Die Macht der falschen Nachricht

Falschmeldungen lösen nicht nur Hysterie aus – sie können auch in Gewalt münden. Oder in Donald Trump. Was wir gegen Fake-News tun können.

So könnte eine Fake-News aussehen: "VORSICHT: Hier wurde gestern eine wehrlose Frau von 7 Flüchtlingen verprügelt!!!" © dpa

Fake-News sind falsche Nachrichten oder Berichte, die absichtlich im Internet in Umlauf gebracht werden, um zum Beispiel auf Wahlen oder gesellschaftliche Stimmungen Einfluss zu nehmen. Es ist wichtig, den Begriff genau zu definieren, gerade in Zeiten, in denen politische Randgruppen in den USA damit beginnen, alles als „Fake-News“ zu bezeichnen, was ihnen nicht ins Weltbild passt. Also: Eine Fake-News transportiert eine absichtlich erfundene Nachricht, eine bewusste Falschmeldung.

Das Prinzip dahinter ist nicht neu. Erinnern wir uns zurück an die Schulzeit: Es gab damals schon jene, die üble Nachrede und diffamierende Gerüchte weitergetragen haben; die Aufmerksamkeit um jeden Preis wollten und ihrer Sensationslust freien Lauf ließen.

Neu ist das Trägermedium. Was früher Mund-zu-Mund-Propaganda auf dem Schulhof war, geschieht heute auf Facebook, Whatsapp, Instagram und Snapchat. Über diese weltumspannenden Plattformen können Falschmeldungen in Sekundenschnelle übertragen werden und massenhaft Empfänger*innen erreichen – mit bedrohlichen Konsequenzen für die Demokratie und das Wohl einzelner Menschen.

Warum sich Fake-News so schnell verbreiten

Fake-News im Netz sind meist reißerisch gestaltet. Nicht selten haben die Beiträge viele Rechtschreibfehler. Manche leiten zu gefälschten Nachrichtenseiten wie 24aktuelles.com. Andere wiederum bestehen aus alten, provozierenden Bildern oder Videos, versehen mit einem unwahren, aber aktuell anmutenden Text. Häufig sind Fake-News emotional und reißerisch verfasst. Das garantiert ihnen eine große Reichweite in den sozialen Medien. Das folgende Video etwa stammt gerne mal wahlweise aus Dresden, Hamburg oder Wien. Ob Altmarkt Galerie oder Donauzentrum, die gefälschte Botschaft ist immer dieselbe: „Muslime wollen den Christen das Weihnachtsfest verderben und beginnen mit der Zerstörung der Tanne.“

Tatsächlich befindet sich die Tanne in Kairo. Und es handelt sich nicht um mutwillige Zerstörung oder den Plan, das Christentum zu zerschlagen; sondern um ein paar Kinder, die nicht wussten, dass sie nicht auf den Baum klettern dürfen.

Im Gegensatz zu klassischen Gerüchten haben Fake-News neuartige Wirkungsmechanismen, schreibt der Neuropsychologe Thomas Grüter in einem Beitrag für ein Blog des Wissenschaftsmagazins „Spektrum“. Er zählt vier zentrale Unterschiede auf:

  1. Sie wird für wahr gehalten: „Die virale Ausbreitung sorgt dafür, dass Nutzer sozialer Medien binnen Stunden gleich mehrfach auf die Fake-News hingewiesen werden.“ Das würde bei vielen Nutzern den gewünschten, aber falschen Eindruck erwecken, die Meldung sei wichtig. Sie wird schließlich mehrfach bestätigt.
  2. Geringe Lebensdauer: Die oft erst nach Tagen oder Wochen erscheinende Widerlegung der Falschmeldung bleibt kaum in Erinnerung, weil die Nutzer bereits das Interesse an dem Thema verloren haben, schreibt Grüter – oder weil andere Fake-News ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
  3. Kurzfristige Wiederholung: „Die geringe Lebensdauer und die fehlende Wirkung der Widerlegung erlaubt es den Autoren, gleiche oder ähnliche Fake-News im Abstand von wenigen Wochen erneut zu lancieren.“ Das führe bei der Zielgruppe zu dem irrigen Gefühl, dass die neue Meldung die alte bestätigt.
  4. Sie werden angepasst: Wer eine Fake-News erstellt, kann die Verbreitung und somit den Erfolg live mitverfolgen. „Die schnelle, erfolgsabhängige Evolution der Fake-News führt dazu, dass Meinungen und Vorurteile der Zielgruppe extrem zielgenau ausgebeutet werden“, schreibt Grüter. Das wiederum steigere die Glaubwürdigkeit.

Alle drei bis fünf Minuten eine Maschine mit je 500 Geflüchteten?

Fake-News decken sich meist mit einer gewissen Erwartungshaltung der Rezipienten. „Eine Fake-News ergreift ihre Empfänger und erfüllt vorhandene Ängste und Befürchtungen“, erklärt Andre Wolf. Er ist Sprecher und Social-Media-Coordinator bei „Mimikama„. Mit dem gemeinnützigen Verein klärt er unter dem Namen „ZDDK“ (Zuerst denken – dann klicken) vor allem auf Facebook über Internetmissbrauch auf. Der Verein recherchiert fragwürdigen Meldungen hinterher, veröffentlicht Gegendarstellungen und gibt gezielte Hilfestellungen. So entstand etwa der „Hoaxsearch“, eine Suchmaschine für Fakes im Internet.

Durch seine Arbeit hat Wolf festgestellt, dass eine Falschmeldung meist dem aktuellen Zeitgeist entspricht. Ein Beispiel: Im August 2016 ging eine falsche Meldung durchs Netz, die besagte, dass am Flughafen Köln/Bonn in jeder Nacht alle drei bis fünf Minuten eine Maschine mit je 500 Geflüchteten landen würde. Rechnerisch wären das über 10.000 Menschen pro Stunde. Sprich: Völlig unmöglich.

[Außerdem auf ze.tt: Ich habe eine Woche lang Breitbart gelesen – und bin wütend]

Die Meldung verbreitete sich dennoch über eine Vielzahl „alternativer“ Blogs und Verlage, Menschen stellten sich nachts sogar an den Flughafen. „Dieser Fake wurde im Jahr 2016 von vielen Menschen ernst genommen. Hätte jemand jedoch im Jahr 2014 dasselbe behauptet, hätte wahrscheinlich niemand hingehört.“ Ohne sich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen: Wie viele Menschen mag diese falsche Meldung wohl dazu bewogen haben, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern einen Monat später die AfD zu wählen?

„Fake-News eignen sich hervorragend, eine Gesellschaft entlang vorhandener Bruchlinien zu spalten und die Kluft dann weiter zu vertiefen“, schreibt Psychologe Grüter. Im Übrigen werden Fake-News natürlich nicht nur von Privatpersonen erstellt: Auch Politiker*innen haben in ihnen eine Methode erkannt, ihre Agenda weiterzutragen. Im US-Wahlkampf etwa konnte Donald Trump auf die Unterstützung sogenannter Aggregatoren bauen, die gezielt Fake-News verbreiteten. Über 100 solcher Websites wurden allein in Mazedonien identifiziert. In Kombination mit seinen eigenen Lügen halfen ihm die Fake-News wahrscheinlich, zum Präsidenten gewählt zu werden. In Deutschland ist der Bundeswahlleiter Dieter Sarreither der Meinung, Fake-News könnten die diesjährige Bundestagswahl beeinflussen.

Das Portal Buzzfeed hat in einer aktuellen Untersuchung festgestellt, dass Nachrichten über Angela Merkel, die in den sozialen Medien am häufigsten geteilt wurden, oftmals von rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Internetportalen stammen. Die am häufigsten geteilten Artikel seien oftmals extrem polarisierend und verfolgten das Ziel, die Bundeskanzlerin zu diskreditieren. Bei den Falschinformationen und Verschwörungstheorien gehe es insbesondere um Merkels Haltung zur Geflüchtetendebatte und zum Islam. Unter den beliebtesten Artikeln über die Kanzlerin finden sich zahlreiche Texte rechtspopulistischer Internetseiten. Dazu gehören die „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“, „Anonymousnews.ru“, „noch.info“ und der Onlineauftritt des „Kopp Verlags“. Als Beispiel für die bewusste Desinformation führt Buzzfeed eine Meldung von „noch.info“ an: Diese behauptete, dass Merkel ein Selfie mit einem der Attentäter von Brüssel gemacht habe. Der „Kopp Verlag“ soll fälschlicherweise behauptet haben, dass die deutsche Regierung ankommenden Geflüchtete lebenslange Sozialleistungen auszahle.

Anfällig sind prinzipiell erstmal alle

Jeder ist letztendlich anfällig für Falschmeldungen, es kommt immer auf den Anlass und Inhalt an“, sagt Wolf. „Gehen wir einen Schritt von den politischen Fake-News weg und schauen auf soziologische Fakes. Bestes Beispiel hierbei ist die Hysterie um die Horrorclowns im letzten Herbst.“

Auch an der Wortwahl lässt sich erkennen: Das ist keine echte Meldung. „Treibten ihr Unwesen“ ist, erstens, viel zu vage und, zweitens, müsste es „trieben“ heißen. Und „ging es richtig zur Sache“ würde so vermutlich kein seriöses Nachrichtenmedium schreiben. Screenshot / Facebook

Der Verein habe mehrere hundert Falschmeldungen rund um die Horrorclowns in den sozialen Netzwerken identifizieren können. „Und obwohl wir ausführlich und deutlich vor diesen Falschmeldungen gewarnt haben, kamen diese Klarstellungen kaum an.“ Aufgrund der Falschmeldungen haben sich laut Wolf viele Menschen in ihrer Verhaltensweise beeinflussen lassen. Daraus resultierte sogar ein realer Zwischenfall, bei dem ein Jugendlicher einen anderen mit einem Messer verletzte.

Eine weitere Untersuchung von Buzzfeed und Ipsos in den USA hat gezeigt, dass die meisten Amerikaner fünf ausgewählte Fake-News als nahezu ebenso glaubwürdig einschätzten wie echte Meldungen. Ein Fake ist immer dort glaubwürdig, wo man den Inhalt auch erwartet. Mit einem kritischen Blick lassen sich erste Anzeichen für Fakes recht schnell erkennen. „Mimikama“ hat dafür eine Seite eingerichtet. In den meisten Fällen dürften aber schon genügen, diese zwei Punkte zu überprüfen:

  • Ist der Inhalt überspitzt dargestellt? Ein überspitzte Darstellung eines Inhaltes unter Auslassung von umsichtigen Erklärungen sollte ein erstes Alarmsignal sein. Viel Meinung, wenig Inhalt, eine kaum belastbare Quelle, wenn überhaupt vorhanden, sowie stark verkürzte und nahezu auf Schlagzeilen komprimierte Darstellungen sollten mit Vorsicht genossen werden.
  • Wer schreibt hier überhaupt? Hier reicht ein Blick ins Impressum der Webseite. Sind das transparente und seriöse Angaben oder eine wahllose und nicht nachvollziehbare Adressangabe irgendeines Postfaches in Mittelamerika? Oder ist vielleicht sogar gar kein Impressum vorhanden? Nicht vorhandene Ansprechstellen sind kritisch einzuordnen. Ebenso gilt es zu differenzieren: Handelt es sich um einen Meinungsblog oder eine seriöse Presseseite?

Weil derartige Vorwürfe an Nachrichtenmedien häufig vorkommen: Nur weil Journalist*innen in ihren Texten sachliche Fehler machen, etwa eine Null zuviel an eine Zahl hängen oder eine Aussage falsch interpretieren, handelt es sich noch nicht um eine Falschmeldung – und schon gar nicht um eine gezielte Lüge. Ein Hinweis genügt meistens, dann wird der Fehler korrigiert. Bei Fake-News aber wird man nie eine Korrektur feststellen können, ebenso wenig wie ein Zurückrudern der Initiatoren.

Wer eine Fake-News identifiziert hat, kann selbst eingreifen

„Sobald ich eine Information als unwahr oder verfälscht identifizieren kann, sollte ich diese nicht weiter über soziale Netzwerke verbreiten. Ferner kann man durchaus mit einem kurzen Kommentar in sozialen Netzwerken oder Messengern auf die Problematik einer Information hinweisen“, empfiehlt Wolf von „Mimikama“. Diskussionen, vor allem auf Seiten, auf denen man potentiell unterlegen ist, solle man besser unterlassen. „Das schlägt oftmals in Aggression um und ist kontraproduktiv.“ 

Wie bei Allem gelte hier: Vernünftige, transparente und nachhaltige Argumente sind der Schlüssel; Beschimpfungen oder Vorwürfe der falsche Weg. So könne sich langsam eine allgemeine Sensibilisierung für das Thema einstellen.

[Außerdem auf ze.tt: Vier Studierende wollen Trumps Propaganda auf Facebook stoppen]

Ein erster Schritt in diese Richtung ist, sich selbst aufmerksamer und souveräner durchs Netz zu bewegen – und keine Inhalte ungeprüft teilen. Denn eines jedenfalls ist sicher: Diese neue Art der Gerüchte sind nicht mehr ganz so harmlos wie die aus unserer Schulzeit.

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