Die unendliche Suche nach einer veganen Winterjacke

Die perfekte Winterjacke zu finden, ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn man genaue Vorstellungen von ihr hat. Unsere Autorin Gina Nicolini hat sich auf die scheinbar unmögliche Suche gemacht.

© ze.tt/Gina Nicolini

Ich friere! © ze.tt/Gina Nicolini

Seit über einer Woche ist mir kalt. Es ist unter null Grad in Berlin und ich trage eine alte oversized Herrenjacke, die zwar ganz gut aussieht, aber leider nicht warm hält. Denn der Winter ist doch noch über Berlin eingebrochen – und ich war nicht vorbereitet. Darum suche ich jetzt auf den letzten Drücker eine Winterjacke. „Gibt’s doch überall im Sale“, kommt jetzt vielleicht als Antwort. „Stimmt“, kann ich da nur sagen, „aber nicht für mich.“ Denn die Jacke, die ich suche, muss einige Kriterien erfüllen.

Das Wichtigste ist, dass sie vegan-freundlich ist. Das bedeutet, es dürfen keine tierischen Produkte verarbeitet sein. Also kein Wollmantel, keine Daunenjacke. Zweitens sollte die Jacke schlicht sein, so dass ich sie auch zur Arbeit tragen kann. Drittens sollte sie nicht so teuer sein, dass ich mir nichts mehr für drunter leisten kann.

Dazu kommt: Im Winter sagen Mantel oder Jacke alles über dein Outfit aus. Was darunter ist, sehen die Menschen auf der Straße nicht. Und weil Kleidung (nicht nur für mich) eine wichtige Möglichkeit ist, sich selbst in der Welt zu definieren, ist eine Jacke ein zentrales und wichtiges Kleidungsstück. First World Problems? Wahrscheinlich. Aber so ist es.

Die Odyssee geht los

Ich friere immer noch. © ze.tt/Gina Nicolini

Da mir, wie gesagt, ziemlich kalt ist, beginne ich meine Suche zu Hause im Warmen bei Facebook. Die vereinte vegane Schwarmintelligenz gibt mir Tipps, wo ich vielleicht fündig werden könnte. Einige meiner Freund*innen tragen Carharrt. Für meinen Geschmack sind die Mäntel allerdings zu sportlich. Auch American Apparel soll tierfreie Winterjacken haben. Da war ich ewig nicht. Das behalte ich im Hinterkopf.

Meine erste Anlaufstelle sind die gängigen Modeketten, die ich eigentlich seit einiger Zeit vermeiden möchte, da sie häufig weder fair noch ökologisch produzieren. Neugierig bin ich trotzdem, also fahre ich mit meiner Schwester auf den Ku’damm. Zuerst gehen wir zu Peek&Cloppenburg. Im Untergeschoss gibt es „ganz viele tolle Mäntel“, wie eine Mitarbeiterin mir versichert („alles super modern, jaja“).  Aber da ich weder in XS noch XL passe, ist meine Auswahl ziemlich begrenzt, denn fast alles dazwischen ist ausverkauft. Von den Sachen, die noch an den Kleiderstangen hängen, gefällt mir nichts. Aus Trotz kaufe ich mir einen Schal.

Gegenüber bei Zara ist ebenfalls Sale und der Laden sieht aus, als wäre dort eine Bombe explodiert. An den Tischen wühlen sich Menschen durch Berge aus Pullis mit roten Etiketten mit durchgestrichenen Preisen. Dazwischen hängen reduzierte Winterjacken, Parkas und Mäntel. Wie ich befürchtet hatte, sind die meisten Parkas und Jacken mit Gänsedaunen und anderen Federn gefüttert. Viele der Mäntel haben einen Wollanteil, warm scheinen sie trotzdem nicht zu sein.

Als wir gerade gehen wollen, fällt mir ein Parka ins Auge. Er ist aus der neuen Kollektion und laut Etikett frei von tierischen Materialien. Gut 100,- Euro soll er kosten. In der Umkleidekabine wird mir sofort klar: Der ist richtig warm. Und er ist schwarz. Theoretisch drei von drei Punkten erfüllt, aber ich fühle mich nicht so richtig wohl. Er ist sehr steif und irgendwie passt er nicht zu mir. “Tut er wohl”, sagt meine Schwester. Ich bin zwar nicht überzeugt, aber lasse ihn zurücklegen.

H&M hat zwar auch einige reduzierte Jacken, aber die sind entweder mit Wollanteil oder nicht mein Fall, oder beides. Warm sind sie auch nicht. Ich habe schon so manchen Winter in diesen ungefütterten schwarzen H&M-Jacken durchgefroren. Außerdem ist die Qualität oft nicht besonders gut und die Mäntel sehen schnell abgetragen aus. Theoretisch ein guter Anlass, um sich jedes Jahr eine Neue zu kaufen. Wer aber nach etwas Nachhaltigem und Langlebigem sucht, ist bei H&M falsch.

In einer versteckten Ecke des Ladens entdecke ich Fake-Pelz-Jacken, die mir gut gefallen. Zwar sieht man, dass sie aus Webpelz sind, aber als offen vegan lebender Mensch traue ich mich dann doch nicht, so eine zu tragen. Mit leeren Händen verlasse ich das Geschäft.

Mango hatte im Onlineshop richtig schöne Winterjacken im Angebot, darum geht es als nächstes dort hin. Leider sind die Jacken analog nicht halb so schön wie digital. Ich bin enttäuscht. Und kalt ist mir immer noch. Ich bekomme schlechte Laune und frage mich langsam, ob meine Ansprüche zu hoch sind. Esprit kann mich auch nicht aufheitern. Wolle so weit das Auge reicht. Und die Preise, naja. Dann noch zu EDC ins Untergeschoss gehen? Nein, heute nicht.

Kurze Pause, Verzweiflung runterschlucken, weitersuchen

© ze.tt/Gina Nicolini

Langsam habe ich keine Lust mehr. Vom ewigen Schultern hochziehen tut mir der Nacken weh und wenn ich mich nicht bald aufwärme, fange ich an zu weinen. Zu Hause mache ich mir einen Tee und setze mich nochmal an den Computer. Es kann doch nicht sein, dass es keine Jacke, keinen Mantel, keinen Parka für mich gibt. Was machen denn die anderen Veganer*innen im Winter? Die laufen doch auch nicht im Pulli durch die Gegend. Also checke ich die Website von American Apparel. Die einzige Winterjacke, die sie haben, ist grüner Parka mit Fellkragen. Der steht zwar dem Model ausgezeichnet, aber für das, was ich suche, ist er leider ungeeignet.

Auch bei Zalando, Amazon, und Asos – nichts. Und Kaufen ohne Anprobieren ist bei Hosen, Schuhen und Mänteln sowieso schwierig. Die meisten Jacken sind mir an den Schultern zu groß. Und an den Hüften zu eng. Es hat schon seine Gründe, wieso ich oversized mag, und wieso das nicht der erste Winter ist, in dem ich nichts finde.

Zum Glück lebe ich gerade in Berlin und meine Einkaufsmöglichkeiten sind noch lange nicht am Ende. Am nächsten Tag fahre ich mit einer Freundin zu Monki. Der schwarze Mantel, den ich mir zuvor im Internet ausgesucht hatte, sieht an mir albern aus. Er ist zu lang, zu steif, und an den Schultern zu weit. Frustriert kaufe ich mir ein Kleid und ein T-Shirt.

Meine letzte Hoffnung ist das Second Hand Kaufhaus Humana am Frankfurter Tor in Friedrichshain. Ich kratze also meine letzte Motivation zusammen und begebe mich an einem Samstagmittag in die Hipster-Hölle Berlins. Auf drei von fünf Etagen gibt es Winterjacken und -mäntel, in allen Farben, Formen, für alle Gender. Optimismus steigt in mir auf. Doch meine Freude währt nur kurz. Ich kämpfe mich durch alle Ständer. Auf allen Etagen das gleiche: Hässlich – Wolle – hässlich – Daunen – zu kurz – Wolle – was soll das darstellen? – Wolle. Da vergeht mir sogar die Lust, noch einen Pulli zu kaufen. Obwohl der sogar Schulterpolster hat. Dann würde die Jacke bei Monki vielleicht doch passen.

Das ist frustrierend. Ich bin genervt von mir selbst. Statt einer Jacke habe ich zwei Schals, drei Shirts, einen Pulli und ein Kleid gekauft. Wenn ich das alles übereinander anziehe, reicht meine alte Jacke vielleicht doch noch für die restliche kalte Zeit. Mein Budget ist jetzt nämlich aufgebraucht.