Wie ein Forschungsteam mit Fake-Eiern Schildkröten retten will

Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht – auch, weil Eier mancherorts als Delikatesse verspeist werden. Forscher*innen wollen im Sommer mit einem Trick dagegen ankämpfen.

Eine von wenigen Baby-Meeresschildkröten, die es schaffen, am Leben zu bleiben. © Paco Pacifico

„Wir wissen, wer diese Menschen sind. Wir kennen ihre Namen, ihre Gesichter und wissen wo sie wohnen“, sagt Helen Pheasey, Doktorandin an der University of Kent. Sie spricht von Wilderern*Wilderinnen. Im Schutz der Dunkelheit schlagen sie zu. Sie kommen, stopfen sich die Taschen mit Schildkröteneiern voll und verschwinden. Die Eier verkaufen sie später für gutes Geld. Damit sorgen sie für ein großes Ungleichgewicht unseres Ökosystems und schaden dem Klima.

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Das Projekt Turtle Tracks will gegen sie ankämpfen – genauer gesagt gegen die Organisationen dahinter. Diesen Sommer versteckt Pheasey mit zahlreichen Umweltschützer*innen in Nicaragua deshalb eine kleine Überraschung in den Nestern der Schildkröten: künstliche Schildkröteneier, mit GPS-Peilsendern bestückt. Diese Fake-Eier sollen direkt zu den Menschen führen, die die Verantwortung für den massenhaften Diebstahl tragen.

Die Eier kommen aus dem 3D-Drucker

Die Frage ist, wie weit es die gestohlenen Eier schaffen, bevor ihnen der Saft ausgeht – oder sie entdeckt werden. „Sie werden alle irgendwann auffliegen“, sagt Pheasey. Im ungünstigsten Fall werden die Kuckuckseier bereits am Strand entlarvt. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Denn die Eier sind von den echten kaum zu unterscheiden – weder im Gewicht, der Farbe, noch der Textur. Sogar diese kleine typische Delle haben sie.

Die Fake-Eier aus dem 3D-Drucker. © Paso Pacifico

Um sie so realistisch aussehen zu lassen, hat die Naturschutzorganisation Paso Pacifico viel Arbeit investiert. Die Idee dazu entstand 2016, seither wurden die Eier entwickelt, finanziert durch Crowdfunding. Die erste Herausforderung war, eine passende Batterie zu finden, die den GPS-Peilsender mit Energie speist, damit er in regelmäßigen Abständen ein Signal senden kann.

Das ganze Ei ist nicht größer als ein Tischtennisball. Außerdem stecken in den künstlichen Eiern noch eine SIM-Karte und ein Kugellager, damit sich ihr Gewicht, wie beim natürlichen Pendant, ungleichmäßig verteilt.

Die Schale der Eier muss sich echt anfühlen und ein bisschen nachgeben; Schildkröteneier sind nicht so hart wie Hühnereier. Die Schale der künstlichen Eier kommt aus dem 3D-Drucker. Um ihre Textur und Farbe möglichst realistisch abzubilden, hat Paso Pacifico mit einer Make-up-Künstlerin aus Hollywood zusammengearbeitet.

So ein Ei kostet in der Herstellung 35 Pfund, das sind umgerechnet etwa 40 Euro. Zu Beginn wollen Pheasey und ihr Team diesen Sommer 100 Stück unter echte Schildkröteneier mischen. Dafür bleibt ihnen nur ein kleines Zeitfenster, denn Nester werden meist in den ersten 24 Stunden geplündert. Und die Batterie der Eier reicht nur für etwa fünf Tage. Sie werden wasserdicht verschlossen und bemalt, bevor sie in die Nester gelegt werden.

Falls die künstlichen Eier trotz allem schon am Strand auffliegen sollten, war die Mühe glücklicherweise nicht umsonst. Sie könnten schließlich allein durch die Abschreckung schon dazu führen, dass weniger gewildert wird. „Und das ist es ja letztendlich was wir wollen“, sagt Pheasey.

An manchen Orten der Welt werden Schildkröteneier geschlürft wie Austern

Für Meeresschildkröten sieht es düster aus: Fünf der sechs in Zentralamerika vorkommenden Arten sind vom Aussterben bedroht, für die sechste liegen keine Zahlen vor. Doch Menschen machen weiterhin Jagd auf ihr Fleisch, ihren Panzer und ihre Eier.

Letztere nutzen traditionelle Fischerei-Gemeinden in Zentralamerika als Proteinquelle. Sie werden aber auch auf Märkten, in Bars und Restaurants verkauft, wie Pheasey erzählt: „Da gibt es Machos, die ein Schildkrötenei zusammen mit einem Shot Alkohol trinken.“ Angeblich steigerten sie die Potenz lendenschwacher Männer. Zudem gelten sie als Delikatesse. Manche schlürfen sie wie Austern. Zwei bis drei Dollar kostet ein Schildkrötenei in einer Bar in Nicaragua.

Eierdieb*innen bekommen für ein Dutzend Eier um die ein bis zwei Dollar. Da sie in einem Nest im Schnitt um die 100 Stück finden, können sie dort locker das Dreifache von dem verdienen, was sie für einen regulären Job bekommen würden. Paso Pacifico schätzt, dass ohne nächtliche Patrouillen an den Stränden von Nicaragua bis zu 90 Prozent der Nester geplündert werden würden. „Das Maß der Wilderei ist einfach untragbar“, sagt Pheasey.

Links Wilderer in Nicaragua, rechts ein Sack Eier, den sie leicht zu Geld machen können. © Paso Pacifico

Dabei überleben schon ohne Zutun des Menschen von 1.000 geschlüpften Schildkröten je nach Art nur ein bis zwei lange genug, um sich selbst fortzupflanzen. Denn die Jungtiere sind im Vergleich zu ausgewachsenen Schildkröten leicht zu knacken und ein gefundenes Fressen für Vögel, Krabben und Raubfische.

Somit sind Meeresschildkröten als Nahrung einerseits wichtige Teile der Ökosysteme – an Land und im Wasser. Andererseits spielen sie auch durch ihre eigene Ernährungsweise eine wichtige Rolle. So halten sie Seegras in Schach und nehmen mit ihrer Nahrung sehr große Mengen Silikate auf, was den Salzhaushalt der Erde stabil hält. „Kaum ein anderes Tier kann solch hohe Level tolerieren“, sagt Pheasey.

An Land sind ihre Eier auch im Kampf gegen einen Verursacher des Klimawandels von Bedeutung: Sie enthalten große Mengen Stickstoff, welche den Boden düngen und damit das Wachstum strandnaher Pflanzen fördern. Diese sorgen nicht nur für die Umwandlung des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids, sondern halten mit ihren Wurzeln auch fruchtbaren Boden an Ort und Stelle. „An den Stränden, wo früher einmal Schildkröten ihre Eier legten, geht nun, da sie es nicht mehr tun, viel mehr Land verloren“, sagt Pheasey.

Keine Schildkröteneier – weniger Pflanzen. Weniger Pflanzen – weniger Land und Lebensraum.

Die Jagd nach den großen Playern

Um die Wilderei zu stoppen, sind die Forscher*innen deshalb nicht hinter den einzelnen Eierdieb*innen her. Diese wären schnell ersetzt, würden sie aus dem Spiel genommen. Außerdem kommen sie laut Pheasey oft aus ärmlichen Verhältnissen, sind wenig gebildet und haben Probleme mit Drogen. Das Projekt hat die Menschen im Blick, die hinter den Wilderern*Wilderinnen stecken.

Die Schmuggelrouten, die aus den GPS-Daten entnommen werden können, werden dabei helfen, wichtige Fragen zu klären: Werden die Eier auch über internationale Grenzen befördert, vielleicht auch nach Europa? Wo sind die meisten Endverbraucher? Wo ist der Hauptmarkt? Gibt es eine übergeordnete Organisation?

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„Genau wie beim Drogenhandel ist die Polizei nicht wirklich hinter den Straßendealern her, sondern sucht die Big-Player“, erklärt Pheasey. „Mit den GPS-Daten könnten wir ihr dann vielleicht zeigen, wo sie zuschlagen müsste.“ Mit den ersten hundert Eiern startet diesen Sommer der Testlauf. Wo genau, muss geheim bleiben. Doch ist er erfolgreich, können danach wesentlich mehr Eier auf Verbrecherjagd gehen – und die Meeresschildkröten vor dem Aussterben beschützt werden.

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