Diese Typen triffst du auf jedem Festival

Auf Festivals tummeln sich die verschiedensten Menschen. Und doch trifft man immer wieder auf dieselben. Eine Typologie.

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Lässig oder lästig? © Illustration: leazeichnet

Festivals sind mehr als Musik, Zeltplatz, Bier und Konfetti. Sie sind Spiegelbild der Gesellschaft. Nur potenziert, pur, halbnackt, wie Gott sie geschaffen hat. Also hatte … Bevor die Arbeit erfunden wurde und uns an den Bürostuhl fesselte. Und da wir am Arbeitsplatz und auch sonst funktionieren müssen, platzt auf der Festivalfläche so viel angestauter Charakter aus uns heraus. Und so treffen wir dort auf diese Typen:

Die Fanatiker*innen

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Typischer Spruch:
„Ich seh‘ die Band schon zum fünften Mal, aber deren Show is immer geil!“

Wie sie sind:

Sie sind wandelnde Guides und kennen die Line-Ups aller für ihren Musikgeschmack relevanten Festivals. Sie reden über nichts anderes als Musik. Im Zelt, an der Bar, aufm Dixie, im Freien. Einmal auf dem Zeltplatz angekommen, richten sie ihr Übergangsdomizil liebevoller als das eigene WG-Zimmer ein. Weil sie immer Early-Bird-Tickets kaufen, können sie ihr Erspartes in die beste Ausrüstung investieren: sich selbst aufbauende Zelte, rollende Kugelgrills, vollautomatische Luftmatratzen und Outdoor-Sofas. Den Fußweg zu den Bühnen rechnen sie bis auf die Sekunde aus, um so viele Bands wie möglich zu sehen und keine Zeit mit Rumlaufen zu verschwenden. Ihre natürlichen Feinde sind die -> Hedonist*innen und die -> Ignoranten, die in ihren Augen keinen Respekt vor Kunst haben. Sie verbringen den kompletten Sommer auf dem Zeltplatz und tragen mehr Bändchen am Arm als Wolfgang Petry. 

Die Lässigen

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Typischer Spruch:
„Erstmal ’n Bier.“

Wie sie sind:

Diese Typen sind vor allem sozial. Sie gehen gern auf Festivals, weil man da so viele alte Freunde wiedersieht oder neue kennenlernt. Man trifft sie meistens am Ende der Publikumstraube an, genüsslich ein Bier trinkend. Zusammen mit den besten alten oder neuen Freunden philosophieren sie über Gott und die Welt, während sie der Musik mit halbem Ohr lauschen. Nach den Konzerten kennen sie alle Lyrics auswendig, die Vornamen aller Bandmitglieder und den Geburtstag aller Mütter im Freundeskreis. Aufgrund ihrer sozialen Art kommen sie mit fast allen Festival-Spezies gut aus. Mit den -> Fanatiker*innen plaudern sie über Musik, mit den -> Laien über ihre Ängste. Nur die -> Hedonist*innen werden ihnen mit ihren Exzessen ab Mitternacht zuwider. Denn die Lässigen pflegen einen moderaten Trink- und Partystil.

Die Hedonist*innen

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Typischer Spruch:
„Whoooo!“

Wie sie sind:

Diesen Typen ist komplett egal, wer da vorne ins Mikro haucht. Hauptsache Party, feiern, saufen. Am Ende des Wochenendes werden sie sich an keine einzige Band erinnern. Ihnen bleibt nicht mehr als ein diffuses Gefühl: Es war geil! Sobald der Bass einsetzt oder irgendjemand vorne auf der Bühne ein Wort ans Publikum richtet, platzt es aus ihnen heraus: „Whoooo“. Zusammenhängende Gespräche sind daher nicht möglich – es sei denn mehrere Hedonist*innen „reden“ miteinander. Dann entsteht ein schön-schräges Orchester der Euphorie. „Whoooo!“ – „Whoooo!“ Wer so viel Freude lebt, muss leiden: Die durchgehenden Kater werden in Kauf genommen und mit Hartstoff gegengekippt. Nach dem Festival tauchen Oben-ohne-Bilder oder Schnappschüsse vom Stage-Diving auf. Wer sie gemacht hat, keine Ahnung. Wann das war, only God knows. Und die Hedonist*innen sind stolz. 

Die Laien

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Typischer Spruch:
„Voll laut hier.“

Wie sie sind:

Die Laien wirken irgendwie fehlt am Zeltplatz. Sie sind sensible Typen, ihr Gefühlsspektrum reicht von ängstlich bis quengelig. Man erkennt sie am Sonnenbrand, an den Mückenstichen oder am weinerlichen Blick. Da sie sich selten oder nie auf einen Festival trauen, klammern sie sich zu jeder Zeit an ein Bier, einen Regenschirm oder einen -> Lässigen. Denn bei der Reizüberflutung brauchen sie Seelsorge. Sie besitzen weder Isomatte, noch Schlafsack selbst. Zelt aufbauen? Schon mal von weitem gesehen, aber wie das geht – keine Ahnung. Und auch sonst ist ihnen alles zu viel: das ständige Anstehen, der pausenlose Lärm, das Zelten, die frische Luft. Sie fahren auf Festivals, um auszuprobieren, ob es nicht doch etwas für sie ist. Oder weil sie von -> Fanatiker*innen überredet wurden. Oder eine*n -> Hedonist*in beeindrucken wollen.

Die Ignoranten

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Typischer Spruch:
„Geht ihr schonmal vor, ich bleib noch bisschen hier.“

Wie sie sind:

Man könnte meinen, sie seien -> Fanatiker*innen, so oft wie sie den Zeltplatz im Sommer aufsuchen. Der Unterschied nur: Sie verlassen ihn nie. Zwar tragen sie zahllose, verdreckte Bändchen als Trophäen, nach dem Festival können sie aber nicht einen Bandnamen wiedergeben. Denn bis zur Festivalfläche schaffen sie es nie. Haben sie alles schon gesehen. Und eine*r muss ja die Stellung auf dem Zeltplatz halten. Zu viel passiert da, zu viele Menschen brauchen ihre Hilfe. Also sitzen sie mit schalem Bier in der Hand auf ihrem Thron, dem Campinghocker, und regieren ihr Reich. Sie beobachten, wissen und kommentieren alles, was um sie herum passiert: „Die Heringe müssen schräg in die Erde! Statt Zahnpasta nimm doch Pfeffi!“ Nur die -> Laien, die es tatsächlich nicht besser wissen, hören dem Geplapper zu. Tagsüber plustern sich die Ignoranten auf, um zur Konzertzeit selig einzuschlummern. Natürlich nicht ohne von den -> Hedonist*innen mit Edding einen Penis ins Gesicht gemalt zu bekommen.