige Vorschläge einweihen kann.

Laut der Studie dauert es mehrere Monate, teilweise auch Jahre, bis sich Suggests zu einem Thema verfestigen. Bei viralen, öffentlich diskutierten Themen können sich die Suggests aber schon in weniger als 24 Stunden ändern.

Wenn ihr also denselben Versuch wie ich macht, kann es gut sein, dass bei euch andere Suchvorschläge angezeigt werden. Je nachdem, wann ihr das tut, wo ihr euch befindet und wie viele andere Nutzer*innen in der Zwischenzeit etwas anderen gesucht haben. Mit jeder Suchanfrage helfen wir dem System, es zu optimieren.

Es ist also tatsächlich so, dass Google weiß, was wir in unserer Gesamtheit wissen wollen. Das macht es nicht weniger unheimlich. Warum so viele Nutzer*innen nach diesen grausamen Wortreihenfolgen suchen, kann Google auf meine Anfrage selbst nicht beantworten. Denn jedem Menschen ist es erlaubt, die Googlesuche zu benutzen, wie er möchte. Immerhin kommt Österreich genau so schlecht weg wie die Piefke.

(Sorry.)