Der Sound der Bäume: Könntest du eine Birke anhand ihres Klanges erkennen?

Jeder Baum klingt anders, sagt der Ornithologe David George Haskell. Man müsse nur richtig zuhören.

Des einen Wald ist des anderen Großraumdisco. © Christina Sicoli/Unsplash

Blinkende Straßenschilder, vorbeizischende Autos und Fahrräder, wuselnde Menschen in jeder Form und Farbe – zumindest alle Großstadtnomad*innen leben in Zeiten der permanenten visuellen Überflutung. Dazu kommt das Orchester aus Hupen, Schreien, Quietschen, Knattern, das sich zu einem anhaltenden Grundrauschen vermischt. Durch die visuelle Dauerüberreizung vergessen viele, dass dieser Sound der Großstadt immer anwesend ist: Er ebbt nachts ab, um am Tag wieder umso lauter aufzubrausen.

Die permanente Existenz dieses Großstadtrauschens wird den meisten erst wieder bewusst, wenn es ausbleibt. Wenn die Städter*innen ihren Kiez verlassen, in die Natur fahren und – ausnahmsweise mal nichts hören. Stille. Ruhe. Aufatmen.

Stille? Falsch.

Der Ornithologe David George Haskell würde vermutlich jede*n auslachen, der*die ihm von der vermeintlichen Stille der Natur vorschwärmt. Er ist gelernter Naturzuhörer. Lange brachte er Studierenden bei, Vögel am Geräusch voneinander unterscheiden zu können. Allen, die es schafften, 100 Vögel an ihrem Gesang zu erkennen, stellte er die nächste Aufgabe: Sie sollten lernen, 20 Bäume anhand ihrer Geräusche zu unterscheiden.

Laut des Naturforschers hat jeder Baum seine eigene Melodie. Grund für die individuellen Geräusche sind zum Beispiel Größe und Form der Blätter. Vor allem wenn es windet oder regnet, höre man die Unterschiede zwischen den Liedern, die die Bäume singen, besonders stark, erzählt Haskell The Atlantic. Wenn Regentropfen auf die Blätter fallen, klänge das bei manchen Bäumen wie ein „metallisches Scheppern“, bei anderen wie „ein gedämpfter, klarer, hölzerner Schlag“ und wieder bei anderen wie „das Tippen einer Express-Schreibmaschine“.

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Das Lauschen der Baummelodien sei eine fast schon „meditative Erfahrung“, so Haskell. „Unsere Ohren können ohne Hilfsmittel hören, wie sich die Melodie eines Ahornbaums mit den Jahreszeiten verändert, die weichen Blättern im Frühling, die Sterbenden im Herbst.“

Über seine Erfahrungen als professioneller Naturbelauscher hat Huskell ein Buch mit dem Titel About The Forest Unseen geschrieben. Und wer weiß, vielleicht löst er damit einen neuen Trend aus: Großstadtbewohner*innen, die sich, statt ihr Gehör in irgendwelchen Technokathedralen abzutöten, in Yogahosen auf Isomatten im Wald abhängen und zum Sound der Bäume wippen.