Diese Grafik zeigt den Aufstieg und Niedergang der SPD

Es gab Zeiten, da erreichte die SPD bei Bundestagswahlen mehr als 45 Prozent. Was ist seitdem mit ihr geschehen?

Willy Brandt war der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik.

Es gab tatsächlich mal Jahre, in denen nicht Angela Merkel regiert hat, ja sogar Jahre, in denen nicht mal die Union regiert hat. Ein Fakt, der gerade für junge Wähler*innen wie ein Märchen aus einer längst vergessenen Zeit klingen mag. Derzeit dümpelt die zweite sogenannte Volkspartei, die SPD, je nach Umfrage zwischen 20 und 24 Prozent rum. Dass sich damit eine Links-der-Mitte-Regierung formen lässt, gilt als unwahrscheinlich.

Die ersten Wahlen in der BRD

Es gab Zeiten, da war das anders. Da erreichte die SPD mehr Stimmen als die Union. Eine Koalition der SPD mit der liberalen FDP war damals nichts Ungewöhnliches.

Aber beginnen wir von vorne. Die erste freie Wahl in der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland fand 1949 statt. Damals gab es die Fünf-Prozent-Hürde noch nicht, weshalb insgesamt zehn Parteien in den Bundestag einzogen. Mit dabei: die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die älteste Partei des Landes, deren Wurzeln bis in die 1860er-Jahre zurückgehen.

SPD und CDU/CSU waren schon damals die stärksten Parteien, die Union lag mit 31 Prozent knapp vor der SPD, welche 29,2 Prozent erreichte. Konrad Adenauer wurde zum ersten Bundeskanzler der jungen Republik gewählt. In den folgenden Wahlen wuchs die Differenz, die Union legte deutlich zu, während die SPD konstant etwa 30 Prozent der Stimmen erreichte.

Dazu muss man wissen, dass die SPD früher noch deutlich marxistische und sozialistische Tendenzen hatte. So stand die Partei etwa der sozialen Marktwirtschaft kritisch gegenüber. Während Adenauer sich politisch eng an die westlichen Mächte, vor allem die USA, band, stellte die SPD das Ziel der Wiedervereinigung über eine zu enge Anlehnung an die USA und Westeuropa. Außerdem war die Partei gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands. In Zeiten eines geografisch und politisch geteilten Deutschlands und der permanenten Bedrohung durch einen weiteren bewaffneten Konflikt zwischen den Ost- und Westmächten, war diese Politik nicht mehrheitsfähig, was sich in den Wahlergebnissen dieser Zeit widerspiegelt.

Das Godesberger Programm

1959 verabschiedete die SPD das sogenannte Godesberger Programm, ein Grundsatzprogramm, das bis 1989 gelten sollte. Es stand für den Wandel der ehemals sozialistischen Arbeiterpartei hin zu einer Volkspartei. Es benannte die christliche Ethik, den Humanismus und die klassische Philosophie als ideengeschichtliche Wurzeln. Der Hinweis auf eine weitere Wurzel, den Marxismus, fehlte, obwohl sie in allen vorangegangenen Grundsatzprogrammen die entscheidende Rolle gespielt hatte. Außerdem bekannte sich die SPD in dem Programm zur Marktwirtschaft und bejahte Bundeswehr und Landesverteidung im Rahmen der NATO.

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Sechs Jahre später erreichte die SPD erstmals bei einer Wahl fast 40 Prozent und war ebenfalls erstmals an einer Regierung beteiligt: als Juniorpartner der Union. Die SPD bewährte sich als Regierungspartei. Nach der nächsten Wahl 1969 bildete die SPD mit der FDP eine Regierung, Willy Brandt wurde Bundeskanzler, die Union saß erstmals in der Opposition.

Heute mag es komisch klingen, dass FDP und SPD eine Koalition bildeten. Nachdem 1953 die Fünf-Prozent-Hürde eingeführt wurde, also nur noch Parteien mit über fünf Prozent der Stimmen in den Bundestags einziehen dürfen, waren FDP, SPD und CDU/CSU jahrzehntelang die einzigen im Bundestag vertretenen Parteien. Demnach war die FDP als Juniorpartnerin an den meisten Regierungen beteiligt. Ausnahme waren zwei Jahre unter Adenauer, in denen die Union alleine regierte, sowie die große Koalition ab 1966 unter Kurt Georg Kiesinger (CDU).

Willy Brandt und Helmut Schmidt

Willy Brandt blieb bis 1974 Bundeskanzler, 1972 holte er mit 45,8 Prozent das beste Ergebnis bei einer Bundestagswahl, das die SPD je erreichen sollte. Ihm folgte Helmut Schmidt, der die sozialliberale Koalition verlängerte. In seiner Regierungszeit musste Schmidt sowohl mit dem linken Parteiflügel als auch dem Rechtsrutsch der Gesellschaft kämpfen. Während des Deutschen Herbstes und den Terroranschlägen der RAF fuhr Schmidt einen harten Kurs, was zu einem Bruch zwischen linksintellektuellen Kreisen und der SPD führte. Schmidt trug auch den Nato-Doppelbeschluss mit, wonach atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationiert wurden. Aus dem Protest gegen diesen Beschluss und der Friedensbewegung gingen letztendlich die Grünen hervor.

Die rot-gelbe Regierung hielt sich bis 1982. Sie zerbrach, weil die FDP angesichts einer wirtschaftlichen Krise und drastisch steigender Arbeitslosenzahlen einen anderen wirtschaftspolitischen Kurs eingeschlagen wollte. Schmidt wurde via Misstrauensvotum abgesetzt, Helmut Kohl mit den Stimmen von FDP und Union zum neuen Kanzler gewählt. Seine Kanzlerschaft sollte 16 Jahre andauern.

Gerhard Schröder und die Agenda 2010

Nach Willy Brandt war Gerhard Schröder der zweite Sozialdemokrat, der es schaffte, dass die SPD bei einer Bundestagswahl stärker abschneidet als CDU/CSU. 1998 erreichte die SPD 40,9 Prozent der Stimmen, die Union lediglich 35,2 Prozent. Sieben Jahre blieb er Kanzler, er formte die erste Mitte-Links-Regierung zusammen mit Bündnis 90/Die Grünen.

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2003 verkündete Schröder die sogenannte Agenda 2010, ein Konzept zur Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes. Im Rahmen dieser arbeitgeberfeundlichen Reform wurde beispielsweise der Kündigungsschutz gelockert, Harz IV eingeführt und viele bisher gewährte Leistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen. Schröder reagierte damals auf eine miese Wirtschaftslage, Arbeitslosigkeit von 11,3 Prozent, 4,7 Millionen Menschen ohne Job, Stagnation des Bruttoinlandsprodukts. Die Reformen sollten die Wirtschaft ankurbeln, Menschen in Beschäftigung bringen.

Die Agenda 2010 ist bis heute stark umstritten. Befürworter*innen sagen, dank ihr wäre die Arbeitslosigkeit auf dem geringen Stand, auf dem sie heute ist. Kritiker*innen innerhalb und außerhalb der Partei werfen der SPD vor, durch den Abbau des Sozialstaates ihre Wurzeln vergessen zu haben. Viele führen die schlechten Wahlergebnisse der kommenden Jahren auf die Agenda 2010 zurück.

Die schlechtesten Wahlergebnisse aller Zeiten

Bei der nächsten Wahl 2005 erreichte die Union wieder knapp mehr Stimmen als die SPD. Die SPD wurde zur Juniorpartnerin in einer großen Koalition, Angela Merkel wurde erstmals Kanzlerin. Bei der nächsten Wahl 2009 erreichte die SPD das schlechteste Wahlergebnis seit Gründung der Bundesrepublik: lediglich 23 Prozent. Seitdem hat sie es nicht mehr über die 30 Prozent geschafft. Und auch bei der kommenden Wahl am Samstag, den 24. September, bräuchte es wohl ein Wunder, damit die SPD wieder zu alter Größe gelangt.