Der Kampf gegen das Riesenschnitzel  

Warum gehen Menschen in ein XXL-Restaurant, um sich mit Speisen zu messen, die sie niemals aufessen können? Philipp und Manuel haben einen Selbstversuch gemacht.

© Philipp Kienzl

Euer Ernst? 1,2 Kilogramm Rinderschnitzel. © Philipp Kienzl

Wir kauen uns seit etwa einer halben Stunde durch unser 1,2 Kilogramm-Schnitzel, als eine Kellnerin das Highlight des Restaurants an uns vorbeischleppt. Auf einer 80 Zentimeter langen Metallplatte liegen drei Kilo gebratenes und gegrilltes Fleisch mit vermutlich genauso vielen Pommes. In der Mitte der Platte spuckt eine Wunderkerze Funken. Vier Jungs um die 20 Jahre am Tisch neben uns haben die Kaiserplatte XXL bestellt: Leber, Currywurst, Schweinelenden, Hähnchen, Roastbeef. Sie johlen, als die Kellnerin die Platte auf den Tisch wuchtet.

Johnny, Jasper, Millo, Robert (von links im Uhrzeigersinn). © Philipp Kienzl

Die Köpfe im Restaurant drehen sich. Staunen, Schulterzucken. Die Luft riecht nach Fritierfett, aus den Boxen wummert Ellie Goulding.

Es ist Freitagabend im RedoXXL in Berlin-Tempelhof, der Heimat der Riesenschnitzel, kiloschweren Ostbulletten und Mega-Eisbechern mit 30 Kugeln.

In Mitte und Neukölln essen die Hipster Sushi mit Stäbchen, kaufen Bioprodukte und werfen keine Lebensmittel weg. Hier zählt die Quantität und vor allem Fleisch. Worin besteht der Reiz dieser Portionen und wie fühlt man sich danach? Wir haben es ausprobiert.

Wer geht hier zum Essen hin?

Das Redo ist nicht der einzige Laden in Deutschland, der Riesenportionen anbietet. Aber Betreiber René Dost ist einer, der sich besonders gut vermarkten kann. Er betreibt landesweit fünf Restaurants. Fast ein Dutzend Dokus gibt es über ihn, in einer davon sagt er den Satz: “Die Leute müssen das Bedürfnis haben, immer weiter zu essen, obwohl sie schon zehn Mal satt sind.”

Das scheint zu funktionieren. Hier sitzen vor allem Männer, die in Gruppen essen, vereinzelt sind auch Pärchen zu sehen. Da ist der Rocker mit der Harley-Davidson-Handyhülle, der sich durch sein Eisbein säbelt und die Beilage liegen lässt, oder die vier Fußballjungs neben uns, die auch die Pommes liegen lassen und sich am Fleisch abarbeiten.

Einer von ihnen, der 21-jährige Johnny, hat seit dem Morgen nichts gegessen und sagt uns, es gebe ihm ein Gefühl von Macht, sich mit der Portion zu messen. Die Freunde nicken und gabeln sich das nächste Stück Fleisch.

Unser Gefühl ist eher Hilflosigkeit. Wir haben zu zweit ein 1,2 Kilogramm-Rinderschnitzel mit Steak House Pommes und Salatbeilage bestellt. Kostet 39,95 Euro. Wir nehmen einen sogenannten Schnorrteller für 1,95 Euro dazu. Nur so ist es erlaubt, Speisen zu teilen.

So sieht der Teller nach 30 Minuten Fresserei aus. Satt waren wir längst. © Philipp Kienzl

Der Kellner mustert uns bei der Bestellung. “Das ist normalerweise für drei Personen”, sagt er. Wir ahnen, dass wir die Portion nicht schaffen werden, aber geht es hier nicht genau darum? Sich daran aufzugeilen, mehr auf dem Teller zu haben als man essen kann, so viel zu essen, wie man (nicht) kann – bis es weh tut?

Dann trägt die Kellnerin unsere Platte an den Tisch. Es ist das größte Schnitzel, das wir jemals gesehen haben (und wahrscheinlich sehen werden). Daneben liegt ein Berg Pommes. Wer soll das alles essen? Der schwitzende Rindfleischlappen ist so dick wie drei aufeinandergelegte Schnitzel, dazu eine lächerliche Salatbeilage: eine Tomate, ein Salatblatt, eine schüchterne Portion Kraut.

Dieses Monstrum liegt nun vor uns und wartet darauf, gegessen zu werden. Wir starren es an und wissen nicht recht, wo wir beginnen sollen. Eine Person hinter uns murmelt mit einem halb zerkautem Schwein im Mund: „Was machen die da?“

ciao #Riesenschnitzel

A photo posted by Manuel Bogner (@bognermanuel) on

Dann geht es los. Wir essen, wir fressen, wir schaufeln. Zu Beginn schmeckt es noch. Die Pommes: kross. Das Schnitzel: saftig. Doch nach 30 Minuten haben wir erst etwa ein Drittel geschafft. Der Appetit ist verflogen. Das Gespräch ist einem Schnaufen und Stöhnen gewichen. Ekel macht sich breit. Und die Angst davor, wie es uns nach dem Essen gehen könnte.

Einer von uns hört auf, als der Magen langsam beginnt, weh zu tun, der andere kaut tapfer weiter. Wir spüren nichts von der Freude am Nebentisch, fühlen uns eher hilflos ob der überdimensionalen Portion. Vielleicht muss man ein spezielles Verhältnis zum Essen haben, um sich hier wohlzufühlen. Es ist ein wenig wie in einem Vergnügungspark: Die anfängliche Aufregung vergeht schnell und weicht Ekel und Erschöpfung.

Wir fragen uns, ob es wirklich Leute gibt, die solche Portionen schaffen, und was mit den Resten passiert. Wir dürfen die Küche besuchen und sehen dort auch die Mülltonnen. Einer der Köche erzählt uns, dass sie am Wochenende jeden Tag eine davon mit Speiseresten füllen – sie fasst 240 Liter.

Wir lassen uns den Rest des Schnitzels einpacken, obwohl wir es eigentlich nicht mehr sehen, riechen, geschweige denn schmecken wollen. Von den restlichen Pommes wäre mindestens noch eine Familie satt geworden. 

Das beste am Abend ist der Schnaps auf der Terrasse an der frischen Luft. Unsere Stimmung schwankt zwischen Müdigkeit und Überdrehtheit, Trauer wechselt sich mit Lachanfällen ab. 

Auf dem Weg nach draußen schaufelt die 23-jährige Kellnerin Patricia 30 Eiskugeln in einen XXXXXL-Glaskelch. Wir wollen wissen: „Braucht man den?“ Ihre Antwort: „Wenn man ihn sich teilt, ja. Ansonsten eher nicht.“