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Der Slipknot-Sänger wurde als Kind vergewaltigt – nun fand er den Mut, darüber zu sprechen

Corey Taylor spricht öffentlich über sexuellen Missbrauch als kleiner Junge. Er ist damit nicht der erste Musiker. Sie alle leisten einen Beitrag, das Thema zu entstigmatisieren.

Corey Taylor sagte einmal, die Maske repräsentiere die Person in ihm, die nie eine Stimme hatte. © Gettyimages

In einer Folge der Videoreihe The Therapist sprach der Sänger der Bands Slipknot und Stone Sour, Corey Taylor, erstmals offen über einen schweren sexuellen Übergriff, den er als Kind erlebte.

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Das 21-minütige Gespräch mit dem Psychotherapeut Siri Sat Sam Singh, das der TV-Sender Viceland mitfilmte, ist eine mutige und emotionale Begegnung mit den Dämonen aus Taylors Vergangenheit; mit seinen dunkelsten Zeiten und den Symptomen, unter denen er bis heute leidet, darunter ein langjähriger Drogenmissbrauch. Vieles von dem, worüber Taylor erzählt, lässt darauf schließen, warum er mit Slipknot die Art der Kunst macht, die er macht: Es ist die Verarbeitung seiner Vergangenheit.

Taylor wuchs unter schwierigen Bedingungen in Iowa auf, ohne Vater. Die Familie lebte in Armut. Während seiner jungen Jahre machte er viele Wohnortwechsel mit, rutschte in einen Sumpf aus Selbstzweifel, nahm Speed.

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Die Maske, die er während seiner Arbeit für Slipknot trägt, ist für ihn etwas sehr Persönliches. Sie personifiziert das, was er als Kind erlebte. „Ich versuche dadurch etwas zu kompensieren. Ich war damals die ganze Zeit rennend – emotional, mental. Ich wollte vieles von mir wegschieben“, sagt er. Taylor und seine jüngere Schwester fühlten sich nie wirklich beschützt. Im Umfeld habe es viel häusliche Gewalt gegeben, speziell gegen Frauen, aber auch gegen die Kinder. Neue Partner der Mutter seien gekommen und gegangen.

Wir hatten keinen Sinn dafür, was Sicherheit bedeutet, keinen Ort, mit dem wir uns identifizieren konnten, keine eigenen Zimmer“, sagt Taylor.

Unter Tränen berichtet er von einem Suizidversuch. Nachdem ihn seine damalige Freundin verlassen hatte, fühlte sich der 17-jährige Taylor ohnmächtig, als bräche die eine wichtige Säule, die ihn vorher hielt, die ihm vieles erträglicher machte. Er schluckte Tabletten.

„Ich habe damals eine wirklich große Verbindung zu dieser Person gespürt. Und als diese weg war, ging einfach vieles von mir mit. Ich fühlte mich so leer. Es war das erste Mal, dass ich mir sagte: ‚Ich schaffe das nicht mehr'“, sagt Taylor. Nachdem er die Tabletten erbrochen hatte, traf ihn der Blick seiner Großmutter, mit einer Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung. Dieser habe ihn so sehr verletzt, dass er sich beinahe erneut übergeben musste. Seine Großmutter sei zu diesem Zeitpunkt die größte Stütze in seinem Leben gewesen.

Lange dachte er, davon würde er sich nie wieder erholen. Sein Song Bother handelt von dieser Erfahrung.

Eine lange Zeit der Angst

Nach und nach nähern sich der Therapeut und der Sänger im Gespräch dem größten Auslöser für Taylors inneres Leid. Er war als zehnjähriger Junge einem Verbrechen ausgesetzt.

„Ich wurde von jemandem aus der Nachbarschaft vergewaltigt“, sagt er. Zu dieser Zeit sei die Familie mal wieder umgezogen, er habe schnell Freunde finden müssen. „Wo wir damals waren, gab es nur einen, mit dem ich wirklich abhängen konnte, einen 16-Jährigen. Er hat mich zu sich eingeladen, um Musik zu machen. Eines Tages wurde es dann zu etwas anderem.“

[Außerdem auf ze.tt: Wie helfe ich jemandem, der sexuell missbraucht wurde?]

Er habe das lange Zeit niemandem erzählt, weil der Täter ihm drohte, ihm und seiner Mutter wehzutun. „Es brauchte lange, bis ich mich vor ihm sicher fühlte. Bis ich 18 war und meinen Stamm an anderen Außenseitern fand, habe ich nie darüber gesprochen“, sagt Taylor. Bis heute spricht Taylor die Fans seiner Band Slipknot auf Konzerten mit Family an. Auch in ihnen sieht er Gleichgesinnte, einen Stamm an Außenseitern, an Menschen, die vielleicht verletzt wurden, aber zusammenhalten.

Psychotherapeut Singh erklärt Taylor im Gespräch, dass diese Erinnerung der Kernpunkt für viele emotionale Probleme sei, und rät ihm, sie zuzulassen und womöglich in einer Gruppe zu bearbeiten. An diese Möglichkeit habe Taylor nie gedacht, sagt er.

Das Thema Vergewaltigung an Männern ist immer noch ein Tabu

Wie Taylor erlebten und erleben Tausende Jungen täglich auf der Welt sexuelle Gewalt. Die Weltgesundheitsorganisation geht von rund 18 Millionen Minderjährigen aus, die allein in Europa von sexueller Gewalt betroffen sind. Laut der Informationsstelle Zartbitter sind ein Drittel der kindlichen Opfer sexueller Gewalt männlich. Nach vorsichtigen Schätzungen wird in Deutschland einer von zehn Jungen sexuell missbraucht, schreibt die deutsche Initiative Lichtweg. Die meisten Fälle, rund 75 Prozent, passieren im Familien- und erweiterten Bekanntenkreis.

Ein sexueller Übergriff kann – wie bei weiblichen Opfern auch – Traumata und eine lange Kette psychischer Probleme lostreten. Das Gefühl der Entwertung des eigenen Körpers, der Scham, die Unfähigkeit, Berührungen zuzulassen, plötzliche Angst- und Panikattacken, Depressionen, Essstörungen, Suizidgedanken. Die Rollenerwartung verwirrt männliche Opfer doppelt, ihr Identitätsgefühl als Mann und damit auch ihr Selbstbewusstsein werden schwer erschüttert.

[Außerdem auf ze.tt: Serie „Ohne meine Eltern“: Wenn Eltern ihr Kind misshandeln]

Wie Taylor trauten und trauen sich nur die allerwenigsten Männer, über ihre Vergewaltigungserfahrungen zu sprechen. In weiten Teilen unserer Gesellschaft ist das Thema stark tabuisiert, viele männliche Opfer schweigen und reagieren laut Therapeut*innen aus Angst vor mehr Gewalt, von ihrem Umfeld geächtet zu werden, mit Verdrängung. Sie fürchten sich davor, dass ihre Erlebnisse abgetan werden, verharmlost, Sprüche wie „Männer können doch gar nicht vergewaltigt werden“ zu hören. Sie fürchten sich auch, als beschmutzt zu gelten, als schwul betitelt zu werden oder so, als hätten sie den Übergriff selbst gewollt.

Prominente wie Taylor können einen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten

Neben Taylor gibt es eine Reihe weiterer männlicher Musiker, die mal mehr, mal weniger offen und direkt über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit sprachen. Darunter sind etwa Ozzy Osbourne, Carlos Santana und Axl Rose. Sie alle bewiesen dadurch Mut und leisteten einen Beitrag dafür, das Tabu und die Vorurteile zu entkräften.

Durch die Geschichten der Künstler könnte das Thema öffentlichkeitswirksam diskutiert, gesellschaftlich entstigmatisiert und resultierende Probleme ernster genommen werden als bisher. Diese Geschichten könnten männlichen Opfern sexueller Gewalt zudem Mut machen, sich ebenfalls zu öffnen und sie darin unterstützen, ihr eigenes unsichtbares Leid leichter zu verarbeiten. Um neue Hoffnung zu schöpfen.

Bei Corey Taylor liegt diese Hoffnung in seinen drei Kindern. Am Abschluss des Gesprächs mit Psychotherapeut Singh beschreibt er, welchen Einfluss seine Erlebnisse auf ihn als Mensch und Vater haben. Sein einziger Wunsch sei es gewesen, selbst Kinder zu haben. „Ich will nicht, dass meine Kinder dasselbe durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe“, sagt der 43-Jährige. „Es soll Geld für die Uni zurückgelegt sein, alle Rechnungen bezahlt, die Kleider gekauft, das Essen gemacht sein, alles. Sie sollen ein solides Fundament haben. Sie müssen sich um nichts sorgen. Sie sollen geschützt sein.“


HILFE HOLEN

Wenn du Opfer sexueller Gewalt wurdest und darüber sprechen möchtest, kannst du bundesweit unter der 0800-2255530 das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch erreichen. 

Hast du Suizidgedanken? Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte.

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