Die mitreißende Rede dieser jungen Nordkoreanerin zeigt, wie wertvoll Freiheit ist

Eine junge Frau spricht über das unermessliche Leid, in Nordkorea aufzuwachsen. Ihr Erfahrungsbericht ist ein schockierendes Zeugnis über das Leben in einer Diktatur.

Yeonmi Park bei ihrer Rede auf dem One Young World Summit 2015. © Higher Perspective

Park Yeon-mi hielt vor etwa zwei Jahren eine Rede auf dem One Young World Summit 2015 in Bangkok. Damals erfuhr sie nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient: Die junge Frau sprach dort über ihr Leben und das Leben tausender Menschen in Nordkorea, über ihre Flucht aus der Diktatur und darüber, dass Freiheit leider keine Selbstverständlichkeit ist.

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Am vergangenen Wochenende ploppte Yeon-mis Rede tausendfach in Facebook-Timelines auf, nachdem die Plattform Higher Perspective ein Video davon geteilt hatte. Das zeigt, wie über Social-Media auf wichtige Themen aufmerksam gemacht werden kann: Das Video wurde bisher über 65 Millionen Mal angesehen und über eine Millionen Mal geteilt.

Auch wenn das Video schon zwei Jahre alt ist, bleibt der Inhalt zeitlos und die Zustände in Nordkorea nach wie vor katastrophal. Selten erhält man ein so emotionales Bild vom Leben in einer Diktatur, selten wird das Leid der Menschen dort so verständlich, selten fühlt man sich ihnen so verbunden. Yeon-mis Rede ist ein schockierendes und wichtiges Zeugnis.

Yeon-mi wurde 1993 in Nordkorea geboren. Noch bevor sie das Wort Freiheit kannte oder etwas von Menschenrechten hörte, wurde sie das erste Mal entführt. Als sie neun Jahre alt war, wurde die Mutter einer Freundin öffentlich exekutiert, weil sie sich einen Hollywood-Film ansah. Yeon-mi sah dabei zu.

„Nordkorea ist ein unvorstellbares Land“, sagt sie in ihrer Rede. Ein Land, mit nur einem TV-Sender. Ein Land ohne echtes Internet. Ein Land, in dem es den Menschen nicht erlaubt ist, zu singen, sagen oder tragen, was sie wollen. Ein Land, in dem drei Generationen einer Familie hart bestraft werden, wenn ein einzelnes Mitglied Kritik am Regime äußert. Durch die Three Generations of Punishment-Regel können dann alle Mitglieder der Familie – selbst Kinder – in Arbeitslager gezwungen werden. Yeon-mis Mutter sagte ihr, als sie vier Jahre alt war, dass sie nichtmal flüstern dürfe. „Ich gebe es zu: Ich dachte, die Regierung könne meine Gedanken lesen.“

Es ist das einzige Land der Welt, in dem Menschen hingerichtet werden, wenn sie ein unerlaubtes Telefonat in ein anderes Land führen.“

Die Menschen würden von der Regierung regelrecht terrorisiert und jedes kleinste Freiheitsbestreben unterdrückt. „Während ich dort aufwuchs, habe ich nie eine Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau gehört. Es gibt keine Bücher, keine Lieder, keine Artikel, keine Filme über Liebe. Kein Romeo und Julia“, sagt Yeon-mi. Die einzigen Geschichten, die erzählt würden, seien solche über die Kim-Diktatoren.

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Unter Tränen beschreibt die junge Frau ihre Flucht nach China. Sie war damals 13 Jahre alt und musste mit ansehen, wie ihre eigene Mutter von einem Geschäftsmann vergewaltigt wurde. „Er wollte mich. In Nordkorea gibt es eine Redewendung: ‚Frauen sind schwach, Mütter sind stark.‘ Meine Mutter ließ sich vergewaltigen, damit ich es nicht musste.“ Von den über 300.000 Geflüchteten von Nordkorea nach China seien 70 Prozent der Frauen und Mädchen schon einmal Opfer von sexueller Gewalt geworden. Die Vergewaltiger bezahlen Schleppern dafür weniger als 200 Hongkong-Dollar, das entspricht etwa 24 Euro.

Yeon-mi und ihre Mutter hätten alles dafür getan, nicht zurück nach Nordkorea zu müssen. Als sie in der Mongolei ankamen, hielten sie Messer bereit, um sich umbringen zu können, wenn sie zurück geschickt worden wären: „Wir wollten als Menschen leben können.“

Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, variieren die Details über ihre Kindheit in der Stadt Hyesan nahe der Grenze, den Hunger, die Flucht nach China und von dort in die Mongolei, den Tod ihres Vaters und andere Einzelheiten von Rede zu Rede. Sie selbst jedoch verteidigt die vermeintlichen Diskrepanzen mit dem Hinweis auf ihr schlechtes Englisch und der Tatsache, dass sie erst 13 Jahre alt war, als sie Nordkorea verließ und ihre Erinnerungen deshalb nicht immer eindeutig seien.

Heute kämpft Yeon-mi für Freiheit

Heute ist Yeon-mi Aktivistin, Autorin und setzt sich für Menschenrechte in Nordkorea ein. Sie selbst hat die multiplizierende Kraft von Social Media erkannt, ist auf Twitter, Facebook und Instagram aktiv. Dort postet die 23-Jährige in der Regel Inhalte und Kritik über Nordkorea.

Oft werde sie gefragt, wie man den Menschen in Nordkorea helfen könne. Sie beendete ihre Rede auf dem One Young World Summit 2015 mit drei Ratschlägen:

  1. „Lernt über die menschliche Katastrophe in Nordkorea, um das Bewusstsein für die Menschen dort weitertragen zu können.“
  2. „Helft und unterstützt nordkoreanische Geflüchtete, die in Freiheit leben wollen.“
  3. „Bringt China durch Petitionen dazu, Menschen nicht mehr nach Nordkorea zurück zu schicken. Alle Länder der Welt müssen Druck auf China ausüben.“

Yeon-mi wünscht sich eine globale Bewegung, die Menschen in Nordkorea zu befreien. Es gehe nämlich nicht nur um nordkoreanische Menschenrechte. Es seien unsere Menschenrechte, die das Regime in Nordkorea seit Jahrzehnten mit Füßen tritt. „Wir müssen unseren Fokus weniger auf das Regime setzen, sondern auf die Menschen dort, die vergessen werden“, sagt Yeon-mi. „Wir müssen den dunkelsten Ort der Welt sichtbar machen.“

In diesem Fall ist der erste Schritt tatsächlich damit getan, ihr Video zu teilen.

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