Die Geschichte zweier syrischer Brüder: Getrennt geflohen, in Deutschland wiedervereint

Zwei Brüder flüchten aus Syrien nach Deutschland. Der eine steigt mit Visum und großem Koffer in Beirut in ein Flugzeug, der andere kommt mit nichts als einer kleinen Plastiktüte. Zu Fuß, im Taxi und im Schlauchboot. In einer Kleinstadt treffen sie sich wieder. Ihre Erlebnisse haben sie verändert.

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Karim (links) und Khaled in Hamburg. © privat

Khaled und Karim waren immer unzertrennlich, als Kinder spielten sie Verstecken in den Feldern vor ihrem Haus, später teilten sie sich das Studentenzimmer in Damaskus. Sie erzählten sich alles, sprachen über Mädchen, über Politik. Dann kam der Krieg.

Der ältere Khaled reiste im März nach Deutschland aus; nach langem Warten erhielt er ein Studentenvisum. Der jüngere Karim und seine Frau bekamen kein Visum, sie flohen über den Landweg. Mal gingen sie zu Fuß, mal nahmen sie ein Taxi. Von der Türkei nach Griechenland kamen sie übers Wasser, in einem völlig überfüllten Schlauchboot.

Als Karim und seine Frau Ende Juli endlich in Deutschland ankamen, fuhren sie sofort zu Khaled, in eine norddeutsche Kleinstadt. Khaled hatte in seiner kleinen Wohnung zwei Betten für seine Gäste gemacht. Doch nach dem Essen legten die sich neben die Matratzen, auf den kalten Boden. Khaled verstand die Welt nicht mehr: „Wir haben es sechs Wochen lang so gemacht“, sagte sein Bruder nur. Khaled war ratlos. Das gibt sich schon noch, dachte er sich. Sie brauchen etwas Zeit.

Alles so schön und ordentlich hier

Seit März ist Khaled nun in Deutschland. Weil er Angst hat, dass das Assad-Regime ihn identifizieren könne, nennen wir den Ort nicht. Khaleds und Karims Namen haben wir geändert, um ihre Familie in der vom Regime belagerten Stadt Zabadani zu schützen.

In den sieben Monaten seit seiner Ankunft hat Khaled schon viel Deutsch gelernt. Zum nächsten Sommersemester soll es so gut sein, dass er sich in einen Masterstudiengang Informatik einschreiben kann.

Die syrische Stadt Zabadani. © privat

Khaled genießt sein Leben in der Kleinstadt: Fahrradfahren, Müll trennen, das ganze Programm. „Deutschland ist das schönste und ordentlichste Land, das ich kenne“, sagt er mit einem Lächeln. Und was ihn am meisten beeindruckt: „Wenn du in Deutschland eine Frage stellst, kriegst zu hundert Prozent eine richtige Antwort – auch wenn sie oft lautet: ‚Es geht nicht’.“ Die Syrer hingegen gäben lieber irgendeine Antwort, als eine enttäuschende: „Egal wen du nach dem Weg fragst, sie schicken dich immer in die falsche Richtung.“

Sein kleiner Bruder Karim hat von Deutschland noch nicht viel mehr gesehen, als den kargen Speisesaal der Notunterkunft in Hamburg. Labbriges Toastbrot mit Geflügel-Salami gibt es hier. Lieber wäre er bei seinem Bruder, doch die deutsche Flüchtlingsbürokratie nimmt darauf keine Rücksicht. Kurz nach seiner Ankunft klopfte er im Flüchlingsheim in der Stadt seines Bruders an. Man schickte ihn sofort nach Hamburg. Dort schläft er mit seiner Frau in einem Sechs-Mann-Zelten auf regenfeuchtem, schlammigen Boden. „Es ist schwierig für uns als Muslime mit fremden Paaren in einem gemischten Zelt zu wohnen“, sagt er, „aber die Hauptsache ist, dass wir dem Krieg entkommen sind.“

In der Heimat regnet es Fassbomben

Mitten im Krieg leben weiterhin die Eltern und kleinen Geschwister von Karim und Khaled. Seit Monaten harren sie ohne Strom, Wasser und Essen in der umkämpften Stadt Zabadani an der libanesischen Grenze aus. Als sie vor zwei Wochen bei Freunden waren, traf eine Rakete ihr Haus und zerstörte alles, was sie noch besaßen. Khaled weiß, dass die Nachbarn sich kümmern. Aber wo sie schlafen, unter welchen Bedingungen sie jetzt leben, das traut er sich nicht zu fragen. „Sie würden sich schämen.“

Das zerstörte Haus der Familie von Karim und Khaled im syrischen Ort Zabadani. © privat

Was in Zabadani vor sich geht, steht symbolisch für den gesamten syrischen Bürgerkrieg: Aus dem friedlichen Aufstand der sunnitischen Bevölkerung gegen das Regime wurde in fünf Jahren ein zerstörerischer Mehr-Fronten-Krieg, bei dem der Iran, die Türkei und die libanesische Hisbollah kräftig mitmischen. Seit Juli versuchen die Syrische Armee und die Hisbollah mit allen Mitteln die Rebellen-Hochburg Zabadani zurückzugewinnen – seitdem regnet es Fassbomben und Raketen auf die Stadt.

Nun haben sich die UN, Türkei und der Iran eingeschaltet um einen Deal zu vereinbaren. An der humanitären Situation wird sich dadurch aber wenig ändern, fürchtet Khaled: “Wovon soll sich meine Familie denn ernähren? Ein Kilo Reis kostet mittlerweile 15 Euro – vor der Revolution waren es fünf Cent.“ 15 Euro, also 3500 syrische Pfund, das ist so viel, wie sein Vater vor dem Krieg als Immobilienkaufmann in einer ganzen Woche verdient hat. Meistens gibt es gar keinen Reis, das Wasser ist schmutzig, immer mehr Menschen in Zabadani erkranken an der Leber.

Die beiden Brüder wünschen sich nichts mehr, als die Familie nach Deutschland zu holen. Doch Visa bekämen sie nicht und für Alte und Kinder ist die Flucht eine zu große Strapaze, sagen die Brüder.

Als Khaled vor zwei Jahren sein Ingenieursstudium abschloss, wollte Assad ihn sofort für die Armee rekrutieren. Für Khaled stand das außer Frage.  Er stammt aus einer großen, sunnitischen Familie mit langer Widerstands-Tradition: „Ich hatte die Wahl zwischen Gefängnis und Folter, bewaffnetem Widerstand als Rebell – oder Flucht.“ Also floh er über die Grenze in den Libanon. Dort bleiben wollte er nicht, sondern weiter nach Deutschland, „in das Land der Ingenieure“.

Er kämpfte sich durch die deutsche Uni-Bürokratie. Als die Immatrikulationsbescheinigung tatsächlich da war, war da noch die Sache mit dem Visum: Die deutsche Botschaft in Beirut konnte die unzähligen syrischen Visums-Anträge kaum bearbeiten. Khaled musste ein deutsches Sperrkonto mit 8000 Euro einrichten, unzählige Dokumente über das Studium, sein Leben, seine Familie einreichen. Nach einem halben Jahr hatte er tatsächlich ein Drei-Monats-Visum im Pass. Als er in Berlin aus dem Flugzeug stieg, dachte er: „Jetzt habe ich es geschafft.“

Das Geschäft mit der Flucht

Khaleds jüngerer Bruder Karim hatte es nicht so einfach. Ein Studienvisum hätte er vielleicht bekommen, aber zwei Visa für ihn und seine Frau, das ging nicht, machte ihm die deutsche Botschaft klar. Also blieb ihnen nur die illegale Flucht: Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich. Mal zu Fuß, mal im Taxi, mal mit der Fähre und mal im Schlauchboot. Mit zwei Freunden machte sich das Paar Mitte Juni auf die Reise in die Ungewissheit. Neben ihren Klamotten trugen sie nur das Wichtigste am Leib: den Pass, Arbeitszeugnisse, Diplome.

Von der nordlibanesischen Stadt Tripoli nahmen die vier eine Fähre nach Mersin in die Türkei, dann weiter nach Izmir. Von dort kann man schon fast die griechische Insel Lesbos sehen, doch die unsichtbare Grenze über das Ägäische Meer zu Europa ist nicht leicht zu überwinden. Zigtausende Syrer warten in überteuerten Klitschen auf die Überfahrt mit dem Schlauchboot. Die Schmuggler, die ihre Preise und Konditionen auf Facebook verbreiten, lassen sich Zeit. Manchmal warten Syrer zwei Monate darauf, abgeholt zu werden. Die Bosse der Schmuggel-Industrie haben in Izmir eine höchst raffiniertes Geschäft aus dem Elend der Syrer gemacht: Es gibt Büros, Formulare und viele Angestellte.

Als Karim mit vierzig weiteren Syrern im winzigen Schlauchboot saß, konnte er nur hoffen, dass sie es schaffen würden. „Ich musste dem Steuermann vertrauen“, sagt Karim – auch wenn dieser selbst nur ein Flüchtling ohne Seefahrts-Erfahrung war, der die Überfahrt nach einstündigem Training umsonst machen durfte.

Die Grenze zwischen Mazedonien und Serbien. © privat

Khaled wartete derweil auf ein Lebenszeichen seines Bruders. Vier Tage lang: keine Whatsapp-Nachricht, kein Foto, nichts. Dann der Anruf: „Wir sind in Mytilini, die Flüchtlingslager hier sind völlig überfüllt. Tausende Afghanen und Iraker geben sich als Syrer aus, für uns ist kein Platz mehr. Morgen fliegen wir nach Athen.“

Von Athen aus ging es mit dem Bus über die mazedonische Grenze, per Zug durch Serbien – und zwischendurch immer wieder stundenlang zu Fuß. Die Gesichter um sie herum waren jedes Mal andere, Karim weiß nicht, was denen passiert ist, mit denen er im Schlauchboot saß.

Die Wegbeschreibung, nach der Karim die Grenze von Serbien nach Ungarn zu Fuß überquert hat. Dort steht auf Arabisch: „Folge dem Fluss, in blau, von Kanjiza, in grün, über ein weiteres serbisches Dorf, Martonos, in gelb.“ © privat

Kurz vor Ungarn stand die nächste große Hürde bevor: Ein vierzigstündiger Fußmarsch über die Grenze. Der Wegbeschreibung, die sich Karim aus dem Internet runtergeladen hat, war im Dunkeln nur schwer zu folgen. Nach einer Nacht und einem Tag Gewaltmarsch ging ihnen Essen und Trinken aus, als sie sich kurz ausruhen, spürte Karim plötzlich ein Messer an seiner Kehle: Er verstand die Sprache seiner Bedränger nicht, doch er verstand, dass sie seinen Pass wollten. Denn der ist viel wert unter den Flüchtlingen – ein syrischer Pass garantiert in Deutschland Asyl.

Er schaffte es zu entkommen, zusammen rannten sie weiter, und irgendwann wussten sie: Jetzt sind wir drüben. Ein Taxifahrer winkte den verdurstenden Freunden mit einer Wasserflasche zu: Für nur 500 Euro bringe er sie nach Budapest. Kurz darauf fanden sie sich im Niemandsland an der rumänischen Grenze wieder. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihm weitere 500 Euro zu zahlen, um in die nächste kleinere Stadt zu kommen.

Doch als der stets breitlächelnde Fahrer die Scheine eingesackt hatte, fuhr er die Gruppe geradewegs zur Polizei. Karims Frau Mira weinte; der vierzigstündige Fußmarsch war umsonst gewesen.

Wer nicht spurt, der wird zurückgeschickt

Die Freunde warteten stundenlang in einer überfüllten Halle, fragten nach Wasser, nach etwas zu essen. Die Beamten gaben ihnen auf Englisch zu verstehen: Hier gibt’s nichts. Wenn ihr nicht spurt, schicken wir Euch zurück nach Serbien.

Als die Beamten gerade nicht guckten, rannten sie davon. Mit dem Taxi hatten sie diesmal mehr Glück, es brachte sie nach Budapest. Von dort fuhren sie mit einem Rumänen weiter – durch Österreich direkt nach Deutschland.

Die Grenze zu Ungarn. © privat

Hilfe von „Nett Frau“

Um fünf Uhr morgens überquerten sie dann am 31. Juli die Grenze zu Deutschland auf der Höhe von Passau. Es regnete fürchterlich. „Ich war so müde, und erschöpft, ich konnte kaum einen klaren Gedanken mehr fassen“, erinnert sich Karims Frau Mira. „Ich wusste nur: Wir haben es geschafft. Was immer das bedeutete.“

In Passau verirrten sie sich erst einmal, doch eine freundliche Passauerin gabelte die übermüdete Gruppe auf und fuhr sie mit dem Auto zum Bahnhof. Von ihrem Mobiltelefon aus konnten sie Khaled anrufen, der ihnen Anweisungen gab, wie sie zu ihm kämen. Unter „Nett Frau“ hat er ihre Nummer noch immer in seinem Mobiltelefon gespeichert.

Als sich die beiden Brüder in die Arme schlossen, sagen sie lange nichts. Endlich haben sie es geschafft, dachte Khaled. Auch wenn die Wege, die die beiden dafür gegangen sind, sehr unterschiedlich waren: Khaleds Reise dauerte vier Flugstunden, Karims sechs Wochen. Khaled hatte ein wenig Flugangst beim ersten Flug seines Lebens, Karim dachte sechs Wochen lang nur ans Überleben. Einzig der Preis, den die beiden Brüder für ihre Reise zahlten, war etwa gleich hoch: um die 10.000 Euro. Khaled brauchte sie auf dem Sperrkonto, für den Flug und den Sprachkurs, Karim für die Schmuggler.

Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft bei Khaled wirkten Karim und seine Frau schon erholter. Noch wussten sie nicht, dass sie bald ins Flüchtlingsheim nach Hamburg müssen. Sie schauten sich die Altstadt an, lachten, waren gelöst. Heute werden sie auf den Matratzen schlafen, dachte Khaled. Doch nach dem Essen legten sich die beiden wieder auf den Boden. Neben die gemachten Betten. Da ahnte Khaled, dass es nun etwas gibt, das die beiden voneinander trennt, das er nie verstehen wird. Weil er nicht das Gleiche durchgemacht hat.