Diese jungen Geflüchteten bereichern bald die deutsche Gründerszene

Sieben Geflüchtete arbeiten derzeit mit Hilfe von Expert*innen daran, eigene Unternehmen zu gründen. Dabei haben einige von ihnen einen großen Vorteil.

Vom Professor bis zum Modeschöpfer ist alles dabei. © Singa

„Wir versuchen hier den Status ganz rauszulassen, weil das oft künstliche Barrieren schafft. Deshalb versuchen wir Begriffe wie Flüchtling oder Geflüchteter zu vermeiden“, sagt Luisa Seiler, die für die gemeinnützige Organisation Singa tätig ist. Stattdessen sagt man hier ganz bewusst: Neuangekommene.

Luisa und ihr Team betreuen das neue Projekt Ideas in Motion in Berlin: Neuangekommene werden von Expert*innen angeleitet, um ihre Gründungsideen in Start-ups zu verwandeln.

„Wir glauben, dass viel zu wenig Räume für Begegnungen geschaffen werden, obwohl dabei spannende Erfahrungen entstehen können. Leider bleiben die Kompetenzen vieler Neuangekommene dadurch oft unentdeckt“, sagt Luisa Seiler. Die Aktion ist für den deutschen Integrationspreis nominiert.

Die Geflüchteten müssen so einige Startprobleme bewältigen

© Singa

Sieben Jungunternehmer mit verschiedensten Hintergründen werden zurzeit durch Ideas in Motion gefördert: darunter ein Professor aus Damaskus, der eine Online-Learning-Plattform auf Arabisch entwickelt, oder auch ein Start-up, welches den Wiederaufbau syrischer Städte durch private Finanzierung vorantreiben will.

Beim Start in Deutschland ist es für neu Hergezogene meist das Schwerste, wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen stehen zu können. Dass das nicht zwingend ein Problem sein muss, verdeutlicht ihnen das Team des Projekts: Anders als in der hiesigen Gründerszene, bringen viele der Neuangekommene schon eine breite Expertise in ihrem Geschäftsfeld mit sich. „Das ist nicht außergewöhnlich“, sagt Luisa, und es erleichtere die Arbeit bei der Unternehmensgründung immens.

[Außerdem auf ze.tt: New Yorker Stickeraktion zeigt, welche Erfindungen wir Geflüchteten zu verdanken haben]

Das Programm dauert insgesamt fünf Monate, gestartet wurde im März. In der ersten Phase entwickeln die Gründer zunächst eine konkrete Konzeptidee für ihr Geschäftsmodell. Darauf folgt die Umsetzungsphase: Hier geht es um Vertrieb, Marketing, Ressourcen. All das wird den Neuankömmlingen meist auf Englisch von Expert*innen aus diesen Bereichen beigebracht. Der Expert*innenpool arbeitet größtenteils pro bono und stellt für die Unternehmer in spe ein Curriculum mit verschiedenen Kursen zusammen. „Wir sind vergleichsweise sehr erfolgreich mit dem Projekt. Die ersten haben ihre Unternehmen bereits gegründet und konnten erste Gewinne verzeichnen“, sagt Luisa.

Einer, der bereits gegründet hat, ist Kussay, geboren in Syrien. Der Modeschöpfer hatte lange Jahre in Damaskus im Bereich Haute Couture gearbeitet, bevor er nach Berlin kam. Jetzt designt er vor allem T-Shirts, handgemacht, inspiriert von seiner neuen Heimat Berlin, und vertreibt diese in seinem Onlineshop. Der 39-Jährige war eigentlich in der High-End-Szene tätig, kreierte Braut- und Abendmode. In Deutschland musste er sich ein neues Standbein aufbauen, was im zuerst schwer fiel. „Vorher hatte ich noch kein eigenes Unternehmen, sondern habe immer für große Marken gearbeitet. Aber in Berlin konnte ich keine Jobs finden. Also half es mir sehr, als ich auf Singa und das Projekt zur Unternehmensgründung aufmerksam wurde, da ich so wieder Hoffnung hatte, finanziell bald auf eigenen Beinen stehen zu können.“

Kussay, 39, aus Syrien. © Singa

Aber Bürokratie in Deutschland ist nichts, was einem Hoffnung macht. Das hat auch Kussay lernen müssen. „Es war so hart, erst einmal zu verstehen, wie man so etwas beginnt und dann auch noch der ganze Papierkram. Aber letztendlich habe ich doch sehr viel Hilfe erhalten, von Ämtern und NGOs. Das hat mich wirklich berührt.“

Vom Weg in die Unabhängigkeit

Für viele Gründer*innen ist die Startfinanzierung das erste und größte Problem. Luisa weiß, wie viel härter es ist, Gelder zu generieren, wenn man vielleicht gar nicht mal ein dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhält. Manche Neuankommende verfügen über eigenes Startkapital zur Gründung, andere müssen um ihre Ideen bangen.

„Die Banken sind da mit Krediten sehr vorsichtig, weil sie letztendlich Angst haben, ihr Geld nie wiederzusehen. Auch Fördergelder sind schwer zu bekommen, wenn man vielleicht in naher Zukunft wieder ausgewiesen wird. Da kommen wir dann ins Spiel, da wir versuchen, Lösungen für diese strukturellen Barrieren zu finden“, sagt Luisa.

Fragt man Kussay, ob er stolz auf das ist, was er bisher mit seinem Unternehmen geleistet hat, sagt er: „Nun, wirklich stolz auf mich werde ich erst sein, wenn ich finanziell wieder komplett unabhängig bin.“

Ich fühle mich unwohl dabei, so viel Hilfe anzunehmen, aber wenigstens sitze ich nicht nur tatenlos rum, sondern kann produktiv sein. Das macht mich sehr glücklich.“ – Kussay

Den jungen Gründern hilft es insbesondere, in die heimischen Netzwerkstrukturen eingeführt zu werden. Durch Netzwerkveranstaltungen werden die neuen Gründer mit lokalen Unternehmern verknüpft, Zugänge sollen erleichtert und Kenntnisse über den neuen Markt geschaffen werden. 

Luisa ist zufrieden mit den Fortschritten der aktuellen Gruppe: „Wenn man erst einmal merkt, dass das Produkt auf dem Markt tragfähig ist, es möglicherweise erste Kunden anlockt, dann hat man eine ganz neue Motivation weiterzumachen.“ Weitermachen will sie auch mit Ideas in Motion: Am 19. Juli ist die Abschlussveranstaltung, bei der alle Gründer ihren Unternehmensstand präsentieren. Ende des Jahres geht Singa mit seinem Programm dann in eine zweite Runde.

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