Die syrische Regierung lässt die Bevölkerung gezielt hungern, um sie zu vertreiben

Die Menschenrechtsverletzungen in Syrien nehmen kein Ende. Ein neuer Amnesty-Bericht mit 134 Zeug*innenaussagen zeigt Erschreckendes.

Ein Ehepaar bringt seine unterernährten Kinder im Oktober in ein medizinisches Versorgungszentrum außerhalb von Damaskus. © Gettyimages

Das vom Bürgerkrieg geplagte Syrien kann sich nicht erholen. Seit 2011 befindet sich das Land in einem mittlerweile völlig unübersichtlichen Konflikt, an dem viele Parteien mitwirken und fast laufend gegen Menschenrecht verstoßen wird. Sehr häufig geht das von der Regierung unter Diktator Baschar al-Assad selbst aus, und immer leidet darunter vor allem die Zivilbevölkerung.

Neben militärischen Interventionen, etwa Belagerungen, Bombenabwürfen und Giftgasangriffen, setzt die syrische Regierung auch ein besonders perfides Druckmittel gegen die Menschen ein: Hunger. Sie sollen so zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden.

Das geht aus einem neuen, umfassenden Bericht von Amnesty International (PDF) hervor, bei dem 134 Zeug*innen befragt wurden, darunter Betroffene, humanitäre Hilfskräfte, Expert*innen, Journalist*innen und Vertreter*innen der Vereinten Nationen. Um deren Aussagen zu verifizieren, wertete die Menschenrechtsorganisation Satellitenbilder und Videos aus.

Diplomatische Scheinlösungen

Ganze Regionen und Orte werden demnach gezielt durch Militärtruppen von Hilfsgütern abgeschnitten. So kommen nur wenig oder gar keine Lebensmittel, kein Wasser, keine medizinische Versorgung und keine Brennstoffe durch, die dringend benötigt werden. Zusätzlich werden offenbar sämtliche Felder niedergebrannt, um den Nahrungsmangel zu verschärfen. Die Menschen sollen so gezwungen werden, die Region zu verlassen, um nicht am Hunger zu sterben.

Die Taktik ist laut Amnesty die Folge von sogenannten Versöhnungsabkommen zwischen Regierung und Opposition, deren Bestandteil auch die Evakuierung der Bevölkerung ist. Dabei handele sich aber in Wahrheit um diplomatische Scheinlösungen auf Kosten der Menschenrechte.

Die Regierung habe so bereits Tausende Menschen gezielt vertrieben und getötet, um in Verhandlungen später den Druck auf die bewaffnete Opposition erhöhen zu können. Nach dem Motto: In der Region lebt ja ohnehin niemand mehr, überlasst sie doch uns. Offiziell nennt die Regierung solche abgeschnittenen Regionen höhnisch Deeskalationszonen.

[Außerdem auf ze.tt: Kinder werden mit Giftgas getötet – und niemand will es gewesen sein]

Die Menschenrechtsorganisation bewertet das als schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zehntausende, darunter allein 37.000 Menschen aus Aleppo, seien deportiert und in andere Regionen gebracht worden, viele auch in Evakuierungslager der Regierung, wo entweder die Zwangsrekrutierung auf sie wartet oder die willkürliche Verhaftung. Letzteres führt nach Vorwürfen des US-Außenministeriums allzu oft zur Ermordung und anschließender Verbrennung in Krematorien – wir berichteten.

Keine Lösung in Sicht

Erst kürzlich meldeten die Vereinten Nationen (UN), dass allein im Oktober über 1.000 unterernährte Kinder aus Ost-Ghouta nahe Damaskus in medizinischen Versorgungszentren aufgenommen worden seien. Mindestens zwei von ihnen starben.

Wie es den Menschen ergeht, denen die Flucht gelingt, ist bekannt. Ihre Zukunftsperspektiven sind düster. Sie hängen oft bis zur völligen Verwahrlosung in Geflüchtetenlagern fest.

[Außerdem auf ze.tt: Wie sich Aleppo durch den Syrienkrieg verändert hat]

Die Weltgemeinschaft hat noch immer keine Lösung für den mittlerweile siebenjährigen Konflikt gefunden, obwohl Menschenrechtsorganisationen fast täglich Alarm schlagen. Insgesamt verloren seit Beginn des Bürgerkriegs über 330.000 Menschen ihr Leben, Hunderttausende wurden vertrieben und 13 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.