Diese 36 Fragen sollen uns die Liebe bringen – funktioniert’s?

Es ist über 20 Jahre her, dass der Wissenschaftler Arthur Aron in seinem Labor zwei Menschen dazu gebracht hat, sich zu verlieben. Klappt das Experiment der 36 Fragen für jeden?

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...und plötzlich ist die rosa Brille da. Foto: Pexels | CC0 License

To Fall in Love with Anyone, Do This

„Um dich in eine beliebige Person zu verlieben, mach das“ lautete die Überschrift des Artikels, den meine New Yorker Brieffreundin mir kurz nach meiner Rückkehr nach Deutschland zusandte. Sie schickte mir nicht nur den Artikel aus den New York Times, sondern schrieb ein explizite Aufforderung dazu:

„Try This!”

Der Artikel beschrieb eine in den 1990er Jahren durchgeführte Studie des Wissenschaftlers Arthur Aron:

Jeweils ein Mann und eine Frau, beide heterosexuell, betreten einen Raum durch verschiedene Eingänge und setzen sich an einem Tisch einander gegenüber. Sie sind Fremde. Sie beginnen, sich bereits vorgegebene, zunehmend persönliche Fragen zu stellen, insgesamt 36. Die Fragen sind in drei Blöcke aufgeteilt. Abschließend schauen sie sich für vier Minuten in die Augen. Der Fragenkatalog sollte die Menschen experimentell dazu bringen, sich zu verlieben.

Sechs Monate später heirateten zwei der Testpersonen

Für mich war der Zeitpunkt ideal: Es war keinen Monat her, dass ich mein Studium begonnen hatte, ich hatte also eine große Auswahl an frisch bekannten Unbekannten. In meinem Kopf formte sich sofort eine Liste meiner neuen Bekanntschaften: Wer käme für ein solches Spielchen wohl in Frage? Und viel wichtiger: Wie bringt man einen Menschen dazu, sich auf so ein Projekt einzulassen? Vorsichtig erzählte ich meiner neuen Clique bei einem gemütlichen Abend von Dr. Arons Projekt.

Ich wollte – und will noch immer – nicht demnächst heiraten. Auch eine Beziehung klang für mich so kurz nach Beginn meines Studiums nicht so verlockend. Trotzdem stachelte die Vorstellung dieses Projektes meine Neugier an. Und zum Glück nicht nur meine!

Während die Mädels in der besagten Runde empört argumentierten, dass Liebe sich doch nicht so erzwingen oder erfragen ließe und dass das sowieso und überhaupt total unromantisch sei, merkte ich, dass einer meiner männlichen Bekanntschaften das alles gar nicht so abwegig fand. Ich war erleichtert: Der Typ hatte es von Anfang an auf meine Liste geschafft.

Ich hatte ihn schon bei der allerersten Party kennengelernt, wir sind schnell in den gleichen Freundeskreis gerutscht, er war für mich komplett ge-friendzoned: zu blond, zu breit, zu nett. Ein Freund eben – perfekt, um diese ominösen Fragen auszuprobieren. So auf jeden Fall die Gedanken meines naiven, neunzehn Jahre alten Ichs.

Und tatsächlich: Ich hatte es nur so in den Raum geworfen, wir hatten herum gealbert, dass wir es probieren könnten und zwei Tage später fragte er mich, wann wir diese Fragen denn mal ausprobieren wollen. Also lud ich ihn kurzerhand am nächsten Abend zu mir zum Abendessen ein. Es war Sonntag, ich war verkatert und hatte den ganzen Tag im Schlafanzug verbracht. So war ich natürlich noch nicht mit dem Kochen fertig, als er vor der Tür stand. Wir beschlossen, in meinem Zimmer zu essen. Ich räumte meinen Schreibtisch frei, wir saßen uns gegenüber und quatschten erstmal ein bisschen, um die Stimmung aufzulockern.

Wir scheiterten schon beim Versuchsaufbau: Erstens befanden wir uns nicht in einem Labor, sondern in meinem kleinen WG-Zimmer. Und zweitens waren wir keine komplett Fremden, sondern kannten uns schon seit etwa zwei Monaten. Doch wir waren single und wir waren neugierig – das sollte für unsere Zwecke reichen!

Single und neugierig

Mit Hilfe der App, die die New York Times aufgrund des enormen Erfolgs des Artikels über die 36 Fragen entwickelt hatte, stürzten wir uns also in das Abenteuer.

Die Fragen beginnen harmlos:

„Wenn du die Wahl aus allen Personen auf der Welt hättest, wen hättest du gerne als Gast zum Dinner?“

„Was würde für dich einen perfekten Tag ausmachen?”

Und so erzählten wir uns von uns. Wir erzählten uns von unserem Verhältnis zu unseren Müttern, von unseren liebsten und schlimmsten Erinnerungen, unseren Träumen und Ängsten. Wir entdeckten gemeinsame Lieben, wie etwa die zu Harry Potter und gemeinsame Lieblingsbands.

Frage 22: „Teilt abwechselnd eine Eigenschaft, die ihr aneinander positiv findet. Macht das mit insgesamt fünf Eigenschaften.”

Wir tauschten also positive Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Komplimente. Und während es zwar verdammt gut tut, Komplimente zu erhalten, waren es wohl diejenigen, die ich selbst machte, die für die Magie sorgten. Man wird dazu gebracht, sein Gegenüber langsam aber sicher aus immer neuen Perspektiven zu betrachten.

Im Laufe der Zeit vergaßen wir alles um uns herum. Wir sind nicht aufgestanden, unsere Handys waren komplett uninteressant. Die Fragen bauten eine Blase um uns auf. Sie bauten uns ein kleines Schloss, in dem es nur uns gab. Es ging nicht mehr um die Welt da draußen, darum, was wohl andere Menschen von uns denken.

Es ging um uns.

Und genau das ist das Spannende an Dr. Arons Fragen: Wir alle haben ein Bild von uns, an dem wir festhalten und das wir präsentieren, wenn wir neue Leute treffen. Und gerade wenn man, wie wir beide, an einen neuen Ort kommt und alle um einen herum noch Fremde sind, versucht man dieses Bild zum Glänzen zu bringen und daran fest zu halten. Doch den festen Griff um dieses Selbstporträt lockern die Fragen gemächlich, bis es einem unauffällig entgleitet.

Liegt das nur an den Fragen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Die Fragen wurden, wie erwartet, zunehmend persönlich. Wir erzählten, wann wir das letzte Mal geweint hatten, und warum. Wir sprachen über Verluste, den Tod, über Reue und Familie. Und waren ganz verwundert, als die letzte Frage des Katalogs uns plötzlich in unserer Blase alleine ließ.

Vier Minuten in die Augen schauen? Nein. Das war uns zu skurril. Lieber fragten wir weiter. Also redeten wir über alles, was die Fragen noch nicht aus uns heraus gelockt hatten, blieben im Frage-Antwort-Spiel. Wir spielten weiter, wurden mutiger, frecher. Irgendwann fragte ich:

„Möchtest du mich eigentlich küssen?”

Den Rest könnt ihr euch denken. Wie die Geschichte ausgeht? Ich habe gute drei Wochen rumgedruckst, versucht, mich vor einer Beziehung zu drücken. Wir sind jetzt seit fast 19 Monaten ein Paar. Hat wunderbar funktioniert, das mit der Friend-Zone!

Ich möchte Dr. Arons Studie nicht für mein Liebesglück verantwortlich machen. Ich möchte es aber auch nicht abstreiten, dass sie vielleicht doch nicht ganz unschuldig ist. Der Trick ist wohl der, dass bei zwei Menschen, die sich auf ein solches Projekt einlassen, schon ein gewisses Grundinteresse besteht.

Liebe funktioniert auch in Zeiten von Tinder

Wir glauben, dass Liebe etwas sei, das uns passiert. „We fall in love”, „We crush” sagt man im Englischen so schön. Und das besondere an dieser Studie ist, dass sie uns in diesem Prozess des Fallens aktiv werden lässt.

Sie geht davon aus, dass man mindestens fünf Gemeinsamkeiten mit seinem Gegenüber hat. Und – viel wichtiger – geht sie davon aus, dass eine Beziehung vor allem auf einem aufbaut: Vertrauen. Dass man offen ist, neugierig und interessiert.

Natürlich stimmt es, dass man Liebe nicht erzwingen kann. Man kann sich auch nicht aussuchen, wer einen liebt. Doch wir können Vertrauen und Intimität aufbauen. Wir „fallen” nicht einfach in Liebe, wir müssen uns auch fallen lassen.


Von Victoria Kempter auf EDITION F.

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