Der Film „Sexarbeiterin“ zeigt, dass das Leben einer Prostituierten anders ist, als wir denken

Wir alle haben bestimmte Bilder im Kopf, wenn es um das Thema „Sexarbeit“ geht. Aber diese Bilder stimmen eben nur manchmal. Ein Film über eine Sexarbeiterin zeigt, dass wir mit manchen Vorurteilen dringend aufräumen sollten.

© SEXarbeiterin

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Lena strickt, Lena kauft im Bioladen ein, Lena putzt Massageöl-Flaschen. Ich schaue mir den Dokumentar-Film “SEXarbeiterin” an und denke: Hmm, das ist ein ganz normales Leben, das Lena da hat.

Naja, gut. Ganz normal ist dieses Leben natürlich nicht. Und “normal” ist ein Wort, das auf die Sexarbeiterin Lena auch nur manchmal passt. Denn ihre Arbeit ist nicht ganz normal. Ihre Arbeit ist außergewöhnlich. Und das zeigt der Film auch: Wie eine von Lenas Kundinnen einen ziemlich langen und – allem Anschein nach – ziemlich intensiven Orgasmus bekommt. Wie Lena weitere Kunden massiert. Wie sie nackt vor ihnen kniet. Solche Momente erleben die wenigsten im Büro.

Hausschuhe statt High Heels

„SEXarbeiterin“ mutet dem*der Zuschauer*in ein ziemliches Spannungsfeld zu: Peitschen und Buchhaltung, Intimmassage und Wohnungsputz. Und mittendrin diese so normal wirkende junge Frau. Dabei stellt man sich Sexarbeit eigentlich ganz anders vor. Verruchter, pinker, plüschiger. Und eine Sexarbeiterin bitteschön aufgebrezelt, hohe Hacken, Lippenstift, mindestens.

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In dieses Bild passt Lena so gar nicht rein: “Eigentlich ist mein Leben sehr bürgerlich. Ich gehe zur Arbeit, ich mache meine Steuererklärung. Ich langweile mich nicht in meinem Leben, aber von außen betrachtet sieht es vielleicht erstmal langweilig aus. Diese anderen Bilder von Sexarbeit stimmen ja auch manchmal, aber sie stimmen eben nicht immer und nicht für alle”, erklärt Lena während sie mir an einem Tisch in ihrem Wohnzimmer gegenüber sitzt.

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Wollstola um die Schultern gewickelt, Kräutertee in den Händen, die sehr langen Haare zu einem Dutt hochgezwirbelt. Hausschuhe statt hoher Hacken. Wie sie da so sitzt, passt Lena eher zum Stereotyp einer braven Angestellten, die mit Stofftaschen zum Biomarkt radelt und nicht zu dem einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit Tantramassagen und BDSM-Sessions verdient.

Was vorgefertigte Bilder mit uns machen und wie sie dabei unsere Wahrnehmung formen, kann man bei einer Begegnung mit Lena direkt erfahren.

„Warum macht die das?“

So ähnlich ging es auch dem Dokufilm-Regisseur Sobo Swobodnik als er sich vor drei Jahren durch das Fernsehprogramm zappte. Bei “Günther Jauch” blieb er hängen, denn dort war Lena zu Gast und sprach über ihre Arbeit und den von ihr mitgegründeten “Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen”. Da passten zwei Klischees so gar nicht zusammen: Die diplomierte Informatikerin mit stabilem Familienhintergrund, glänzenden Berufsaussichten und die Arbeit, der sie nachging. Warum macht DIE das?, wollte Regisseur Sobo wissen.

Ja, warum macht die das?

“Es ging los mit meinem eigenen Interesse an Sexualtität. Ich wollte Dinge ausprobieren und während meines Studiums in Dresden habe ich dann einen Kurs für sinnliche Massagen besucht. Ich wollte mich entfalten, ausprobieren, wollte lernen, aktiv in einer sexuellen Situation zu sein. Mehr war das erstmal gar nicht.”

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Schicksal war dann, dass Lena wohl Talent hat. Denn die Studiobetreiber*innen fragten sie, ob sie nicht auch selber Erotikmassagen geben möchte. “Ich fand das spannend. Denn es hat überhaupt nicht in mein Selbstbild gepasst. Ich war ein Streberkind, ein Nerd. Ich hatte damals auch kein ausgeprägtes Körpergefühl”, wundert sie sich noch heute über ihre damaligen Bedenken.

“Zu dem Zeitpunkt war mein Stipendium zwar gerade ausgelaufen, aber ich hatte trotzdem eine Hemmschwelle. Ich wusste nicht, ob ich mich damit wohlfühlen würde. Aber was den Beruf selbst anging, war es vor allem ein Denkverbot: Sexarbeit ist was, das die anderen machen.” Hinzu kamen aber auch ganz pragmatische Bedenken: “Ich hatte auch Versagensängste. Was, wenn ich es nicht schaffe, jemandem einen runterzuholen?”

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Jemandem einen runterholen. Da ist er wieder, der Bruch, der nicht ins Bild passen will. Die Hände, die sich gerade an der Teetasse wärmen und die Stricksocken hochgezogen haben, diese Hände fassen sonst tagsüber für Geld fremder Leute Genitalien an. Kann man über Sexarbeit wirklich so reden, als wäre es, ja, normal?

Kaum jemand denkt, dass sich Sexarbeiter*innen auch freiwillig führ ihren Job entscheiden

Das zweifelten auch einige Kritiker*innen an. Der Film “SEXarbeiterin” sei ästhetisch zu ansprechend und zeige dadurch Sexarbeit als zu schön und unproblematisch. Dabei blende er aus, was es in dem Bereich unwidersprochen natürlich auch gibt: Elend und Ausbeutung. Das Gegenteil von Selbstbestimmung.

Lena selbst sieht Sexarbeit als sehr heterogenes Berufsfeld. Der Film blende nicht aus, er konzentriere sich. Die Kritik habe allerdings auch etwas mit dem Bild von Sexarbeit ganz allgemein zu tun: “In einer romantischen Komödie mit Happy End beschwert sich hinterher auch keiner, dass Gewalt in der Ehe nicht vorgekommen ist”, meint sie nüchtern.

Da ist natürlich etwas dran. Das Bild von Sexarbeit ist bei vielen von uns geprägt von dem Glauben, dass man “so etwas” ja nicht freiwillig machen könne. Dass man diese Art der Arbeit als normal empfinden könnte. In dem Kontext irritiert eine Person wie Lena, die für sich in Anspruch nimmt, was man Frauen eigentlich nicht gerne abkauft. Dass sie Sexualität auch abgekoppelt von romantischen Gefühlen ausüben können und wollen.

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“Man braucht die eigene Lust nicht für Sexarbeit. Für mich war das am Anfang schon ein Aspekt, aber mittlerweile nicht mehr. Ich ziehe etwas daraus, jemanden glücklich zu machen. Auch von der Macht, einen Kunden durch bestimmte Situationen zu führen. Meine eigene Wirkmächtigkeit zu spüren.”

Sexualität in diesem Maße als Dienstleistung zu sehen, ist für viele Menschen ein schockierend-abstoßender Gedanke. Schockierend, weil sie glauben, dass es das Intimste ist, was zwischen zwei Menschen ablaufen kann. Abstoßend, weil diese Intimität dann auch noch mit einem Geldwert bemessen wird.

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Für Lena nicht nachvollziehbar: “Ich verkaufe nicht meinen Körper und auch nicht meine Lust. Ich verkaufe meine Zeit, eine Dienstleistung. In dieser Zeit haben meine Kunden auch kein Zugriffsrecht auf meinen Körper, wenn ich das nicht will.”

Sex, sagt die Sexarbeiterin, werde in unserer Gesellschaft überhöht. Für Menschen sei es ganz unterschiedlich, was für sie das Intimste sei. Sex sei nicht immer unbedingt intimer als alle anderen Dinge im Leben. Kann er sein, muss er aber nicht. Wir sollten anfangen, diese starke Kopplung von romantischen Gefühlen und Sexualität zu lockern, meint Lena. Die Themen nicht trennen, aber unabhängig voneinander denken.

Kein Beruf wie jeder andere

Wer mit Lena spricht, lernt: Ja, es gibt Menschen, für die ist Sexarbeit ein normaler Beruf. Vielleicht kein Beruf wie jeder andere, aber das ist Rettungsassistenz zum Beispiel auch nicht. Doch im Gegensatz zu Rettungssanitäter*innen haben wir für Sexarbeiter*innen ganz spezifische Bilder im Kopf. Lena entspricht diesen Bildern, die wir wir gemeinhin von “einer wie ihr” haben, allerdings überhaupt nicht.

Aber wenn Bilder so auf Wirklichkeit treffen, lässt sich eben auch Moral befragen. Eine Moral, die diese Bilder geformt hat. Eine Moral, die uns immer noch glauben lässt, dass Frauen keinen selbstbestimmten und gefühlsbefreiten Sex haben können. Eine Moral, die immer noch vermittelt, dass sich Frauen beim Sex irgendwie beschmutzen. Das Sex aber auch für Frauen etwas ganz normales sein kann. Daran müssen wir uns noch gewöhnen.