Die befreiende Wirkung kollektiver Nacktheit

Nacktheit ist verpönt, das öffentliche Verhältnis zum Körper ist schizophren. Nur an einem Ort nicht. Ein Plädoyer für den Gang in die Sauna.

Viele halb-, aber auch viele nackte Menschen bei einem Weltrekordversuch 2016 in Finnland. © dpa

Der Bizeps ist straff, die Brüste sind rund und Fettfalten gehören in ein anderes Universum. Die Medien zeigen Menschen, die gar keine mehr sind. Perfektion ohne Ende, ein Bildschirm voller Götter. Egal ob Internet, Spiele, Werbung oder Filme – es ist ein 24-Stunden-Rundumfeuerwerk des Nonplusultra-Homo-Sapiens.

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Auf dem Display wird das gesteigert, was schon analog geschieht: kaschieren, pushen, tricksen. Bloß niemandem die eigene physische Unzulänglichkeit anmerken lassen, denn der gesellschaftliche Trend diktiert, dass es Fehlbarkeit nicht gibt.

Doch vor dem ganzen Irrsinn gibt es einen realen Ort der Flucht, in dem plötzlich alle ganz wunderbar damit zurechtkommen, dass sie nicht der größte Fitness-Boy oder die pralle Kurvendiva sind: ein Saunapark.

Die Sauna erdet unser Verhältnis zum Körper

Angetrieben von unterschiedlichen Motiven – Kultur-, Optimierings- oder Entspannungswahn – sind sich plötzlich alle einig darin, dass Kleidung out ist. Alle unterwerfen sich den Regeln der Sauna. Nackt schwitzen ist eben hygienischer. Und voilà. Niemand kann mehr etwas verstecken.

Alle sehen, dass alle fehlbar sind. Ich, der, die. Alle sind wunderbar durchschnittliche Menschen. Es gibt kaum etwas Ehrlicheres als Wildfremde jeden Geschlechts und Genders, jeder Altersstufe und jedwedem Fittnessgrad, die gemeinsam nackt schwitzen. In der Sauna wird klar: Diese ganze irreale Optimierung und Übersexualisierung – das ist alles nur herbeigeredet.

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Menschen, die ihre gesamte mediale Existenz hauptsächlich der doppelzüngigen Gier übersteigerter physischer Erwartungen verdanken – Heidi Klum, Kim Kardashian oder Christiano Ronaldo –, würden in der Sauna gar nicht auffallen. Denn auch sie sind dort einfach nur nackte Menschen. In der Relation konsequenter Nacktheit wirkten ihre Körper bloß wie eine weitere Facette menschlich-physischer Varianz, deren Unterschiede minimal bis irrelevant sind.

Es mag seltsam klingen, aber: Der Anblick dutzender nackter Körper, die in totaler Normalität und Einklang vor sich hin schwitzen, hat etwas Beruhigendes. Der kollektive Nudismus der Sauna liefert somit die Erdung, die das perfektionsgeflutete, Hype-gesteuerte Digitalhirn nötig hat.

Der Vergleich mit anderen Körpern steigert das eigene Selbstwertgefühl

Das beweist auch die Forschung. Psychologe Keon West vom Goldsmiths College der University of London stellte in drei Studien mit knapp tausend Teilnehmer*innen fest: Massenhafte, generelle und geschlechtsunabhängige Nacktheit verbessert die Meinung über den eigenen Körper, die Lebenszufriedenheit und das Selbstwertgefühl.

Hervorgerufen werde das durch den Vergleich mit anderen. Die Erkenntnis ist mehr als banal. Angesichts der allgegenwertigen, anthropogenen Übersteigerung ist sie offenbar jedoch notwendig: Die anderen sind auch nur Menschen mit Falten und hängenden Körperteilen. Befreit vom angesexten, medialen Individualismus und dem seltsamen gesellschaftlichen Konsens darüber entpuppt sich der Mensch überraschenderweise auch nur als ein reichlich animalisches Wesen.

Weltweit geistern immer mal wieder Meldungen von Nudismusbewegungen, etwa Nacktradeln, Free-the-Nipple, oder Naturalismus durch die Medien. Meist werden sie medial-bigott in ein angesextes Licht gerückt, fern der Normalität und am Rande der Gesellschaft – Hihi! Die sind ja nackt! Durch ihre Betonung des Außerordentlichen bringen sich die Aktionen zum Teil aber auch selbst in diese Lage.

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Beim Saunieren ist das anders. Denn hier rückt interessanterweise die eigentliche Handlung in den Vordergrund – die Entspannung durch den Saunagang. Das Nacktsein wird dazu vorausgesetzt. Es ist nebensächlich. Und gerade hier ist der springende Punkt. Die Nebensächlichkeit macht nackte Körper zu dem, was sie eigentlich qua natura und Logik sein sollten: normal.

Ironischerweise schaffen damit die im Entsprannungs-Trend florierenden Saunaparks einen Kontrapunkt zu all dem Feel-Good-Fitness-Bodyshape-Relax-Yoga-Optimization-Schnickschnack. Nackt ist normal. Imperfektion ist Standard.

Also macht jetzt alle mal das Internet zu. Schnappt euch ein Buch. Geht in die Sauna.