Der März ist lila, der Song klingt eckig: So sehen junge Synästhetiker*innen die Welt 


Menschen mit Synästhesie erleben die Welt auf eine ganz eigene Art. Bei ihnen arbeiten die Sinne eng im Team. Drei junge Synästhetiker*innen erzählen.

© Das Bild von Selina wurde inspiriert von Poolsitives Song.

© Das Bild von Selina wurde inspiriert von Poolsitives Song.

Menschen, die Musik sehen, Wörter schmecken und Zahlen hören: Was erst mal nach Räucherstäbchen-Esoterik klingt, heißt Synästhesie und ist eine besondere Art der Wahrnehmung. Im Gehirn von Synästhetiker*innen findet Teamarbeit zwischen den Sinnen statt. Das heißt: Hör- und Sehzentrum sind zum Beispiel miteinander verknüpft.

Variationen gibt es aber viele. Manche Menschen können Töne fühlen oder Schmerzen sehen. Schließlich hat jeder von uns fünf Sinne – und die sind beliebig miteinander kombinierbar. Gleichgültig, welche Art der Synästhesie man hat: Die Assoziationen, die entstehen, sind ganz unterschiedlich. In einschlägigen Foren diskutieren Synästhetiker*innen daher lebhaft über die Frage, ob der Mittwoch nun zitronengelb ist oder hellgrün – das ist meist für jeden „Synni“ anders.

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Warum es zu diesen Verknüpfungen im Hirn kommt, ist noch nicht endgültig geklärt. Dagegen ist sich die Wissenschaft einig: Eine Krankheit ist die Synästhesie nicht. Wie viele Menschen in Deutschland diese besondere Wahrnehmung haben, lässt sich nicht genau sagen. Schätzungen gehen von bis zu vier Prozent der Bevölkerung aus.

Franziska O., 23, Erding

Günter Grass schmeckt nach Walnuss, Putin nach Wurst

Ich kann mich daran erinnern, dass ich schon im Kindergarten Wörter, Zahlen und Buchstaben immer farbig gesehen habe. Beim Musikhören war das auch immer so. Das Lied, das für mich am schönsten aussieht, ist „Take me“ von Papa Roach. Es ist karamellbraun mit Türkis in der Mitte, das nach oben und unten spritzt. Lieder von Lady Gaga haben meistens auch sehr schöne Farben, mit viel Pink und Orange. Graue Lieder finde ich dagegen langweilig.

Ich kann einzelne Wörter schmecken, wenn ich mich auf sie konzentriere. Mein eigener Name schmeckt für mich nach Sonnenblumenöl und Marshmallows. Mein Lieblingswort ist „persiflieren“, das schmeckt nach kühlem Nektarinenschaum und ist wirklich lecker. Es gibt auch Assoziationen, die mir unangenehm sind: Günther Grass hat den Geschmack einer sehr bitteren Walnuss. Und Wladimir Putin schmeckt nach Wurst, das finde ich auch eklig.

Lange Zeit habe ich gedacht, dass alle Menschen die Welt so wahrnehmen. Selbst wenn ich könnte: Meine Synästhesie würde ich nie abstellen! Einen richtigen Vorteil hat sie für mich zwar nicht, aber es ist wunderschön, die Welt so farbig und lecker wahrzunehmen. Ohne Synästhesie stelle ich mir alles sehr langweilig und grau vor.

Wenn Franziska Musik hört, malt sie ihre Wahrnehmungen. Eine Auswahl seht ihr hier.

© Franziska O.
© Franziska O.

Selina S., 20, Hamburg

20-stellige Nummern im Kopf

Ich werde nie vergessen, als ich in der Grundschule rechnen lernte. Meine Lieblingszahl, die 36, hatte für mich sofort eine wunderschöne violette Farbe. Die drei ist für mich rot, die sechs sieht aus wie ein türkisfarbenes Kerzenlicht. Heute kann ich mir 20-stellige Nummern leicht merken – weil ich lauter bunte Zahlen vor Augen habe.

Dass man das „Synästhesie“ nennt, habe ich erst vor drei Monaten herausgefunden. Normalerweise machst du dir über deine eigene Wahrnehmung keine Gedanken. Du hast gelernt: Du guckst eine Wand an und die ist weiß, und alle Leute bestätigen dir das. Aber woher willst du wissen, was für andere Leute weiß ist? So ist das auch mit Synästhesie. Wenn du das von Geburt an so kennst, dann denkst du nicht darüber nach, dass andere Menschen die Welt anders wahrnehmen. Auch Nicht-Synästhetiker*innen benutzen im Alltag oft Redewendungen, die zwei verschiedene Wahrnehmungen verknüpfen: Man spricht zum Beispiel von einem „sanften Rosa“ oder einem „stechenden Pink“.

Mit einem Vorurteil will ich aufräumen: Es geht das Gerücht um, dass viele Synästhetiker*innen Autisten sind. Das stimmt nicht! Ich habe zwar die Neigung, zum Beispiel ständig denselben Song zu hören – von außen sieht das fast aus wie eine Zwangshandlung. Aber mit Autismus hat das nichts zu tun.

Meine Wahrnehmung stört mich eigentlich nur in einer Situation: Im Club kann das anstrengend sein. Ich nehme Geräusche oft empfindlicher wahr, als andere Menschen. Songs mit vielen Instrumenten zum Beispiel fühlen sich zackig und eckig an. Für mich ist das, als würde jemand ständig einen Tischtennisball gegen die Wand werfen – oder als ob draußen eine Baustelle wäre, das ist richtig penetrant.

Selina hat einen synästhetischen Doppelgänger in Bristol: Der Künstler Poolsitive hat ganz ähnliche Wahrnehmungen wie sie. Zusammen arbeiten sie an Kunstprojekten: Er macht die Musik, sie malt ihre Assoziationen dazu. 

Isabelle M., 19, Koblenz

Wenn Statistik-Konzepte Kinder kriegen

Ich habe eine Sequenz-Raum-Synästhesie. Wenn ich jemandem erklären muss, was das ist, sage ich immer: Ich kann Zeit sehen. Ein Jahr ist für mich ein Oval. Darauf ist zum Beispiel der Winter links und weiter unten. Monate sind für mich bunt: Mein Geburtsmonat, der Oktober, ist orange. Der April ist dunkelgrün, der März lila. Synästhesie zu haben ist für mich sehr praktisch: Ich habe all meine Termine im Kopf und muss nichts aufschreiben. Wenn ich mir den Geburtstag einer Freundin merke, lege ich das Datum in meinem inneren Kalender ab.

An der Uni profitiere ich auch von meinen anderen Synästhesien: Ich behalte den Lernstoff oft besser, weil ich ihn mit Farben und Charaktereigenschaften verknüpfe. Fürs Statistiklernen habe ich mir zum Beispiel eine kleine Welt im Kopf gebaut. Verschiedene Begriffe stelle ich mir vor wie eine Familie: Alpha- und Betafehler sind etwa die Kinder von der H1-Mutter. Die Geschwister streiten miteinander: Wenn der Alphafehler sehr groß ist, ist der Betafehler klein. Solche Familienverhältnisse sind interessanter zu lernen als reine Zahlen.

Allerdings komme ich mir manchmal auch total komisch vor, wenn ich mit meinen vielen Bunt- und Filzstiften in der Bibliothek sitze und dann Effektstärken in Lila zeichne. Nur meine engen Freunde wissen, dass mein Lernordner sehr bunt ist. Viele ältere Menschen denken bei Synästhesie wahrscheinlich an Schizophrenie. Jüngere zum Glück nicht. Aber es klingt schon ein bisschen verrückt.