Du studierst Geisteswissenschaften? So gelingt der Start in den Job

Wer Geisteswissenschaften studiert, muss sich auf einen schwierigeren Start ins Berufsleben einstellen. Wie schaffen Studierende den Sprung in den Job?

Keine Angst vor dem Jobeinstieg! © nicolasberlin / photocase.de

Wer eine Geisteswissenschaft studiert, muss für den Spott nicht sorgen, den gibt es gratis zur Immatrikulationsbescheinigung dazu. Gerne erzählt: Ach, du wirst Taxifahrer*in?

In dem Witz steckt ein Körnchen Wahrheit drin. Die Arbeitslosenquote bei Akademiker*innen liegt zwar bei unter drei Prozent – das bedeutet Vollbeschäftigung. Doch gerade der Berufseinstieg ist schwierig: Geisteswissenschaftler*innen suchen in der Regel länger nach einem Job und bekommen zunächst vor allem befristete oder fachfremde Stellen. So ergab eine Befragung des Absolventenjahrgangs 2013 durch das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (PDF), dass 39 Prozent der Geisteswissenschaftler*innen mit einem Bachelorabschluss für den ersten Job nach dem Studium eigentlich keinen Hochschulabschluss gebraucht hätten. 

Die Zahlen sehen düster aus, doch es gibt eine gute Nachricht für alle Geisteswissenschaftler*innen: Ihr könnt euch auf den Berufsstart vorbereiten – mit folgenden Tipps.

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1. Recherche

Was man mit Jura oder Medizin am Ende wird, ist klar. Was man mit Germanistik, Philosophie oder Kunstgeschichte wird, eher nicht. Doch trotzdem gibt es Jobs für Geisteswissenschaftler*innen.

Um die zu finden, gilt: schon im Studium anfangen zu suchen. Zuerst solltet ihr in allgemeinen Jobbörsen wie stepstone.de oder indeed.com nach Jobs suchen, die nach einem geisteswissenschaftlichen Studium verlangen. So gewinnt ihr einen ersten guten Eindruck, in welchem Bereich Stellen frei sind und was dafür verlangt wird. Im zweiten Schritt geht’s an die branchenspezifischen Jobbörsen: Es gibt spezielle für NGOs, Kulturmanagement, politische Kommunikation, den öffentlichen Dienst und viele weitere. Daneben gibt es auch verschiedene Blogs, Zeitschriften und Newsletter, die Stellen für Geisteswissenschaftler*innen sammeln und veröffentlichen, wie die Publikationen des Wissenschaftsladens Bonn oder die Mailingliste des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin.

Wichtig bei der Recherche ist, dass ihr euch nicht nur auf die klassischen Felder der Geisteswissenschaften – Kultur- und Medienbranche – konzentriert. „Es muss nach einem Germanistikstudium nicht unbedingt das Volontariat kommen und danach der Job im Verlag. Man muss da auch querdenken“, sagt Sina-Maria Grabow von der Akademikerberatung der Arbeitsagentur Berlin-Mitte. Auch in der Industrie gibt es Stellen für Geisteswissenschaftler*innen – vor allem in der Kommunikation oder im Projektmanagement.

2. Selbstreflexion

Je genauer die Bewerbung auf die ausgeschriebene Stelle passt, desto höher sind eure Chancen auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Deswegen lautet der zweite Schritt: Selbstreflexion.

Dabei geht es nicht nur darum zu überlegen, was ihr im Studium gelernt habt, wie Dr. Martina van de Sand, Leiterin der Dahlem Research School erzählt: „Für den Arbeitgeber ist es meistens uninteressant, ob jemand seine Abschlussarbeit über Kafka oder über Nietzsche geschrieben hat. Es geht eher darum, herauszufinden, welche sonstigen Erfahrungen und Kompetenzen für einen Arbeitgeber interessant sein können.“ Das können Praktika, spezielle Kenntnisse oder besondere Kurse sein.

Traut euch, auch um die Ecke zu denken. „Die Fähigkeit zum Projektmanagement wird ständig gesucht“, sagt Dr. van de Sand. „Vielen Absolvent*innen ist dabei nicht bewusst, dass sie darüber verfügen. Dabei ist eine Abschlussarbeit oder eine Promotion anzufertigen nichts anderes als ein Projekt zu managen.“

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3. Erfahrung sammeln

Bei Bewerbungen für geisteswissenschaftliche Berufe kommt es immer mehr auf Erfahrung an. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass ihr zehn Praktika absolvieren müsst. Erfahrungen könnt ihr auch anderweitig sammeln: durch praktische Uni-Kurse, studentische Nebenjobs oder Ehrenämter.

Dies sollten Studierende nicht unterschätzen, sagt Myriam Musolff, Mitarbeiterin bei der Organisation Arbeiterkind.de: „Wer für eine Organisation die Website macht oder Veranstaltungen organisiert, der sollte das im Lebenslauf auf jeden Fall anführen.“ Vor allem das direkte und positive Feedback, das ihr im Ehrenamt bekommt, kann euch zeigen, was ihr könnt – etwas, das in der Uni oder in der Bewerbungsphase oft fehlt. An vielen Hochschulen gibt es außerdem verschiedene Studieninitiativen, wo ihr Erfahrungen sammeln könnt, zum Beispiel beim Campus Radio.

Praktika nach dem Abschluss solltet ihr nur in Ausnahmefällen absolvieren. Zum Beispiel, wenn es beruflich in eine andere Richtung gehen soll. Doch grundsätzlich solltet ihr darauf verzichten. „Man gerät bei Arbeitgebern sonst schnell in eine Schublade, wo erst einmal nach einem Praktikum gefragt wird. Man sollte aber sein Fachwissen nicht umsonst hergeben, denn das Studium gab es auch nicht umsonst“, sagt Grabow. 

4. Strategisch bewerben

Bewerbungen schreiben ist eine harte Arbeit, aber auch das könnt ihr vorbereiten, indem ihr beispielsweise schon vor dem Abschluss die Unterlagen sammelt und einscannt. So habt ihr sie immer zur Hand. Während des Studiums könnt ihr auch üben, Bewerbungen zu schreiben und mehrere Layouts ausprobieren. 

Die intensive Bewerbungsphase, die folgt, solltet ihr strategisch angehen. Zunächst könnt ihr die Bereiche auswählen, in denen ihr euch vorstellen könnt zu arbeiten. Für jeden Bereich sollte es ein eigener passender Lebenslauf sein, in dem die passenden Fähigkeiten betont werden. Wenn ihr die Bewerbungen verschickt und Antwort bekommen habt, gilt es die Reaktionen zu analysieren. Welche Unternehmen laden ein, wie sagen andere ab? Wo könntet ihr nach Feedback fragen? So könnt ihr euren Marktwert austesten und fürs nächste Mal noch etwas im Anschreiben oder im Lebenslauf nachjustieren.

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5. Netzwerken

Netzwerke haben einen schlechten Ruf. Sie werden in die Nähe von Vetternwirtschaft gestellt. Das ist aber unnötig. Ein gutes Netzwerk aufzubauen hilft nicht nur im Berufsleben, sondern auch beim Berufseinstieg. „Man muss das Rad nicht dauernd alleine neu erfinden“, findet auch Dr. van de Sand.

Für den Berufseinstieg empfiehlt sie, zunächst bei Freund*innen, Verwandten und Kommiliton*innen anzufragen. Welche Jobs haben sie, wie sind sie daran gekommen, können sie helfen?

Für einen weiteren Netzwerkausbau eignen sich Veranstaltungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Dort könnt ihr Gründer*innen, Mitarbeiter*innen und Entscheidungsträger*innen treffen. Doch Netzwerken dauert Zeit. „Es gibt wohl selten jemanden, der direkt bei der ersten Veranstaltung seinen Mentor getroffen hat. Aber auf lange Sicht lohnt es sich“, sagt Dr. van de Sand.

Wie ihr die Menschen ansprecht, ist typ- und situationsabhängig. Meistens ergeben sich Gesprächsthemen aus dem Thema der Veranstaltung. Ein bisschen Feingefühl ist aber gefragt. „Wenn man da mit Häppchen in der Hand steht und jemanden unvermittelt anspricht nach dem Motto: Ich suche einen Job, hast du einen?, erntet man in der Regel irritierte Blicke“, so Dr. van de Sand.

Ausdauer gehört dazu, doch der Aufwand lohnt sich

Diese Tipps vereinfachen den Bewerbungsprozess, doch sie sind keine Jobgarantie. Es kann sein, dass die Jobsuche trotzdem länger dauert. In Kultur- und Medienbereichen ist eine Bewerbungsphase von mehreren Monaten nichts Ungewöhnliches. Darunter leiden Motivation und Selbstwertgefühl. Falls ihr schon länger sucht und nichts findet, könnt ihr euch an verschiedene Stellen wenden – die Akademikerberatung zum Beispiel. Sina-Maria Grabow dazu: „Bei Problemen können mich meine Kunden jederzeit anschreiben. Damit man miteinander sprechen kann. Es ist auch wichtig, von jemandem bestätigt zu bekommen: Du bist gut, deine Unterlagen sind super.“

Weitere Gesprächspartner*innen bietet auch die Organisation Arbeiterkind.de mit ihrem Mentoring-Programm: „Man kann sich jederzeit bei uns per Mail melden und sein Problem schildern. Wir suchen dann aus unserem Netz aus Ehrenamtlichen jemanden, der einen ähnlichen Hintergrund hat und vielleicht auch in einem interessanten Bereich tätig ist und stellen den Kontakt her“, erzählt Myriam Musolff.

Also lasst euch nicht entmutigen: Auch wenn der Beginn mehr als holprig ist, es wird besser. Laut einer Studie haben 80 Prozent der Geisteswissenschaftler*innen zehn Jahre nach einem Studium eine adäquate, unbefristete Vollzeitstelle.