Diese Frauen wollen Geflüchtete therapieren – und ihr könnt sie unterstützen

Viele Geflüchtete bleiben mit ihrem Leid allein. Das liegt an fehlenden Therapieplätzen, der deutschen Bürokratie und Sprachbarrieren. Das wollen diese Therapeutinnen in Ausbildung durch Crowdfunding ändern.

© ze.tt

Annika, Judith und Katja vor dem Institut, in dem sie bald Geflüchtete therapieren wollen. © ze.tt

Sie sind nervös, schreckhaft, depressiv oder ziehen sich sozial zurück. Im Vergleich zu dem, was sie erlebt haben, sind sie in Deutschland sicher – und doch leiden viele Geflüchtete weiter. Denn Flucht bleibt, ein Leben lang. Bei manchen entwickeln sich daraus Krankheiten, die auch ein Leben lang bleiben, sofern sie nicht behandelt werden.

Um das zu verhindern, haben Annika Huhn, Judith Schön, Katja Fuchß und vier weitere Psychotherapeutinnen in Ausbildung das Projekt „Prothege“ gegründet. Eigentlich sehen sie die Verantwortung bei der Politik und den Krankenkassen. Aber weil nichts passiert, handeln sie selbst: Sie wollen noch in diesem Herbst 15 Geflüchteten in Berlin einen Therapieplatz ermöglichen – finanziert durch Spenden, die noch bis zum 1. August überwiesen werden können.

Das Projekt haben die Frauen gegründet, als es „am LaGeSo so schlimm wurde“: Wir wollten nicht in die Flüchtlingsunterkünfte gehen und beraten. Das gibt es schon. Doch meist ist das Problem, dass die Helfer nicht wissen, wohin sie die Menschen schicken sollen. Es fehlen Behandlungsplätze „, erklärt Judith.

Flucht ist nicht (immer) gleich Trauma

Die meisten Menschen entwickeln nach einer Flucht psychische Erkrankungen: Nach Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer plagen 70 Prozent der erwachsenen Geflüchteten in Deutschland ungewollte Gedanken an das Trauma, mehr als 40 Prozent leiden unter Albträumen und rund 50 Prozent unter Flashbacks. Dabei fühlt es sich an, als ob sie traumatisierende Situation aus der Vergangenheit noch einmal erleben.

Aber nicht alle Geflüchteten sind traumatisiert. Warum sich bei manchen eine Erkrankung entwickelt, kann von verschiedenen Einflussfaktoren abhängen. Nicht alle haben gleich viel Schlimmes erlebt, andere bringen von Natur aus mehr Abwehrmechanismen mit.

Aber auch die Ankunft kann darüber entscheiden, wie sich die emotionale Gesundheit entwickelt: Wer sich in der neuen Umgebung sicher fühlt und aktiv integriert wird, fasst Mut und Vertrauen. Auch soziale Unterstützung und die Anerkennung als Opfer können helfen.

Gefühle übersetzt

Die Krux an der Sache: 2014 wurden lediglich vier Prozent aller Geflüchteten psychotherapeutisch behandelt – und das oft von Sozialarbeiter*innen und Psychotherapeut*innen in den Flüchtlingsunterkünften, finanziert durch Vereine oder Stiftungen. Die Unterkünfte geben allerdings meist nicht die Möglichkeit für eine umfassende und persönliche Behandlung. Oft bleibt es bei „psychologischen Stammtischen“. Bei steigender Zuwanderung kann der Anteil der therapierten Geflüchteten schnell auf ein Prozent sinken.

Wer therapiert werden möchte, muss zudem die deutsche Bürokratie, lange Wartezeiten und Sprachbarrieren überwinden. Und auch hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Chancen verteilt sind: „Momentan ist so: Wer englisch spricht, bekommt eher eine Therapie. Für arabisch sprechende ist es fast unmöglich“, sagt Katja.

Der Hauptteil der Spenden wird daher für Dolmetscher ausgegeben: von den 60 Euro, die eine Sitzung kosten wird, bekommen die Übersetzer 40 Euro. Der Rest verteilt sich auf die Therapeutinnen und die Supervisorinnen. Eine reguläre Therapiestunde kostet 87,77 EuroFür die Geflüchteten sind die Stunden also günstiger, umsonst wollen Katja und ihre Kolleginnen allerdings nicht arbeiten: „Wir wollen bedingungslose Hilfe für alle – aber keine Almosen. Deswegen haben wir uns für eine Aufwandsentschädigung für Therapeutinnen und Supervisorinnen entschieden“, sagt Annika.

Für ihr Projekt können sie vorerst nur 15 Stunden pro geflüchteter Person anbieten. Nicht genug Zeit, um ein Trauma aufzuarbeiten, aber zumindest eine Prävention: „Wir wollen die Flüchtlinge stabilisieren, damit sie für das, was sie hier erwartet, gewappnet sind und ein normales Leben aufnehmen können“, sagt Judith.

Verantwortung für etwas übernehmen, das wir nicht zu verantworten haben

In den Sitzungen sollen die Patient*innen wertfrei und offen reden dürfen. Sie werden aber auch Methoden lernen, um besser mit Stress oder Schlafstörungen umzugehen. Therapeutische Begleitung kann auch dabei helfen, Gewalttaten zu vermeiden. Bei manchen, die zu lange mit ihren Erlebnissen alleine fertig werden müssen, kann die Trauer in Verzweiflung, in Ohnmacht, in Wut umschlagen.

15 Geflüchtete von etwa einer Million in ganz Deutschland. Nicht viel, aber besser als nichts: „Wir können ignorieren, dass diese Menschen hier sind. Oder wir bieten ihnen Hilfe – und helfen uns damit selbst. Die Kosten, die entstehen, wenn eine Erkrankung chronisch wird, sind vielfach höher als die einer Kurzzeittherapie“, sagt Katja.

„Mit unserem Projekt wollen wir nur ein Angebot machen. Wir sind da – und wer kommen will, kann kommen. Wir wollen nicht, dass die Leute mit ihrem Leid alleine bleiben“, sagt Annika. Wenn die ersten Therapien gut ankommen, wollen sie an Firmen und Stiftungen herangehen, damit sie zukünftig die Kosten übernehmen und mehr Geflüchtete therapiert werden können. Irgendwann werden Politik und Krankenkasse mitziehen, hoffen die Frauen.


Hast du etwas zu dieser Geschichte hinzuzufügen? Wir freuen uns über konstruktive Kommentare oder Hinweise per Mail! Unpassende oder beleidigende Posts werden kommentarlos gelöscht.