Der rappende Julien Ferrat ist Deutschlands verrücktester Stadtrat

Er ist Stadtrat, Vater und selbsternannter Rapper. Julien Ferrat will gesellschaftliche Probleme ansprechen und mit seinem Gangster-Image provozieren.

"Ich bin Mannheimer Stadtrat und bang die Bitches jede Nacht hart." © ENTERTAINMENT RECORDS / YouTube

„Rathaus, Nutten, Gang-Bang das sind Sachen, die der Stadtrat hier kennt. Mancher würde gerne Zuhälter sein. Peter Kurz, ich sag dazu Nein.“

So beginnt Julien Ferrats neuestes Rap-Video. Er attackiert darin den Bürgermeister von Mannheim. Der 25-jährige Stadtrat ist berüchtigt für seine Rap-Eskapaden. Doch Julien will damit nicht nur provozieren, er sieht seine Videos als einen kulturellen Beitrag zur Gesellschaft. Dazu wird auf auch mal auf Ärsche geklatscht, über Nutten gerappt und eine halbnackte Sexarbeiterin gezeigt.

Warum nur?

ze.tt hat Julien gefragt, was er damit eigentlich sagen will: „Ich möchte auf die zwiespältige Frauenpolitik der Mannheimer Stadtverwaltung aufmerksam machen. Wer sich als frauenfreundlich darstellt, aber bei den Prostituierten – also einer Gruppe von Frauen, die sich am Rand der Gesellschaft bewegt – gerne abkassieren würde, ist in meinen Augen unglaubwürdig.“

„Das Video ist sexuell konnotiert, aber nicht sexistisch“, sagt Julien Ferrat.

Wer sich die Videos des Stadtrats ansieht, kann schon mal geschockt sein. Noch viel schockierender als seine Reime ist aber, dass er ein amtierender Politiker ist – wenn auch nur auf kommunaler Ebene. Julien will provozieren, das ist klar. Seine Devise laut seiner Homepage: Hip-Hop muss wieder zurück an seine Wurzeln und gesellschaftskritische Themen aufgreifen.

Beim Versuch, diese gesellschaftskritischen Themen mit Rap aufzuarbeiten, eckt er hart an. Den letzten Shitsorm erntete der Stadtrat für ein Video über Abtreibung im vergangenen Jahr. Darin beklagt er, dass Frauen Abtreibungen auf die leichte Schulter nehmen und damit egoistische Entscheidungen treffen würden. Neben seinen derben Texten im Rap-Video wurde er dafür kritisiert, den Vorgang einer Abtreibung bildlich im Video zu zeigen. Auch sein Song Mannheimer Ghetto sorgte für viel Ärger und wurde inzwischen auf Druck des Mannheimer Stadtrates gelöscht.

Ich hab ein großes Selbstbewusstsein und steck mein Ding in jedes Loch rein. Ich bin Mannheimer Stadtrat und bang die Bitches jede Nacht hart.“ – aus dem Song Mannheimer Ghetto

Das Online-Magazin Noizz.de beschreibt seine musikalischen Intention so: „Julien Ferrat möchte gerne mit Gangster-Image die Seele des Hip-Hop verkörpern und soziale Missstände anprangern. Er möchte mit seiner Kunst, dem harten Rap ernst genommen werden.“ Mannheim solle durch ihn das neue Detroit werden. Nun ist dem nicht so, als dass ihm das gelingen würde. In diversen Artikeln werden die dürftige Qualität seines Raps, Flows und seiner Punchlines verspottet. Ihm scheint das relativ egal zu sein: „Mein Ziel ist es nicht mit der Mehrheitsgesellschaft mitzuschwimmen, sondern den Finger in die offene Wunde zu legen. Gegenwind halte ich gerne aus.“

Seine politischen Ansichten scheinen flexibel. Geht man nach seinen Videos, ist er: gegen Abtreibung, für Sexarbeit, für Menschen mit Behinderung, für einen Freizeitpark, für eine Sozialquote beim Wohnungsbau. Dazwischen rappt er über den Knast. Ein bisschen links, dann wieder rechts und dann wieder derber Ghettoshit.

Julien Ferrat ganz professionell im Sakko. / Screenshot © Familien Partei Mannheim

Ein Linker, der konservativ wurde

Woher kommt also dieser Mann und warum darf er nach diesen Videos noch Politik machen? Julien wurde als Sohn einer französischen Mutter geboren und mit vier Jahren eingebürgert. Seit zehn Jahren ist er politisch aktiv, seit 2014 sitzt er im Gemeinderat. Der 25-Jährige wurde ursprünglich als Parteiloser mit 9.370 Stimmen über die offene Liste der Partei die Linke in den Stadtrat gewählt. Seit zwei Jahren tritt er nun für die konservative Familienpartei an. Nach seiner eigenen Aussage ist er dort vor allem für die Familien-, Sozial- und Bildungspolitik zuständig und will einen kulturpolitischen Beitrag leisten. „Als junger Vater fühle ich mich in der Familien-Partei gut aufgehoben“, erklärt der Stadtrat in einer Pressemitteilung. Außerdem studiert er Politikwissenschaft und Französisch auf Lehramt.

Nach Recherchen des Rheinneckarblog war der Wechsel von der Linken zur Familienpartei nicht ganz freiwillig: Bei den Wahlen für das Studierendenparlament der Universität Mannheim erhielt Julien Ferrat einen Sitz für die Liste der Linken.SDS. Es musste aber neu gewählt werden, da einige Kandidat*innen der linken Liste sowie Unterstützer*innen nicht selbst unterschrieben hatten. Ihre Unterschriften waren gefälscht worden. „Wer für die Fälschungen verantwortlich ist, wurde nicht aufgeklärt. Gegen Herrn Ferrat, der die Liste der Linken.SDS eingereicht hatte, wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Ihm wurde außerdem nahegelegt, die Partei die Linke zu verlassen. Das tat er.“

Das Verfahren wurde mittlerweile eingestellt. Julien betont, dass er nicht vorbestraft sei. Angst, dass er wegen seiner Rap-Eskapaden eines Tages seinen Job als Stadtrat verlieren könnte, hat er nicht. Julien erklärt, dass das erst ab einer Freiheitsstrafe von einem Jahr oder unentschuldigtem Fehlen passieren könne, was beides nicht auf ihn zutreffe.

Seine Kolleg*innen im Stadtrat würden ihn nicht übermäßig kritisieren: „Es herrscht ein distanziertes, professionelles Verhalten“, wie er ze.tt erklärt. „Bei uns herrscht blankes Entsetzen“, zitiert der Mannheimer Morgen hingegen Stadtrats-Mitglied Ralf Eisenhauer von der SPD im Herbst letzten Jahres bezüglich des Videos Mannheimer Ghetto. Carsten Südmersen von der CDU ergänzt, das Video beschäme das Gremium und müsse Konsequenzen haben.

Doch Julien denkt nicht ans Aufhören: „Ich möchte meine Heimatstadt Mannheim die nächsten Jahre politisch mitgestalten und dem Gemeinderat als politischer Party-Crasher erhalten bleiben“, sagt er.