Die Frage, ob Christian Lindner „heiß“ ist, hat nichts in einem Politik-Talk verloren

Sexismus geht nicht nur in eine Richtung. Der Totalausfall von Sat.1-Moderator Claus Strunz in einer Sendung zur Wahl ist das beste Beispiel dafür. Ein Kommentar.

Christian Lindner auf einem FDP-Wahlplakat. © dpa

Wir Journalist*innen versuchen nicht nur thematisch mit der Zeit zu gehen, sondern auch moralisch. Heutzutage können alle über Social-Media-Kanäle ihre Meinung kundtun, wir aber erreichen mit unserer mehr Menschen. Damit einher geht eine besondere Verantwortung.

Ein erfahrener Journalist wie Claus Strunz weiß das. Oder sollte es wissen. Seine abfällige Bemerkung über den FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner bezeugt leider das Gegenteil. In einer Sat.1-Sendung, in der es um Politik gehen sollte, fragte der 50-Jährige die Chefin der Partei Die Linke Katja Kipping doch tatsächlich, ob sie Lindner denn „heiß“ finde.

Als sie zunächst abwiegelte und sich dann zu der Formulierung hinreißen ließ, an seinem Aussehen habe sie jetzt noch am wenigsten auszusetzen, hakte Strunz noch einmal nach: „Also finden Sie ihn heiß?“ Das ist weder witzig noch angebracht – das ist offener Sexismus.

Strunz würdigt Lindner herab, kein Gast widerspricht

Das ist sexistisch, weil Strunz Lindner damit seine Souveränität abspricht. Indem er dreist mit dem Finger auf den Politiker deutet und Menschen dabei fragt, ob „er“ super ausschaut, würdigt er ihn herab.

Lindner war in diesem Moment nicht Politiker oder fühlender Mensch, sondern beschämende 50 Sekunden lang ein Objekt, über dessen Äußeres frei geurteilt werden darf. Dass der Moderator einer politischen Sendung seinen Gast in so eine Situation bringt, ist höchst unprofessionell. Dass nicht eine andere Person im Studio – im Übrigen waren die alle weiblich – Lindner beistand, ist nicht weniger traurig. Stattdessen meinte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt: „Naja, mein Typ ist er nicht.“

Er. Schon wieder dritte Person, obwohl Lindner keine zwei Meter entfernt stand. Was er von dieser Gruselshow hielt, lässt sich gut an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Der spricht Bände.

Manchmal wäre es besser, zuerst den Kopf anzuschalten, dann zu sprechen

Ja: Lindner kokettiert mit den Wahlplakaten, auf denen seine äußerlichen Züge womöglich mehr im Vordergrund stehen als bei anderen Kandidat*innen. Das ist aber noch lange keine Einladung, ihm durch derartige Entgleisungen seiner politischen Eignung zu berauben.

Auch das gehört zum Job von Journalist*innen: manchmal eben nicht landläufigen Trends hinterherzuhecheln und nachzuplappern. Manchmal eben nicht auf den Zug aufzuspringen, sondern ihn vorbeiziehen zu lassen, wenn er nichts zur Sache tut.

Das Äußerliche von Christian Lindner sagt genauso wenig darüber aus, ob er ein guter Politiker ist, wie das Äußerliche einer Frau darüber, ob sie für einen Beruf geeignet ist. Während wir Journalist*innen glücklicherweise nicht mal mehr daran denken würden, Zweiteres in unseren Medien zu behaupten, hält der Mann an sich immer noch gerne als Dummbatz her, den man plump nach Nichtigkeiten bewerten kann.

Wir haben da offenbar noch viel zu lernen. Allen voran das hier: Sexismus geht in mehrere Richtungen – und alle sind schlecht.