Die Menschen sind in den vergangenen 57 Jahren immer individualistischer geworden

Individualismus wird uns immer wichtiger. Bildung und Einkommen sind dafür entscheidende Indikatoren. Nur in China sieht das etwas anders aus.

Individualität gewinnt an Bedeutung. © Stocksnap/pexels.com


Spätestens seit der StudiVZ-Gruppe Wir sind vor lauter Individualismus schon ganz uniform vermuteten wir, dass Eigenständigkeit in unseren Reihen eine immer wichtigere Rolle spielt. Kanadische Wissenschaftler*innen haben sich das jetzt genauer angeschaut. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Psychological Science, dem Aushängemagazin der US-amerikanischen Association for Psychological Science, finden sich die Ergebnisse ihrer Studie Global Increases in Individualism. Sie besagt, dass der Individualismus in den vergangenen 57 Jahren weltweit um zwölf Prozent zunahm.

Erforscht hat das Ganze ein Team der University of Waterloo rund um den Psychologen Henri Santos. Für die Studie wurden Bevölkerungsdaten von insgesamt 78 Ländern untersucht. Dazu werteten sie Volkszählungen (National Census Data) und Umfragen über menschliche Werte (World Values Survey) der vergangenen 57 Jahre aus. „Ein großer Teil der Forschung über die Manifestation eines steigenden Individualismus, der sich etwa in Form von Narzissmus oder höherer Scheidungsraten äußert, hat sich auf die USA konzentriert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dieses Muster auch zu anderen Ländern passt, die nicht westlich oder industrialisiert sind“, so Santos.

Bildung und Einkommen sind offensichtlichste Individualismus-Indikatoren

Generell lässt sich sagen, dass Menschen in individualistischen Kulturen eher selbstgesteuert und autonom handeln. Ihnen sind Unabhängigkeit und Einzigartigkeit als kulturelle Werte wichtig. Kollektive Kulturen hingegen tendieren dazu, den Menschen mit anderen verbunden und im größeren sozialen Kontext eingebettet zu sehen. Sie legen Wert auf gegenseitige Abhängigkeit, Familienbeziehungen und soziale Konformität.

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Um Aufschluss über das individualistische Verhalten in verschiedenen Kulturen zu bekommen, blickten die Forschenden auf die durchschnittliche Größe der Haushalte, Scheidungsraten oder den Anteil allein lebender Menschen. Als Indikatoren für individualistische Wertvorstellungen dienten ihnen etwa Daten dazu, welche Wichtigkeit die Menschen Freund*innen versus Familie zuschreiben. Außerdem schauten sie sich an, für wie wichtig es die Proband*innen halten, Kinder unabhängig zu erziehen und zu welchem Grad sie Selbstausdruck als nationales Ziel bewerten.

Nimmt die sozioökonomische Entwicklung zu, nimmt auch der Individualismus zu.“

Santos und sein Team werteten zudem Daten zu sozioökologischen Faktoren aus, darunter etwa den Stand der sozioökonomischen Entwicklung, die Häufigkeit von Katastrophen, das Aufkommen von Infektionskrankheiten und extremen Temperaturen im jeweiligen Land. So wollten sie feststellen, inwiefern auch diese den Individualismus beeinflussen. Das klare Ergebnis: Nimmt die sozioökonomische Entwicklung zu, nimmt auch der Individualismus zu.

Auch wenn viele sozioökologische Aspekte wie häufige Katastrophen, wenige Infektionskrankheiten oder wenig Klimastress in ärmeren Ländern mit Individualismus in Verbindung gebracht werden konnten, entpuppte sich eine starke sozioökonomische Entwicklung – steigendes Bildungsniveau und Einkommen – als offensichtlichster Individualismusindikator.

China bildet eine Ausnahme

Bei nur vier Ländern wiesen die Ergebnisse auf eine Abnahme individualistischer Handlungen hin: in den afrikanischen Ländern Mali, Malawi, Kamerun und Malaysia in Südostasien. Bei den Wertvorstellungen entwickelten sich Armenien, Kroatien, die Ukraine, Uruguay und auch China gegen den Welttrend. „China bildet eine Ausnahme. Hier gehen die individualistischen Wertvorstellungen zurück, obwohl das Land ökonomisch wächst. Es lohnt sich, das Land in Zukunft genauer zu untersuchen.“