Diese Transgender-Kinder zeigen, wer sie wirklich sind

Nicht jede*r hat das Glück, mit dem richtigen Geschlecht geboren zu sein.

Seit 14 Jahren dokumentiert die niederländische Fotografin Sarah Wong das Leben von Kindern und Jugendlichen, deren körperliche Anatomie nicht mit der geschlechtlichen Identität übereinstimmt. Oder besser: nicht übereingestimmt hat. Die Jungen auf den Bildern hatten bei ihrer Geburt die Körper von Mädchen und die Mädchen die von Jungen. Heute haben sie ihren Körper entweder bereits verändern lassen oder sind noch im Prozess der Veränderung. Damit das biologische Geschlecht endlich der Identität entspricht.

Wong schoss die Fotos in den Niederlanden, wo auch die Kinder leben. Sie alle waren Teil einer Therapie an der Vrije Universiteit Amsterdam, Europas erster Klinik für Kinder mit einer sogenannten Geschlechtsdysphorie. Das ist eine Geschlechtsidentitätsstörung, bei der eine Person das angeborene Geschlecht anhaltend oder sehr stark ablehnt und fest davon überzeugt ist, dem anderen Geschlecht anzugehören.

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Auch in Deutschland gibt es Kliniken, die Erstdiagnostik, psychosoziale Beratung oder medizinische Behandlungen für junge Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörungen anbieten, etwa an den Unikliniken von Berlin, Hamburg, Münster, Frankfurt und München. Viele Betroffene würden zum Zeitpunkt ihres Besuchs in der Klinik bereits in der Rolle des Wunschgeschlechts leben oder haben sich schon viele Jahre gedanklich damit beschäftigt. „Für viele Jugendliche entsteht in dieser Situation ein erheblicher Leidensdruck durch die Entwicklung der körperlichen Geschlechtsmerkmale“, sagt Inga Becker, Psychologin am Hamburger Universitätsklinikum, der Süddeutschen Zeitung. Die Folge seien nicht selten Depressionen oder selbstverletzendes Verhalten.

Einige der von Wong fotografierten Kinder nahmen über diesen Zeitraum Pubertätsblocker, um die Geschlechtsreife hinauszuzögern und um sich selbst emotional zu entlasten. So lange, bis sich die Kinder sicher waren, mit welchem Geschlecht sie ihr Leben verbringen möchten. Das ist bei einer derartigen Therapie üblich. „Es gibt nicht Schlimmeres, als wenn der eigene Körper sich falsch entwickelt. Ein Junge möchte keine Brüste bekommen und ein Mädchen will keinen Bart haben“, sagt Wong. Die 54 Jahre alte Fotografin entschied sich, abgesehen von diesen Informationen, keine weiteren Details über die Kinder preiszugeben. Ihrer Integrität und Privatsphäre zuliebe.

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Das Projekt startete im Jahr 2003 auf Anfrage der Eltern. Sie wünschten sich Porträts ihrer Kinder, die ihr authentisches Selbst zeigen. Ohne reißerische Inszenierung, ohne Effekthascherei. Die Fotos zeigen bloß Kinder, in deren Augen Überzeugung funkelt: Das ist mein wahres Ich und daran ist nichts Sensationelles. „Obwohl die Fotoshootings jeweils drei bis vier Stunden dauerten, fühlten sie sich an wie eine Feier. Sie fanden in vertrauten Umgebungen statt, die Kinder erzählten mir ihre Geheimnisse und ich ihnen meine“, sagt Wong.

Wong nennt ihre Fotoreihe Inside Out. „Ich wollte keinen Jungen in einem Kleid oder ein Mädchen mit einem Fußball fotografieren. Wenn jemand die Bilder ohne Hintergrundwissen sieht, sagen die meisten: ‚Süße Kinder, aber wer sind sie?‘ Genau so soll es sein“, sagt sie. Wong sei bewusst, dass die Arbeit eines Kunstschaffenden großen Einfluss auf die gesellschaftliche Meinung haben könne. Die Betrachter*innen sollen merken, dass nichts Sensationelles an diesen Kindern ist. „Am Ende sind wir alle gleich: Wir sind alle Seelen, die ein glückliches Leben führen wollen.“

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Die teilnehmenden Kinder sind zwischen fünf und 18 Jahren alt. Wong bezeichnet sie nicht als Transgender-Personen, sondern als authentische Menschen. Die folgenden Aussagen sollen mit Absicht nicht zuzuordnen sein.

Authentisches Mädchen

„Als kleiner Bub hat sie viel kaputt gemacht, war sehr frustriert und hat im Haus herumgeschrien“, sagt ihre Mutter. „Er wusste, er war anders, aber er konnte es nicht deuten. Sein Vater gab ihm Spielzeug für Jungs, aber lieber hatte er es, sich in alte Vorhänge zu wickeln, damit es so aussieht, als würde er ein Kleid tragen. Mit zehn Jahren wurde aus ihm eine Ihr, sie begann in der Schule die Mädchenklos und -umkleiden zu benutzen. Sie weiß, sie kann sich irgendwann auch operieren lassen, aber daran denkt sie noch nicht.“

Authentischer Junge

„Im letzten Grundschuljahr wurde er ruhig und zog sich zurück“, erzählt seine Mutter. „Und dann habe ich eine E-Mail von ihm bekommen: ,Hi Mama, ich glaube, ich bin ein Junge.'“ Seine Eltern hätten versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er ließ sie nicht an sich ran. Er saß nur noch vor dem Computer. Einige Jahre später gab er sich einen neuen Namen und seine Eltern klärten Freund*innen, Familie und Lehrer*innen über die Ankunft ihres Sohnes in einer E-Mail auf. „Es war schwer, von meiner Tochter Abschied zu nehmen“, sagt die Mutter. Nach der Grundschule hat er bereits mit anderen Jungs im Sportunterricht trainiert. Er zählte die Tage bis zu seiner ersten Testosteron-Spritze in einem Kalender.

Authentisches Mädchen

„Er hat mit mir darüber gestritten, dass er kein Junge sondern ein Mädchen sei“, sagt ihre Mutter. Zu Beginn seiner Hormontherapie sagte er noch selbst: „Ich bin davon überzeugt, dass mein Penis von selbst abfällt.“ Für seine Mutter war es eine Erleichterung, als er mit neun Jahren aufhörte, Jungsklamotten zu tragen. „Es fühlte sich endlich richtig an. So wie es hätte sein sollen. Trotzdem war es sehr schmerzhaft. Ich habe eine wunderbare Tochter bekommen, aber auch einen tollen Sohn verloren. Das Leben wird nie leicht für sie sein. Ich habe Angst, dass ihr das Herz gebrochen wird.“

Authentisches Mädchen

Aus Verzweiflung und Hilflosigkeit googelte ihre Mutter nach dem Wort Transvestitismus und war erschrocken, als sie über die hohen Selbstmordraten unter Transgender-Menschen las: „Ich dachte nur: ,Oh mein Gott, das darf meinem Kind nicht passieren!'“ Ihre Tochter wurde in der Schule so heftig gemobbt, dass einmal die Polizei gerufen werden musste. Auch zu Hause hatte es eine Weile gedauert, bis ihr Bruder sie akzeptierte. Als sie mit der Hormonbehandlung begann und damit auch das Wachstum ihrer Brüste einsetzte, sagte sie: „Ich freue mich so. Alle meine Freunde haben sie schon und ich jetzt endlich auch!“ Vor sechs Monaten unterzog sie sich der Geschlechtsangleichung. Ihre Mutter weinte den gesamten Operationstag, da sie nicht glauben konnte, dass es endlich passieren würde. „Jetzt kann ich einen Bikini tragen“, sagt das Mädchen.

Authentischer Junge

In der weiterführenden Schule dachten seine Klassenkamerad*innen, er sei ein Junge. Der Schuldirektor erzählte ihnen, was Sache war. „Es waren alle still und ich habe vor Aufregung gezittert. Aber die Reaktionen waren im Endeffekt positiv“, sagt der Junge. Mit 16 begann er, sich Testosteron zu spritzen. Das machte ihn müde und unkonzentriert. Aber bei jeder Rasur dachte er: „Deswegen mache ich das.“ Er hatte bereits eine Geschlechtsangleichung, hat eine Freundin und möchte irgendwann ein Kind adoptieren.

Authentisches Mädchen

„Ich musste letztens wieder jemandem Transgenderismus erklären. Er sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass er jemals ein Mädchen werden wollte. ‚Ich auch nicht‘, antwortete ich ihm, ‚denn in meinem Kopf war ich immer schon ein Mädchen'“, sagt sie. Sie hatte bereits eine Geschlechtsangleichung und Beziehungen mit Jungs. Denen erzählt sie: „Ich wurde mit einem männlichen Körper, aber einem weiblichen Gehirn geboren.“ Ihr Vater sagt dazu: „Diese Jungs nehmen das hin. Ich muss keine Details wissen, aber ich finde das recht überraschend.“ Das Mädchen findet es weiterhin schwer, in ihrem Heimatort zu leben, da alle ihre Geschichte kennen. „Später möchte ich wegziehen“, sagt sie.

Mutter

„Die Tatsache, dass er sich wie eine Sie fühlt, ändert gar nichts für mich. Aber es verändert meine Sichtweise darüber, was männlich oder weiblich ist. Das ist meine Tochter, eigentlich war sie ein Er, aber das ist egal. Sie ist das Kind, das ich zur Welt gebracht habe und das ich für immer lieben werde. Es ändert nichts an ihrer Persönlichkeit.“

Kind

„Wer nicht damit an die Öffentlichkeit geht, kann nicht erwarten, dass die Gesellschaft versteht.“