Die Doku #MyEscape zeigt Flucht aus der Sicht der Geflüchteten – gefilmt mit der Handykamera

@ berlin producers

Auf dem Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland @ berlin producers

Sie versteckten ihre Handys in Ärmeln, um heimlich Schlepper zu filmen: Der Film #MyEscape ist ein intimes Porträt junger Geflüchteter, die auf verschiedenen Routen nach Deutschland gekommen sind. Er zeigt Aufnahmen zwischen Todesangst, Überlebenswillen und der Hoffnung auf ein besseres Leben.

„Allahu Akbar“ ruft der Mann, als die Raketen vom Himmel fallen. Er steht am Boden und filmt, wie sie näher kommen. Seine Stimme wird panisch, er beginnt zu rennen. Selbst als die Bomben einschlagen, filmt er weiter.

So beginnt die Doku #MyEscape, meine Flucht, die der WDR heute um 22:55 Uhr ausstrahlt. Es ist kein Film über, sondern von Flüchtlingen. Sie erzählen ihre Geschichte mit Videos, die sie während der Flucht mit dem Handy aufgenommen haben.

Meist sind es verwackelte Aufnahmen von gefährlichen oder chaotischen Situationen. Zwischendurch gibt es aber auch lächelnde Gesichter, Sonnenschein, Witz und Musik. Eine ungewohnte Nähe stellt sich ein: Manche ihrer Videos wirken wie Urlaubsaufnahmen, wie jeder von uns sie auf dem Telefon hat. Mit dem Unterschied, dass sie ihre Reise nicht freiwillig angetreten haben, sondern aus ihrer Heimat fliehen mussten.

[Außerdem bei ze.tt: „Unicef erzählt die Flucht syrischer Kinder als Spukgeschichte“]

Die Produktionsfirma des Films hatte in verschiedenen Sprachen Aufrufe über Facebook gestartet, um an die persönlichen Videos zu gelangen. Binnen kurzer Zeit sendeten zahlreiche Geflüchtete ihr Material. Elke Sasse, Projektleiterin und Regisseurin, erklärt, warum so viele von ihnen die beschwerliche Reise gefilmt haben: „Erst haben wir gedacht, die Videos sind für die Verwandten zuhause. Die Flüchtlinge haben natürlich auch Kontakt gehalten und Bilder geschickt – aber das waren nur die schönen Bilder. Die Videos, die wir bekommen haben, haben vielmehr einen journalistischen Ansatz. Sie wollen aufklären. Zum Beispiel, wie die Schlepper vorgehen.

Wenn Flucht zum Geschäft wird

Bilder von überfüllten Booten auf dem Mittelmeer sind seit Monaten im Internet zu sehen, doch selten erfährt man, wie die Menschen auf die Schiffe gekommen sind. #MyEscape zeigt den beschwerlichen Weg der Protagonisten. Der Zuschauer sieht, wie die Eritreer Simon, Alex und Salem durch die Sahara wandern, um ans Meer zu kommen. Er zeigt, wie die Syrer Ahmed und Heba ihre wenigen Wertsachen in Luftballons einpacken, als sie am Ufer angekommen sind. Und wie sie versuchen ruhig zu bleiben, als sie die Boote zum ersten Mal erblicken.

Als die Gruppe Syrer auf die Schiffe steigen einsteigen, können einige ihre Panik nicht mehr verbergen. In einer Szene schreit eine Frau: „Das sind zu viele! Geht weg!“ Ein Schlepper schreit zurück: „Beruhig dich!“. Die Frau hat keine Wahl, sie muss einsteigen. Diese Hilflosigkeit mit anzusehen, ist beklemmend.

Immer wieder geht es im Film um das zwiegespaltene Verhältnis zwischen den Flüchtenden und den Schleppern. Im Interview erzählt der Syrer Hamber: „Ich habe gesehen, dass die Schleuser zwei Gesichter haben. Beim ersten Kontakt ein nettes Gesicht – doch wenn die Menschen zur Anlegestelle kommen, sieht man das böse Gesicht. Man sieht die Waffen.“

„Manche wollen nicht mehr einsteigen. Sie bekommen Angst vor dem Meer. Aber es gibt kein Zurück mehr. Du musst einsteigen.“

Hamber Alissa, Protagonist aus dem Film #MyEscape

Viele der Protagonisten fragen sich auf der Reise, warum sie sich in die Hände dieser Leute begeben haben, die mit Menschen handeln. Manche zweifeln, wünschen sich in ihre Heimat zurück – trotz Krieg und Korruption. Auch Alex berichtet von solch einem Moment. Wie viele Eritreer flüchtet er vor dem unbefristeten militärischen Zwangsdienst in seinem Land. Als Schlepper ihn und andere Flüchtende in der Wüste ohne Wasser zurücklassen und Menschen in Ohnmacht fallen, verzweifelt er. „Man schließt mit dem Leben ab und legt sich einfach in den Sand.“ Er überlebt, doch andere sterben und werden unter Tränen begraben.

Der Überlebenswille eint

Es sind die schlimmsten Szenen im Film. Wenn die jungen Menschen von ihrer Erschöpfung erzählen, während sie zusammen gedrängt im Laderaum eines LKW stehen. Oder im leeren Benzintank eines Busses mitfahren müssen. Der Zuschauer kann die Angst in ihren Augen sehen, während sie dort stillschweigend auf ihre Ankunft warten.

Doch es gibt auch überraschende Momente der Lebensfreude. Dann singen und klatschen Menschen, wenn sie von der Küstenwache gerettet werden. Sie erzählen sich Witze bei der Überfahrt nach Lespos, um sich gegenseitig zu beruhigen. Humor scheint für alle ein Weg zu sein, das Erlebte zu verarbeiten.

[Außerdem bei ze.tt: „Die Patenschaft: So helft ihr Flüchtlingskindern“]

Mit ihren Videos wollen sie zeigen, wie Flucht tatsächlich aussieht. Sie wollen, dass das Sterben im Mittelmeer und in der Sahara aufhört. Sie wissen, dass ihre Geschichten andere nicht davon abhalten werden, selbst zu fliehen – doch sie wollen sie zumindest vorbereiten. „Schwestern und Brüder, macht nicht den gleichen Fehler“, sagt ein Mann in die Kamera, als er durch die Wüste wandert. Ein anderer widerspricht: „Egal, was wir sagen, es wird sie nicht aufhalten. Es wurde uns auch gesagt, und doch haben wir die Flucht angetreten.“ 

„#MyEscape – Meine Flucht“ ist am Mittwoch um 22.55 Uhr im WDR und online in der Mediathek des WDR zu sehen.