„Du bist so still. Bist du traurig?“ – Warum mich solche Fragen einfach nur nerven

Eigentlich bin ich ein recht offener und schlagfertiger Mensch, blödle gerne herum und reiße Witze. Wenn die Situation aber neu ist, bin ich vor allem eines: zurückhaltend. Warum das ein Problem sein sollte, verstehe ich nicht.

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Zurückhaltende Menschen müssen sich manchmal blöde Fragen anhören. Pexels/CC0 License

Ich bin halt so!

„Du hast ja gar nichts gesagt. Hat es dir nicht gefallen?“ Dieser Satz scheint eine beliebte Reaktion auf mein Verhalten zu sein. Im Club, in geselligen Runden oder wie kürzlich, man mag es kaum glauben, nach einer Kayaktour im Sommerurlaub.

Schon bevor der Guide die Frage komplett ausgesprochen hatte, dachte ich bei mir: Nein, du Nudel. Nur, weil ich nicht wie die anderen beiden amerikanischen Teilnehmer davon prahle, wie toll die Hochzeit war oder wie weit ihre Drohne fliegen kann und mir den Mund fusselig rede, heißt das nicht, dass es mir nicht gefallen hat.

Dabei ist diese Frage nur eine Variante. Im Repertoire der beliebtesten Lena-Reaktionen hätte ich da beispielsweise noch den Club-Klassiker „Du bist so still. Bist du traurig?“ Nope, ich sitze einfach nur hier, weil ich meinen Füßen eine kurze Pause gönnen muss. Oder: „Du bist so still. Ist alles okay bei dir?“. Ja, auch das. Alles okay bei mir. „Du bist so eine stille Beobachterin, ich sehe das.“ Ah ja, schön, dass du mich nach zehn Sekunden so gut kennst.

Bis das Eis bricht

Es ist doch nichts dabei, wenn ich meine Zeit zum Auftauen brauche und mit meinem Umfeld etwas wärmer werden muss, bis ich komplett ich selbst bin, oder? Warum muss man das dann noch kommentieren und als negativ bewerten?

Liegt es vielleicht daran, wie die Autorin Susan Cain in ihrem TED Talk „The Power of Introverts“ anführt, dass unsere Gesellschaft immer eher die Extrovertiertheit und Kollaboration fördert als Solo-Denkprozesse? Daran, dass wir in einer großen Gruppe schneller den Dominanteren folgen als den Ruhigeren? Da aber laut Cain die besten Ideen vor allem dann entstehen, wenn man sich zu allererst intensiv mit den eigenen Ideen auseinandersetzt, plädiert sie stark dafür, der Introvertiertheit mehr Raum zu geben. Denn:

„For some it is the air they breathe.“

Finde ich auch! Zumal meine persönliche Zurückhaltung nicht mal auf Selbstzweifeln oder Unsicherheit basiert. Und nein, mir ist meine Zurückhaltung auch weder unangenehm, noch meide ich Partys oder andere gesellige Runden. Ganz im Gegenteil. Ich höre anfangs einfach lieber zu und versuche, meine Mitmenschen besser einzuschätzen.

Wer mich besser kennt, weiß, dass ich sonst blöde Witze reiße, ein offener Mensch und auch schlagfertig bin. Nur kann ich das in den ersten Minuten in einem unvertrauten Umfeld einfach nicht direkt abrufen. Ja, dann lasse ich mich gerne mal von den Lauteren übertönen, weil ich mich anfangs lieber passiv verhalte. Ich genieße eben manche Momente lieber für mich alleine und muss auch nicht jede emotionale Regung gleich in Worte fassen und mit aller Welt teilen. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber: Das heißt verdammt noch mal nicht, dass ich unglücklich bin. Oder alleine. Oder weniger kontaktfähig. Oder traurig. Ich bin halt so. Und jetzt?!


Von Lena Lammers auf EDITION F.

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