Diese Künstlerin klebt jedem eine

Die “Barbara.” ist ein Star: Bei Facebook hat sie mehr als 250.000 Fans, bei Instagram rund 25.000 Follower. Im Interview spricht sie über Flüchtlinge, ihren Wunsch nach Anonymität und den Druck der Öffentlichkeit.

@ich_bin_barbara/Instagram

Barbara. will anonym bleiben. @ich_bin_barbara/Instagram

Nazi-Sticker, Warnschilder, Verbote – “Barbara.” verfremdet alles, erfindet auch für das derbste Graffiti eine geistreiche Pointe. Und “Barbara” ist ein Phantom: Keiner ihrer Fans kennt ihren richtigen Namen – Barbaras Identität ist eines der spannendsten Geheimnisse der Kunst-Szene. Seit Anfang 2014 begeistert die Streetart-Künstlerin aus Heidelberg das Netz mit ihren Klebezetteln.

Mittlerweile wurde ein erster Sammelband “Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle” veröffentlicht. Zeit für eine kreative Pause? Nein, die Heidelbergerin klebt fleißig weiter Zettel an die Hauswände Deutschlands. Im Chat mit ze.tt verrät sie: “Manchmal platzt mein Kopf fast, aufgrund der Ideen, die da raus wollen.”

ze.tt: Barbara, Kleben – ist das eine Kunst?

Barbara: Es ist zumindest meine Passion.

Du hast mehr als 250.000 Facebook-Fans, 25.000 Instagram-Follower. Ich war gerade „live dabei“, als du ein neues Bild hochgeladen hast. 80 Likes in einer Minute! Wie groß ist der Druck, immer wieder etwas Neues und Kreatives zu machen, das viele Menschen begeistert?

Ich spüre keinen Druck. Manchmal platzt mein Kopf fast, aufgrund der Ideen, die da rauswollen. Sicher ist nicht jede Idee ein Burner, aber ich habe unendlich viel Freude an meiner Arbeit.

Was gefällt deinen Fans an deiner Arbeit?

Das müsstest du meine Fans selber fragen, aber ich denke, dass es den Leuten gefällt, dass sich jemand in den öffentlichen Raum einmischt und die eine oder andere kritische oder auch lustige Aussage zwischen das Meer aus Werbung, Geboten und Verboten pflanzt.

Findest du deine nächsten Objekte eher zufällig, oder suchst du gezielt? Was macht für dich ein sehr gutes Werk aus?

Ich finde die meisten Sachen zufällig: Der öffentliche Raum ist mein Spielplatz. Manchmal schaue ich nach, ob etwas noch hängt oder klebt, aber sobald ich mein Foto gemacht habe ist für mich eine Aktion abgeschlossen und ich schau nach vorne. Wenn ich nach einer Aktion spüre, dass mir ein kleiner Stein vom Herzen gefallen ist, weil ein Gedanke, der raus musste, umgesetzt wurde – dann bin ich zufrieden und glücklich!

Verfolgst du ein festes Ziel als Künstlerin? Oder kann es sein, dass du von heute auf morgen einfach aufhörst?

Wenn ich die Freude an meiner Arbeit eines Tages verlieren sollte, dann werde ich etwas anderes machen. Solange es mir Spaß macht, werde ich mich weiter entwickeln und neue Ufer erreichen. Einen Aktionsplan habe ich nicht.

Welche Künstler gefallen dir? Hast du Vorbilder?

Es gibt sicher eine Menge Menschen, die mich im Laufe meines Lebens inspiriert haben: Mike Patton, Sänger von Faith no More zum Beispiel – oder die Geschwister Scholl, Edith Piaf und vorallem Astrid Lindgren. Menschen, die etwas zu sagen hatten. Und das mit einer Explosivität und Intensität, dass mir heute noch die Spucke wegbleibt.

@ich_bin_barbara macht Kunst. Wir haben mit ihr gesprochen. #streetart #barbara #barbaraklebt

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Bist du auch eine politische Künstlerin, oder erklärt sich der hohe Anteil von Postings mit politischen Themen so, dass der Großteil der Aufkleber, die man in der Stadt findet, politisch sind?

Beides ist richtig. Ich bin schon immer ein politischer Mensch gewesen und sage gerne meine Meinung. Die Entwicklungen der letzten Monate und Jahre haben das noch verstärkt: Die Straßen sind voll mit Aufklebern und Plakaten mit Rechtsradikalen Inhalten und stumpfen Beleidigungen gegen Ausländer, Homosexuelle oder andere Minderheiten. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.

Ein nicht zu unterschätzender Teil davon ein politischer Mensch zu sein, ist seine Haltung zu benennen, und sie mit seiner Identität zu verknüpfen. Das machst du nicht – keiner deiner Fans weiß, wie du wirklich heißt.

Meine Haltung ist mit meiner Identität verknüpft, nur kennt diese eben keiner. Ich habe mich für die Anonymität entschieden, weil ich möchte, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird. Außerdem möchte ich mein Privatleben schützen.

Möchtest du deine Fans manchmal nicht einfach auch mal kennenlernen? I

Ich bin ein sehr kontaktfreudiger Mensch und unterhalte mich gerne mit fremden Menschen auf der Straße oder sonstwo. Da ich nicht glaube, dass der Durchschnitt „meiner Fans“ sich von den durchschnittlichen Menschen auf der Straße unterscheiden, denke ich, dass ich sie kenne.

Bekommst du auch Reaktionen von den Leuten, deren Sachen du beklebt hast. Was sagen sie?

Reaktionen kann ich nur im Internet wahrnehmen, auf der Straße verkrümele ich mich schnell und versuche unerkannt zu bleiben. Abgesehen davon, richte ich mit meinen Aktionen niemals Sachschaden an. Alle meine Eingriffe sind ganz leicht und rückstandslos entfernbar.

#bildung #heidelberg #barbara #barbaraklebt

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Du machst es uns Journalisten nicht leicht: Keine Telefonate, kein Skype, der Bildschirm darf während dem Facebook-Chat nicht abgefilmt werden. Selbst Geheimdienst-Informanten treffen sich hin und wieder mit Journalisten. Misstraust du uns sehr?

Als ich mich für die Anonymität entschieden habe, wusste ich nicht, dass jemals ein Journalist Interesse an meiner Arbeit haben könnte, deshalb hat diese Entscheidung nichts mit Misstrauen zu tun. Allerdings schreckt mich der Umgang der Medien mit bekannten Persönlichkeiten schon etwas ab. Das betrifft natürlich nicht alle Medien, aber wenn man den einen etwas von sich preisgibt, können andere es nutzen, um den Menschen in der Luft zu zerreissen. Blätter wie die BILD oder die Bunte schrecken vor nichts zurück, und benutzen ihre Macht um Menschen in den Abgrund zu reißen – damit die gierende Öffentlichkeit daran teilhaben kann. Dieses Spiel möchte ich nicht mitspielen.

Du machst in der letzten Zeit viele Werke zur Flüchtlingskrise. Wie empfindest du die Arbeit der Medien zu diesem Thema?

Die Flüchtlinge sind eine Auswirkung einer globalen Krise: Die Reichen sind zu reich, die Armen sind zu arm! Durch die Globalisierung und allem voran dem Internet ändern sich die Dinge auf diesem Planeten rasend schnell – auch in Deutschland. Ich bin sehr glücklich, dass Deutschland immer offener und toleranter wird. Und doch bleiben gerade einige Menschen auf der Strecke und ziehen sich immer mehr in ihr Schneckenhaus zurück und bezeichnen alle anderen als Lügner oder “linksgrün-versiffte Gutmenschen”. Die Gesellschaft droht auseinanderzubrechen und in Anbetracht dieser Tatsache ist die Arbeit der Medien sehr schwierig. Ich bin jedenfalls froh, dass ich als Künstlerin einfach meine Meinung sagen kann ohne auf irgendeine Ausgewogenheit oder Abonnenten achten zu müssen.

Last but not least: Wenn eine gute Fee dir einen Wunsch erfüllen würde, was würdest du tun?

Ich würde mir wünschen, dass alle Waffen dieser Welt verschwinden
Und eine Pizza Quattro Formaggi!