„Du bist nicht schlau genug” – Warum Mädchen immer die gleichen Berufe wählen

Es gibt mehr als 328 Ausbildungsberufe in Deutschland. Und trotzdem wählen vor allem Mädchen immer wieder die gleichen. In den stark wachsenden MINT-Branchen sind sie noch immer unterrepräsentiert. Was hält sie davon ab, in diesem Bereich tätig zu werden?

Mädchen wählen immer noch viel zu selten Berufe aus dem MINT-Bereich. Foto: Pexels | CC0 Linzenz

Frauen brauchen mehr Auswahl

Bürokauffrau, Verkäuferin, medizinische Fachangestellte – das waren auch im Jahr 2016 wieder die beliebtesten Ausbildungsberufe vieler Mädchen. Allgemein sind Frauen noch immer selten in IT-Unternehmen vertreten, noch seltener in Führungspositionen und gerade bei Unternehmensgründungen eine absolute Ausnahme. Das zeigt auch der Deutsche Startup-Monitor in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutsche Startups, wonach im Jahr 2016 nur 14 Prozent der Startup-Gründer*innen Frauen waren.

Die Berufswahl ist also nach wie vor geschlechtsgeprägt. Besonders Technik wird in der Gesellschaft noch immer weitestgehend mit männlichen Eigenschaften assoziiert. Doch woran kann das genau liegen? Ermutigt niemand Mädchen, egal mit welcher schulischen Vorbildung, andere Berufe auszuwählen? Werden Talente nicht gefördert?

Mehr Selbstbewusstsein ist gefragt

Die Ursachen sind vielseitig. Ein großes Problem scheint zu sein, dass Mädchen nicht genug Vertrauen in sich selbst im Umgang mit Technologien haben. Spielen Jungs in ihrer Freizeit Video- und Computerspiele oder nehmen Dinge auseinander und bauen sie wieder zusammen, ist das völlig normal, Mädchen aber werden oft gar nicht ermutigt, Technologie im gleichen Sinne zu gebrauchen.

Eine neue Studie aus Amerika, die im Januar erschien, zeigt, dass das Problem bereits sehr früh beginnt: Im Alter von fünf Jahren ist es noch gleichermaßen wahrscheinlich, dass Jungen und Mädchen ihr eigenes Geschlecht mit Intelligenz verbinden. Doch bereits im Alter von sechs Jahren beginnen Mädchen mehr als Jungs, ihr Geschlecht als nicht schlau genug für bestimmte Aktivitäten einzuschätzen – obwohl sich Mädchen bewusst sind, dass sie tendenziell bessere Noten haben als Jungs. Geschlechterstereotypische Vorstellungen scheinen sich demnach bereits zu einem frühen Zeitpunkt zu entwickeln. Und werden auf subtile Weise auch in der Schule geprägt. Allein dadurch, dass die Grundschullehrer fast nur Frauen sind und die Lehrer im naturwissenschaftlichen Bereich vorrangig Männer.

Ehrgeizige Mädchen gelten schnell als bossy

Gleichzeitig ziehen zielstrebige Mädchen nicht nur die Skepsis ihrer männlichen Mitstreiter auf sich, sondern auch die von anderen Mädchen und Frauen. Das bewirkt, dass scheinbar viele ihre Talente oder eigentlichen Interessen in der Pubertät nicht weiter erforschen, sondern verstecken, um nicht als bossy oder nerdy zu gelten. Stattdessen achten sie mehr darauf, was Jungs von ihnen denken. Einkaufen, Maniküre und immer super aussehen kann dann zur Priorität werden. Und das wiederum fördert Stereotypen, Sexismus und Ausgrenzung.

Es scheint also, dass Mädchen nicht nur immer wieder den gleichen Ausbildungsberuf wählen, weil sie die Alternativen nicht kennen, sondern auch weil sie bereits ein fremdbestimmtes Selbstbild verinnerlicht haben. Sie denken dann, dass es dieses Rollenbild ist, das von ihnen erwartet wird.

Die Welt braucht Frauen in technischen Berufen

Was ist also zu tun? Zunächst ist zu sagen, dass sich bereits ein positiver Wandel abzeichnet – nicht zuletzt dank kreativer Initiativen wie Girls’Day, Rails Girls oder zahlreicher Karrierenetzwerke.

Gerade erfolgreiche Vorbilder sind wichtig. Während jeder Mark Zuckerberg oder Einstein kennt, wissen nur die Wenigsten, dass beispielsweise Hedy Lamarr nicht nur Schauspielerin war, sondern auch das Frequenzsprungverfahren miterfand, das den Weg für Bluetooth und Wifi ebnete. Es gibt unzählige weitere weibliche Vorbilder, die das Bewusstsein für eigene Stärken festigen und besonders die verinnerlichten und gesellschaftlich geprägten Selbstbilder hinterfragen können. Dadurch werden Identifikationsmöglichkeiten auch außerhalb der eigenen Familie geschaffen, um die nächste Generation weiblicher Pioniere zu inspirieren.

Technik-AGs sind eine gute Möglichkeit, um Schülerinnen zu zeigen, dass Naturwissenschaften und Technik Spaß machen können. Hackathons und Mentoring-Patenschaften ermöglichen Mädchen, sich auszuprobieren, über ihre Ängste zu reden und ihre Talente zu entdecken. Außerdem lernen sie in Teams zu arbeiten, Leadership zu üben, sich gegenseitig mehr zu unterstützen, stolz aufeinander zu sein und sich gegenseitig mehr zuzutrauen. Denn gerade wenn Mädchen ihr eigenes Geschlecht als schlau anerkennen, stärken sie ihre Identität und entziehen sich der Unsicherheit, sich nur für die immer gleichen Berufe zu bewerben. Schließlich gibt es genügend andere Berufe mit Zukunft, die sehr nachgefragt sind und Sicherheit sowie ein gutes Gehalt bieten.

Eine Zukunft ohne geschlechtergeprägte Berufsbilder

Doch nicht nur Frauen verlieren in einer geschlechtergeprägten Gesellschaft. Leider halten sich umgekehrt auch Jungs bei sogenannten Frauenberufen noch deutlich zurück. Nicht zuletzt deshalb, weil in sozialen und pädagogischen Berufen immer noch unterdurchschnittliche Vergütungen während und nach der Ausbildung auf sie warten.

Jungen und besonders Mädchen muss also gezeigt werden, dass sie das Potenzial haben, Karrieren zu verfolgen, an die sie vorher nie gedacht haben, damit Mädchen und Jungs verstärkt Berufe wählen, die zwar geschlechtsuntypisch sind, aber dafür ihren Interessen entsprechen.


Von Marie-Luise Peters auf EDITION F.

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