Über die Gründe, warum sich der erste Profiskater jetzt erst als schwul outet

Er war Skater of the Year und gewann den World Championship. Jetzt hat Brian Anderson öffentlich gemacht, dass er schwul ist. Dass er solange damit gewartet hat, sagt einiges über die festgefahrenen Geschlechterrollen in der Szene aus.

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Brian Anderson hat sich geoutet. © alchetron.com © Lizenz: CC BY-SA 3.0

Brian Anderson hat in seiner Karriere so ziemlich alles erreicht, was man als Skater erreichen kann. Das Thrasher Magazine hat ihn zum Skater of the Year 1999 gekürt, er hat den World Championship in Dortmund gewonnen. Anderson fuhr immer aggresiv und stürzte sich lange Geländer mit Tricks hinunter, die andere nicht mal am Bordstein machen.

Doch eines hat er sich nicht getraut: zu sagen, dass er schwul ist. Das hat er jetzt Vice Sports in einem knapp halbstündigen Videobeitrag erzählt. Dass er so lange gewartet hat, liegt nicht daran, dass Anderson ängstlich ist, sondern Skateboarden eine Szene ist, in der „Bist du gay?“ oder „Schwuchtel“ noch immer gängige Schimpfwörter sind.

Eigentlich hatte Anderson nicht geplant, seine Sexualität öffentlich zu machen. Nur weil ihn ein Freund zufällig mit einem anderen Mann sah, beschloss er, ihn einzuweihen und sagte es dann nach und nach mehr Leuten. Schließlich entschied er sich, vor die Kamera zu treten. Weil es ihn befreite und weil er junge Skater ermutigen will.

Männlich dominierte Szene

Das ist bitter nötig, denn auch wenn sich Skater sonst weltoffen und tolerant geben – in der Szene gibt es auch jede Menge Tabus, wie ich aus mehr als zwanzig Jahren skaten weiß. Es existieren für Außenstehende oft unsichtbare Regeln. Kein guter Skater würde zum Beispiel mit dem vorderen Fuß Schwung holen (in der Szene „Mongopushen“ genannt) oder sein Board an der Achse tragen (sogenannte „Kofferträger“). Es gibt zudem bestimmte Tricks wie Benhihanas, Pop-Shove-it-Tailgrabs, die kaum jemand macht und wenn doch, ist er uncool – oder eben gay.

[Außerdem bei ze.tt: Mädchen in Afghanistan: Nur Skaten ist erlaubt!]

Das mag daran liegen, dass viele Skater Jungs in der Pubertät sind und Rückhalt in einer möglichst gleichgeschalteten Gruppe suchen, wie Eric Mirbach auf redbull.com schreibt. Zum Glück tut sich langsam etwas und es gibt mehr und mehr skatende Frauen.

Dass Brian Anderson mit seinen Bedenken, seine Homosexualität öffentlich zu machen, durchaus recht hat, zeigt auch ein Beispiel aus der deutschen Szene, das allerdings schon mehr als ein Jahrzehnt her ist. Damals kam plötzlich das Gerücht auf, dass ein erfolgreicher Skater schwul sei. Alle sagten, dass das völlig egal und seine Sache sei – aber er hörte schließlich auf, professionell zu skaten. Man sah ihn weder auf großen Wettbewerben und noch in Magazinen.

Meine Timeline ist heute voll von Posts, die Anderson für seinen Mut bejubeln. Ich wünsche mir, dass es egal ist, welche Sexualität jemand hat. Noch besser wäre es, wenn jemand dafür nicht beklatscht werden muss. Sondern, dass es einfach normal ist, dass er schwul ist. Dann sind wir nämlich endlich auch in der Skateszene im Jahr 2016 und nicht mehr im Mittelalter.