„Du fühlst jeden Tag Stress und Anspannung“: So geht es jungen Queeren in der Türkei

Die gebürtige Istanbulerin Ceren Saner zeigt mit ihren Fotografien intime Momente queerer türkischer Partygäste, die außerhalb von Clubs kaum mehr Händchen halten können.

Ceren Saner stand in einer schmalen Gasse der Istanbuler Innenstadt und fotografierte einen Mann beim Istanbuler Trans March. Zur selben Zeit rief die Polizei durch, dass sich die Demonstration sofort auflösen solle, da die Demonstrant*innen sonst Maßnahmen zu befürchten hätten.„Damit meinten sie einen gewalttätigen Einsatz “, sagt die Fotografin und Filmemacherin. Trotzdem hielten die Aktivist*innen ihren Redebeitrag, in dem sie unter anderem die Morde an Trans-Menschen in der Türkei thematisierten. „Als sie begannen, wurde Tränengas eingesetzt. Die Polizei und der Bürgermeister wollten die Parade verhindern“, sagt Saner.

Das war im Juni 2016. Ein Monat vor dem Putschversuch des türkischen Militärs. Seitdem hat sich die Lage für homosexuelle und Transgender-Menschen (Queere) in der Türkei noch mehr verschlechtert.

Momentan ist die 25-jährige Ceren in Deutschland, um ihre Arbeit vorzustellen und über die schwierige Situation für Queere in der Türkei zu sprechen. Neben politischer Repression ist auch Gewalt an Menschen, die sich nicht als Frau oder Mann identifizieren, alltäglich. Die Nichtregierungsorganisation „Transgender Europe“ zählt in dem Land die höchste Zahl an ermordeten Trans-Menschen in Europa. Zwischen 2008 und 2015 wurden in der Türkei 41 Menschen umgebracht, die transgender oder genderdivers sind.

LGBTQ-Demonstrationen können nicht friedlich stattfinden

In Istanbul gibt es jährlich zwei Demonstrationen für die Rechte von Menschen, die nicht heterosexuell sind bzw. deren geschlechtliche Identitäten nicht den Kategorien „Mann“ und „Frau“ entsprechen: Die Trans-Pride und eine Woche darauf die LGBTQ-Pride-Parade. Beide versuchten die Behörden letztes Jahr zu unterbinden. Der Grund dafür sei ein scheinheiliger, meint Ceren: „Wir haben Bedrohungen von ISIS und von anderen religiösen Gruppen erhalten. Sie erklärten, dass sie uns attackieren werden. Das nutzten die Behörden als Ausrede.“

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Laut Gesetz ist es in der Türkei erlaubt, friedlich zu demonstrieren. „Wir sagten der Polizei, dass wir das auch machen würden. Anstatt uns dies zu ermöglichen, hieß es, dass sie uns nicht schützen könnten. Sie verboten die Parade.“ Die Aktivist*innen gingen trotzdem auf die Straße, um Präsenz zu zeigen. Sie verteilten sich in der ganzen Stadt und erfuhren erneut Gewalt durch staatliche Behörden: „Ich wurde an dem Tag der Parade mit Plastikgeschossen angegriffen “, sagt sie und zeigt auf ihren Arm und ihr Bein, an die Stellen, an denen sie getroffen wurde. Was ihr passierte, war kein Einzelfall.

Verschlechterung der Lage seit des Putschversuchs

Im Juli, ein paar Wochen nach den beiden Paraden, versuchten Teile des türkischen Militärs, die Regierung zu putschen. Seitdem beobachtet Ceren eine Verschlechterung der Lage für queere Menschen in Istanbul. „Vor diesem Jahr hätte ich in vielen Istanbuler Stadtteilen mit einer Freundin Händchen halten können. Seit des Putschversuchs sind wir vorsichtiger. Wir wollen nicht so sichtbar sein“, erzählt sie.

Vor diesem Jahr hätte ich in vielen Istanbuler Stadtteilen mit einer Freundin Händchen halten können. Seit des Putschversuchs sind wir vorsichtiger.

Die Stimmung in der Stadt habe sich unmittelbar danach verändert. „Egal ob LGBT und türkisch oder kurdisch: Du warst angespannt, weil du isoliert wurdest. Du wusstest, dass du nicht mehr unterstützt wirst. Wir haben drei Wochen lang nichts gemacht. Die meisten Leute sind nicht rausgegangen, also abgesehen von Arbeit und dem, was man erledigen muss“, kommentiert sie. Ceren und ihre Freund*innen haben sich gefragt, ob der Putschversuch einen Unterschied für die LGBTQ-Community macht. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht um uns geht. Noch nicht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Es wirkt auf deinen Alltag, du fühlst jeden Tag Stress und Anspannungen. Wir verstecken uns zu Hause und versuchen einfach nur, sicher zu sein“, sagt sie.

„Das politische Szenario macht dich zur Aktivistin“

Ceren Saner fotografiert  intime Begegnungen zwischen Menschen, beispielsweise in ihrer Serie „Isn’t it Love“. Die obigen Fotografien entstanden bei einer Istanbuler Party. „Mir war wichtig, dass die Personen nicht identifizierbar sind. Deshalb musste ich sehr nah an ihnen sein“, beschreibt sie ihre Bilder. Bei der Party wurden keine Labels wie „hetero“ oder „queer“ benutzt. „Es war einfach nur Freiheit und Liebe! Die Leute haben sich sicher gefühlt, weil ich nichts gegen ihren Willen mache. Ich war als Fotografin sehr sichtbar und habe als Partygast auch eine enge Beziehung zu den anderen entwickelt“, so Ceren.

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Ceren hatte bisher keine Probleme, ihre Kunst in ihrer Heimatstadt zu zeigen. Allerdings nimmt sie seit des Putschversuchs vermehrt Mordfälle wahr. Wie die der Transfrau, Sexarbeiterin und Aktivistin Hande Kader und der des schwulen syrischen Geflüchteten Muhammed Wisam Sankari, der viele Bedrohungen erhielt, zur Polizei ging und später mit abgetrenntem Kopf aufgefunden wurde. Beide zogen Proteste nach sich und machten international Schlagzeilen.„Aber manchmal denke ich: wenn es noch ernster wird, könnte ich die nächste Künstlerin in der Türkei werden, die Probleme mit ihrer Arbeit bekommt“, sagt sie.

Versteht sie sich denn als Aktivistin? „Wenn du in der Türkei bist und offen über deine queere Identität sprichst und die Bewegung unterstützt, auch, ohne aktiver Teil von ihr zu sein, bist du automatisch schon eine Art Aktivistin. Denn das politische Szenario macht dich dazu“, sagt Saner.

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