Das Video, das grad alle zu Tränen rührt

Ein Student aus Baden-Württemberg hat ein Video gedreht, in dem der Bewohner eines Pflegeheims um seine Freiheit kämpft. Wer am Ende keine feuchten Augen bekommt, hat vermutlich ein Herz aus Stein.

Opa Spot

Er möchte doch nur laufen... © Eugen Merher

Ein ehemaliger Marathonläufer lebt als alter Mann in einem Pflegeheim, ist apathisch und depressiv. Er vermisst das, was er am besten konnte und was ihn ausgemacht hat. Als er alte Sneakers sieht, wecken sie seinen Freiheitsdrang: Er will wieder laufen. Doch das ist nicht so einfach…

Entwickelt und gedreht hat diesen emotionalen Clip der Filmstudent Eugen Merher (26) aus Ludwigsburg von der Filmakademie Baden-Württemberg – allerdings schon vor einem Jahr. „Wir haben im Januar letzten Jahres gedreht und im März fertiggestellt. Er war auch für den Young Director’s Award nominiert, aber sonst ist erst nicht viel passiert. Dann habe ich einen Tipp bekommen und zusammen mit dem Komponisten Alexander Wolf-David andere, emotionalere Musik druntergelegt. Im Dezember haben wir den Film dann noch mal veröffentlicht und seit ein paar Tagen geht er plötzlich durch die Decke“, erzählt Eugen im Interview mit ze.tt.

Der Werbespot, der keiner ist

Dass das Video aussieht wie ein Adidas-Werbespot, ist kein Zufall. „Ich wollte was für einen Sportartikelhersteller machen und hatte dabei den Gedanken, dass Sport innerlich frei macht“, sagt Eugen. „Ich hatte erst Nike im Kopf, aber ich habe dann recherchiert und festgestellt, dass Adidas eine längere Tradition für Marathon in Deutschland hat.“

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Die Inspiration kam durch einen entfernten Verwandten, der mittlerweile leider gestorben ist. „Er war 80 und ist jeden Tag spazieren gegangen, hat auch Basketball geguckt. Er wirkte sehr jung und nicht alt, mehr wie ein Kumpel“, sagt Eugen.“Ich wollte seinen inneren Konflikt zeigen, dass er eingesperrt ist. Die Schuhe aktivieren sein junges Ego.“

Sich durchs Älterwerden verändern, Leidenschaften verlieren und sich selbst nicht mehr kennen ist etwas, das uns vermutlich allen früher oder später bevorsteht…

Sind Pflegeheime wirklich so schlimm?

In Eugens Clip „Breaking Free“ wird der der traurige, alte Mann vom Schauspieler und Schauspiellehrer Jens Weisser gespielt. Er versucht, seinen Laufdrang auszuleben und wird vom Pflegepersonal immer wieder daran gehindert. Bis sich schließlich die anderen Heimbewohner*innen zusammentun und dem Läufer helfen.

„Ja, der Spot ist schon sehr böse in Bezug auf Pflegeheime“, gibt Eugen zu. „Es ist aber nicht wie in ‚Einer Flog übers Kuckucksnest‘ gemeint. Es bezieht sich nicht auf Pflegeheime generell, aber für die Dramaturgie müssen manchmal leider so Klischees herhalten.“ Und er fügt hinzu: „Wenn Pflegeheime demenzkranke Menschen nicht rauslassen, ist das in dem Sinne ja auch ein Schutz.“ Während seines Studiums an der Uni Hohenheim hat Eugen zusammen mit Kommilitonen mal eine ganze Reportage über ein Pflegeheim gedreht; für den Clip begleitete er einen Pfleger in einer Einrichtung einen Tag lang.

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Auch Eugens eigene Großeltern sind in dem Video zu sehen. „Meine Oma hat Komparsin gespielt, mein Opa war bei dem Trio in der Mitte der Rechte, der mit dem Brecheisen in der Hand. Er hat echt gut gespielt und hatte sogar selbstständige Ideen.“

Adidas wollte Eugens Clip übrigens nicht. Man hätte zu viele Anfragen und schon genug Content. Doch seit das Video in sozialen Netzwerken so oft geteilt wird, erreichen Eugen Mails von mehreren Adidas-Abteilungen aus verschiedenen Ländern. „Sie sagen, dass sie es schade finden, dass die Mail nicht an der richtigen Stelle angekommen ist. Aber man weiß ja auch nicht vorher, was viral wird.“