Dieses Karaoke-Schaufenster in Hamburg verpasst dir garantiert einen Ohrwurm

Ohrwurm gefällig? Bitte in Gedanken mitsingen: „Aruba Jamaica ohh I wanna take ya“. Hat geklappt? Dann sollte ein Schaufenster auf dem Hamburger Venusberg dein nächstes Reiseziel sein.

Im Zentrum von Hamburg gibt es ein Schaufenster, das Menschen zum Singen bringt. Es misst etwas mehr als dreieinhalb mal zwei Meter. Darin hängen Songzeilen aus großen weißen Pappbuchstaben. „All the leaves are brown and the sky is grey“, „But the kid is not my son“ – viel mehr braucht es nicht, um altbekannte Ohrwürmer wach zu rufen und die Passant*innen zum Trällern zu animieren.

Seit zwei Jahren hängen etwa alle zehn Tage neue Zeilen im Fenster eines kleinen Büros im Erdgeschoss. Ab und an kleben Vorbeigehende auch eigene Nachrichten dazu und setzen die Songzeile fort, um zu zeigen: Hey, ich hab’s kapiert, ich kenn den Song. Inzwischen hingen 72 Songzitate im Schaufenster des kleinen Büros von Chris Campe, die für die Aktion verantwortlich ist. Die Kommunikationsdesignerin bezeichnet ihr Projekt als Schaufenster-Karaoke.

Das Rätseln macht den Reiz aus

Für die Songzeilen-Auswahl hat die Designerin klare Regeln gefunden: „Es gibt häufig starke Texte, die viel aussagen, aber wenn die Leute das Lied nicht kennen, funktioniert das Mitsingen nicht“, sagt Chris. In Frage kommen vor allem Songs aus den 60er bis 80ern. Einmal habe sie es mit einem Alanis-Morissette-Song aus den 90ern probiert – das sei aber in die Hose gegangen. Möglicherweise sind die Songs der Kanadierin dem Hamburger Publikum kein Begriff.

„Ich vermeide es auch, Refrains und Liedtitel zu nehmen, weil es dann zu einfach ist. Der Quiz-Charakter macht die Sache so reizvoll“, sagt Chris. „Es gibt auch Leute, die mir erzählt haben, sie würden den Liedtext bewusst eine längere Zeit mit sich rumtragen, nicht danach googlen, sondern rumgrübeln, bis sie auf den Song kommen.“

Die Schaufenster-Karaoke lässt sich auf Instagram von überall verfolgen. „Es kommen aber Leute extra vorbei. Das Analoge finden viele spannend“, sagt Chris. „Inzwischen habe ich durch die Aktion viele Menschen kennengelernt, das ist toll.“

Die Idee entstand aus Abfall

Mit so viel Besuch vor ihrem kleinen Büro hatte Chris nie gerechnet. Die Schaufenster-Karaoke ist keine clevere Marketing-Aktion, sondern entstand durch Zufall. Die Buchstaben dafür hatten zuvor lange in einer Schublade gelegen.

30 cm hohe Pappbuchstaben in einer Planschrankschublade
„Das war eigentlich Abfall“: In einer Schublade lagerte Chris lange Zeit 30 Zentimeter hohe Pappbuchstaben. Foto: Chris Campe

„Das war eigentlich Abfall“, erinnert sich Chris. Aus Spaß an der Sache schmückte sie 2014 ihr Schaufenster mit der Zeile „Hands up, Baby, hands up“ aus einem Ottawan-Song. Als sie bemerkte, dass Passant*innen singend an den Buchstaben im Fenster vorbeiliefen, wurde Chris hellhörig. Sie versuchte es mit weiteren Liedern, die immer wieder Leute innehalten und singen ließen.

Die Texte im Fenster würden oft widerspiegeln, was gerade bei Chris im Leben los ist. „Leute, die mich kennen können anhand der Fenster vielleicht eine Richtung erkennen“, sagt sie. „Das Interessante ist aber, dass Songtexte ja so offen sind, dass alle sie ganz auf sich beziehen. Es haben mir schon öfter Leute gesagt, dass die Texte gerade genau zu ihrem Leben passen.“

Es gebe viel Agentur- und Medienpublikum in der Umgebung. „Aber auch viele ältere und jüngere Leute, die hier in Genossenschaftswohnung leben. Und dann strömen auch Touristen auf der Suche nach dem Hafen, dem Michel und der Reeperbahn durch die Straße. Es ist eine Transitstrecke für viele Leute, deshalb ist hier viel los“, erzählt Chris.

Hamburg fehlen die kreativen Quatsch-Räume

Häufig wird Chris gefragt, warum sie die Zeilen aufhängt. Und immer wieder antwortet sie: „Nur so.“ Die Designerin sagt, sie habe das Gefühl, dass Fläche in Hamburg immer Geld abwerfen muss. Ausnahmen seien lediglich alternative linke Räume. „Ich habe von 2010 bis 2012 einen Master in Chicago gemacht und dort gab es ganz viele Off-Spaces, wo Leute einen Raum gemietet und was ausprobiert haben“, erzählt sie. „Das ist in Hamburg schwierig.“

Christ findet es spannend, dass es solche Projekte in Hamburg gibt, die mit den Erwartungen der Passant*innen brechen: „Die Schaufenster-Karaoke sieht formal erst mal aus wie ein Laden“, sagt sie. „Und die Leute denken zuerst, auch dieses Schaufenster wolle ihnen etwas verkaufen. Und wenn sie dann bemerken, dass das nicht der Fall ist, sind sie irritiert. Das macht den Charme aus: dass sich die Aktion nicht in einem Marketing-Gag auflöst. Sie hat keinen Zweck, außer die Leute zu erfreuen – und das empfinden viele als wohltuend.“


Auf Chris Campes Schaufenster-Karaoke sind wir durch die Hamburger Eventreihe „Off the Record“ aufmerksam geworden. Falls ihr die Zeit und Gelegenheit findet, bei der Veranstaltung vorbeizuschauen: macht es!