Die Kunstwelt braucht dringend eine Lektion in Inklusion – und die bekommt sie jetzt auch

Ein inklusives Kunstvermittlungsprogramm in Berlin macht Platz für Kunstvermittlerinnen mit Behinderung. Das wurde auch höchste Zeit. 

Wie können alle Menschen an Kunst teilhaben? © Jack Taylor/Getty Images

Auf einer quadratischen hüfthohen grauen Säule liegen dicht nebeneinander zwei aus bunten Fäden aufgerollte Garnknäuel. Es sind Fäden, die die Künstler*innen Anca Benera und Arnold Estefan aus den Nationalflaggen ihrer Heimatländer und den Ländern ihres jeweiligen migrantischen Hintergrundes abgetrennt und zu tennisballgroßen Knäulen aufgerollt haben. Sie stehen in den neonbeleuchteten Ausstellungsräumen des Kunstvereins nGbK in Berlin-Kreuzberg und sind Teil der Ausstellung Dreams&Dramas. Law as Literature.

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Jus soli – so heißt dieses Kunstwerk – richtet sich an meinen Sehsinn. Ich betrachte es mit meinen Augen und baue so einen Zugang zu den Knäueln auf. Doch für blinde Menschen ist das keine Option. Sie müssen das Kunstwerk tasten dürfen, um einen Zugang zu ihm zu finden. Das ist hier jedoch nicht erlaubt – die Knäule sind zu fragil. Menschen wie Silja Korn können sich das Kunstwerk also nur beschreiben lassen.

Kunst braucht Vielfalt – überall

Seit Anfang des Jahres ist die blinde Künstlerin und Fotografin Silja Korn Teil des Projektes Platz Da!, das ein Jahr lang Kunstvermittlerinnen mit unterschiedlichen Merkmalen, mit unterschiedlichen Behinderungen, Raum gibt, ihre eigenen Vermittlungsformate zu entwickeln und auszuprobieren. Stefanie Wiens, die das Projekt im Rahmen des künstlerischen Kunstvermittlingsstipendiums der nGbK initiiert hat, erklärt die Notwendigkeit von Platz Da!:

In der Kunstwelt sind sowohl hinter als auch auch vor den Kulissen viele Menschen, wie zum Beispiel Menschen mit Behinderung, unterrepräsentiert. Mit Platz Da! möchte ich das ändern. Ich mache meinen Platz als Kunstvermittlerin frei für Menschen mit den unterschiedlichsten Merkmalen.“

Ein Jahr lang setzen sich die fünf Frauen des Projektes mit den in der nGbK ausgestellten Werken auseinander, um neue, vielfältigere Perspektiven auf Kunst zu eröffnen. „Das ist konsequent“, führt Stefanie Wiens weiter aus, „denn Inklusion vor den Kulissen erfordert eben auch das Aufgeben von Privilegien hinter den Kulissen. In Ausstellungsorten ist das beispielsweise die Deutungshoheit über die ausgestellten Kunstwerke: Wer darf was über die Kunst sagen?“

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In Platz Da! können die etwas sagen, die es bisher kaum durften. Stefanie Wiens leitet die fünf Frauen an die unterschiedlichsten Vermittlungsmethoden heran und lässt sie dann selbst entscheiden, in welcher Weise sie die Besucher*innen durch die unterschiedlichen Ausstellungen begleiten möchten.

Wir machen das selbst

„Warum haben die denn daraus nüscht Neues gemacht?“, wundert sich Hildegard Wittur beim Anblick der bunten Knäule. Hilde hat Lernschwierigkeiten und ist auch eine der Kunstvermittlerinnen. Ihre Frage lässt sie nicht lange im Nichts verhallen. Kurzerhand verwandelt Hilde die Ausstellungsräume in ihre eigene Bühne. Mit Wolle in den Farben ihrer Herkunftsländer  und ihres Geburtslandes greift sie das Konzept der Künstler*innen Anca Benera und Arnold Estefan auf. Sie setzt sie sich auf einen Klappstuhl und fängt an zu häkeln.

Mit ihrer unbefangenen Berliner Schnauze animiert sie die Besucher*innen zum Mitmachen. Erst ein wenig verdutzt von ihrer lockeren Art, frei von jeglichen Berührungsängsten, die die sonst so steife Ausstellungsatmosphäre sofort wegwischt, finden sich nach und nach dutzende Besucher*innen auf dem freien Stuhl neben Hilde ein. „Die Leute sollen ja och wat Neues lernen“, erklärt sie fröhlich. Und das können die Besucher*innen heute: sich häkelnd der Kunst nähern. Am Ende ihrer zweistündigen Intervention sitzt ein englischsprachiger Hipster neben Hilde. Interessiert hört er ihr zu, obwohl sie beide kein Wort des*r Anderen verstehen. Zum Abschied kriegt er einen Kuss und eine Umarmung von Hilde.

Schön, denke ich. Eigentlich ist Inklusion doch so leicht.

Wer Neues probiert, braucht Mut

So leicht ist es nicht immer. Stefanie Wiens und die fünf Frauen betreten Neuland, was inklusive Kunstvermittlung anbelangt. Viele Menschen haben Berührungsängste und sind unsicher, wie sie den Frauen begegnen sollen. „Doch gerade diese Ängste können nur in der gegenseitigen Begegnung abgebaut werden“, führt sie aus.

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Das sind Begegnungen wie die zwischen den Besucher*innen und der blind-tauben Kunstvermittlerin Katrin Dinges während einer kunstvermittelnden Aktion in den Räumen der nGbK. Als Reaktion auf das Kunstwerk Suprimer, Motivier et Préserver von Carlos Amorales, in welchem er sich mit der Modifikation und Neuinterpretation des französischen Code Civil auseinandersetzt, versammeln sich die fünf Frauen vor dem von Amorales gezeigten Video. Dann beginnen sie, ihren Unmut über das Bundesteilhabegesetz (BTHG; Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen) zum Ausdruck zu bringen. Gemeinsam mit den Besucher*innen sollen Passagen aus dem Gesetz gestrichen, verändert und neu geschrieben werden. Katrin und eine Besucherin diskutieren über das Gesetz. Die Diskussion führen sie über eine Tastatur, die das Geschriebene für Katrin in Braille zum Fühlen übersetzt. Kommunikation ist also immer möglich – es ist nur eine Frage des Wie und des Sich-Darauf-Einlassens.

Eine zaghafte Annäherung

Klar geht in solchen Begegnungen und Treffen vieles langsamer und anders. Die blinden Teilnehmer*innen können beispielsweise über Fühlen oder Riechen einen Zugang zu den Kunstwerken entwickeln, was oft von den Künstler*innen nicht gewollt wird. Treffen müssen lange im Voraus geplant werden, weil einige der Frauen eine Assistenz benötigen, die sie selbst bezahlen müssen. In Gesprächen muss häufig langsamer gesprochen werden, damit auch wirklich alle alles mitkommen.

„Doch diese Stolpersteine werden durch viele Schätze wettgemacht: die inklusive Zusammenarbeit, der respektvolle Umgang  in der Gruppe und die vielen tollen Vermittlungsideen machen so viel Spaß!“, sagt Stefanie Wiens. Laut denke ich nach: „Die Schnelligkeit und der absurde Effektivitätswahn unserer Gesellschaft heutzutage funktionieren ja auch nur, weil ein Großteil der Menschen ausgeschlossen wird. Eigentlich ist Inklusion doch eine Revolution, die uns zwingt alles neu und vielleicht auch langsamer zu ordnen, so dass jede*r daran teilnehmen kann, oder?“ Stefanie Wiens nickt lächelnd.

Noch bis Ende des Jahres führen die Frauen verschiedene Vermittlungsformate durch. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist kostenlos. Aktuelle Termine findet ihr auf der Facebookseite der nGbK sowie auf ihrer Homepage