Die harte Wahrheit übers Älterwerden: Es ist ziemlich großartig

Habt ihr Angst vorm Älterwerden? Müsst ihr nicht! Denn mit jedem Jahr wird alles besser.

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Mit jedem Jahr werden wir entspannter. © photocase.com/nivost

Iiieh, Falten! Verdammt, warum sind alle so jung in dieser Bar? Urgs, ich sollte langsam mal an meine Altersvorsorge denken. Jaja, ich gebs zu, Älterwerden nervt mich manchmal auch und dann wird rumgenörgelt. Früher war das ja ganz anders, da war Älterwerden schlicht toll. Auf den 16. Geburtstag fieberte man hin, auf den 18. Geburtstag sowieso und bis 25 war auch noch alles tutti. Aber dann fangen auf einmal die meisten von uns an, weinerlich zu werden. Ja, sentimental fast. Und auf einmal kullern einem am 27. Geburtstag dicke Krokodilstränen über die Wangen, weil man auf seine Jugend zurückschaut, die nun endgültig vorbei ist. Man ist alt, so furchtbar alt. Und überhaupt, wenn man dieses Jahr auch noch überlebt, dann wird man sich noch nicht einmal in die Rockstar-Riege der jung Verschiedenen einreihen können.

Nein, es ist so furchtbar ungerecht, man wird einfach nur noch älter. Und langweiliger. Und dann wird man gefangen sein, in einer Neubau-Bude, einem öden Leben, garniert mit Ikea-Möbeln, die einem entgegenschreien, dass man nun auch noch spießig ist. Spießig, alt, konform, und unvermögend – sonst hätte man ja andere Möbel. Und während alle Älteren sich das Lachen ob dieser lächerlichen Szene, die bestens belegt, wie grün man noch hinter den Ohren ist, kaum verdrücken können, wird das leidende Geburtstagskind von den Gleichaltrigen liebevoll getätschelt. Denn sie wissen genau was los ist, sie fühlen es auch. Die Knochen verkalken, das Haar wird dünner und den Schlüssel hat man in letzter Zeit auch auffällig oft vergessen. Nun helfen nur noch aufmunternde Worte und ein Schnaps, dann geht’s wieder. Zumindest bis zum nächsten Geburtstag. 28! Horror!

Die Wahrheit ist: Älterwerden ist ziemlich toll

Herrje, Leute. Wann sind wir diese Sissis geworden? Dieses Rumgeheule wegen ein paar Veränderungen. Wie kommt man eigentlich zu der verqueren Idee, dass Älterwerden nur bis zu einem gewissen Alter gut ist? Dass danach das langweiligere Leben wartet? Gut, ich gebe zu, wirklich alt und gebrechlich zu sein, vergesslich zu werden und jede Woche einen Namen aus dem Adressbuch zu streichen, weil alle um dich herum etwas früher als du die Erde verlassen, das ist eine Altersphase, der man besorgt entgegenblicken kann. Aber eben auch erst der. Nicht den 30ern, 40ern, 50er oder 60ern. Da geht noch was!

Ich meine, Partys feiert man immer noch, nur dass die jetzt eben an einer schön gedeckten Tafel oder einem Club der Wahl statt in einer mit Sperrmüll vollgestopften Garage stattfinden. Betrunken wird sich jetzt eben mit gutem Wein und nicht mehr mit Fanta-Korn. Und wenn jemand verliebt ist, benimmt er oder sie sich auch jetzt noch wie ein pubertierender Teenager. Im Ernst, wir sollten die Panik vor dem Alter ablegen, denn Älterwerden ist wirklich ziemlich toll. Warum? Mit Blick auf meinen im Herbst anstehenden 30. Geburtstag habe ich mal eine ehrliche Bilanz gezogen – und verdammt gute Gründe gefunden, warum ich nie nie wieder 18 oder Mitte 20 sein will. Et voilá:

1. Man ist definitiv gelassener mit sich selbst

Lange Schlacksarme? Entscheidungsunfreudig? Dellen an den Oberschenkeln? Chaotin? Fehler machen? Kann immer noch nerven, bereitet aber ganz sicher keine schlaflosen Nächte mehr und muss auch nicht mehr mit einem Nachmittag hinter zugezogenen Vorhängen und Patti Smith auf voller Dröhnung aufgearbeitet werden.

2. Mehr Sicherheit, mehr Abenteuer

Mit um die 30 ist man schon auf dem Weg, kann gestalten, sich ausprobieren, hat das im Zweifel auch schon gemacht – und trotzdem ist noch nicht alles in Sack und Tüten. Hier können und werden noch viele Abenteuer erlebt werden.

3. Meine Stärken und Schwächen? Kenne ich!

Früher habe ich mich oft nicht verstanden: Warum kann ich das nicht, warum muss ich das jetzt tun und wieso auf diese Weise? Oder ich habe mich komplett falsch eingeschätzt. Heute kenne ich meine Stärken und Schwächen ziemlich genau, weiß wie ich sie ausspielen oder unter dem Radar halten kann. Sehr komfortabel!

4. Umgeben von tollen Persönlichkeiten

All meine guten Freunde sind zu starken, spannenden Persönlichkeiten herangewachsen – und glaubt mir, auch die waren früher planlose Flitzpiepen. Das macht mich stolz, stark und inspiriert mich. Einfach nur toll!

5. Nervige Menschen werden gnadenlos aussortiert

Was ich heute gar nicht mehr um mich habe: Menschen, die mir nicht guttun. Die haben einfach keinen Platz mehr – und das ist das positive, wenn man mit seiner Zeit etwas mehr haushalten muss, denn davon hat man wirklich etwas weniger.

6. Trends? Nee, lass mal

Ja, ich liebe Mode, ich interessiere mich für den Zeitgeist, für Trends und all das, was gerade warum auch immer da und wichtig ist. Aber das muss ich mir nicht mehr zwingend um den Leib schlingen, tagelang anhören oder mit mir persönlich verknüpfen. Hier werden nur noch die Sachen rausgepickt, die zu mir passen.

7. Früher Stubenhocker, heute strahlende Netflix-Königin

Wenn man früher eine Party abgesagt hat, war man eine langweilige Stubenhockerin. Heute aber ist ein Abend auf der Couch eine sehr attraktive Abendgestaltung geworden, die alle um dich herum verstehen und höchstwahrscheinlich auch noch gemeinsam in Angriff nehmen wollen. Entspannter wars nie, versprochen.

8. Entscheidungen treffen, die was bewegen

Ja, Entscheidungskraft zu haben, kann auch Angst machen. Was ist richtig? Was falsch? Am Ende aber ist es doch einfach nur großartig, Entscheidungen treffen zu können, die auch wirklich was ändern, bewegen. Und das auch mittlerweile mit einem gewissen Erfahrungswert. Auf die Schnauze fallen kommt natürlich immer noch vor, aber auch das ist kein Drama mehr. Entscheidungskraft zu haben ist letztlich nur eines: ein Privileg.

Um es kurz zu machen: Mehr Selbstverantwortung, mehr Gelassenheit, mehr Selbstbewusstsein – was bitte, könnte daran nicht gut sein? Eben, und genau deshalb sollten wir alle jedes Jahr abfeiern, das wir mehr auf dem Buckel haben.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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