Deutsche Kolonialverbrechen: Erzählt uns mehr darüber!

Von 1904 bis 1908 töteten die Deutschen 100.000 Herero und Nama in Südwestafrika. Viele lesen das heute zum ersten Mal. Auch ich lernte in der Schule nichts über die deutsche Kolonialherrschaft. Warum wir darüber reden müssen.

Foto: Sean Gallup/Getty Images

In der Berliner Charité: Ein Vertreter der Nama und Herero zeigt auf einen von zwanzig Schädeln aus Kolonialzeiten, welche von Deutschen zu Untersuchungszwecken missbraucht wurde. Foto: Sean Gallup/Getty Images

Französische Revolution? Meine Geschichtslehrerin ließ uns jeden einzelne Station vom Sturm auf die Bastille bis zur Verfassung auswendig lernen. Zweiter Weltkrieg? Wir besuchten das Konzentrationslager in Auschwitz, analysierten Hitler, Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ wurde uns ins Hirn geklopft.

„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“– Adorno, 1966

Das war wichtig. Aber hätte man mich in meiner Abiturzeit nach den „Herero und Nama“ gefragt – ich hätte keine Ahnung gehabt. Obwohl es immer hieß, dass wir aus unserer Geschichte lernen sollten, wurde die deutsche Kolonialherrschaft stillschweigend umgangen. Das muss sich ändern. Und am Mittwoch hat die Regierung endlich den ersten Schritt in die richtige Richtung getan.

In einem offiziellen Dokument hat sie den Genozid an den Herero und Nama erstmals als Völkermord bezeichnet. Was steckt dahinter? 1904 erhoben sich die Herero in deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, gegen ihre Besetzer. Der Kolonialherr Lothar von Trotha befahl daraufhin die Vernichtung des Stammes. Daraufhin erhob sich auch der Volksstamm der Nama, die ebenfalls von den Deutschen blutig niedergeschlagen wurde. Die Deutschen töteten etwa 100.000 Angehörige der Herero und der Nama.

Kolonialverbrechen in Deutsch-Südwestafrika

Bisher hat die deutsche Regierung den Völkermord nicht anerkannt. Ihre Begründung: Die UN-Völkermord-Konvention, die den Völkermord erst definierte, sei erst 1951 in Kraft getreten. Alles, was davor geschah, kann nicht offiziell als Genozid bezeichnet werden. Das ist widersprüchlich: Mit der Armenien-Resolution Anfang Mai warf der Bundestag den Türen den Völkermord an den Armeniern 1915/1916 im damaligen Osmanischen Reich als Genozid vor.

Es ist eine logische Konsequenz, dass Deutschland nun zu diesem Verbrechen aus der Kolonialzeit steht. Konsequent ist die Politik allerdings nicht: Für finanzielle Entschädigung ist die Bundesregierung nicht bereit. Es bleibe dabei, dass allein aus der Verwendung des Völkermordbegriffs keine Rechtsfolgen für Deutschland entstehen, berichtet die Frankfurter Rundschau.

Deutsche Politiker*innen lehnen Vertreter*innen der Herero und Nama ab

Im Juli 2015 griffen zahlreiche Medien die Debatte um den Genozid erstmals wieder auf: Das Ende der deutschen Kolonialherrschaft jährte sich zum hundertsten Mal. Es sollte weitere Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia geben. Der Deutschlandfunk berichtete, dass Forderungen von Herero-Vertretern, an den Verhandlungen beteiligt zu werden, von dem Sonderbeauftragten Ruprecht Polenz von der CDU abgewiesen wurde. Eine Verhandlung ohne Anwesenheit der Betroffenen? Ein Unding.

Auch im Schloss Bellevue waren am 6. Juli 2015 die Herero und Nama nicht willkommen. Eine Delegation von Vertreter*innen sowie Repräsentant*innen des Bündnisses „Völkermord verjährt nicht!“ beabsichtigten dem Bundespräsidenten Gauck einen Appel zu überreichen. Am Tor des Schlosses wies ein Angestellter sie jedoch ab, schreibt die taz.

Nur zwei Tage später schrieb der Bundestagspräsident Norbert Lammert in einem Artikel der Zeit, dass nach „heutigen Maßstäben […] die Niederschlagung des Herero-Aufstandes ein Völkermord“ war und erkannte ihn somit als „Privatperson“ offiziell an.

Kurzum: Der Umgang der deutschen Regierung mit den Opfern der Herero und Nama ist menschenunwürdig.

Vorm Schloss Bellevue abgewiesen

Jetzt darf der Völkermord zumindest auch so genannt werden. Aber wird sich tatsächlich was ändern?

Noch heute können wir gemütlich auf der Lüderitzstraße und der Petersallee im Berliner Afrikanischen Viertel schlendern. Das sind Straßen, welche die Begründer der deutschen Kolonien in Afrika ehren – Adolf Lüderitz war Kolonialherr in Namibia, der für das kolonialen Gebiete in Südwestafrika ausbreitete; Politiker und Afrikaforscher Carl Peters begründete die Kolonie Deutsch-Ostafrika. Ihm werden starke rassistische Züge nachgesagt.

Es gibt aber mittlerweile Initiativen, die sich für die Straßenumbenennungen und aktive Aufklärung der deutschen Kolonialgeschichte einsetzen.

Doch es wird Zeit, dass Thema aus den Händen der Bürgerinitiativen auf Bundesebene zu heben. Die Landesregierungen sollten die deutsche Kolonialgeschichte dringend in die Lehrpläne integrieren. Wir müssen mehr über die deutschen Kolonialverbrechen reden und daraus lernen.