Dürfen die Opfer von Paris gezeigt werden?

Wenn ich die Gesichter der Paris-Opfer in den Medien sehe, kann ich meine Trauer besser einordnen. Trotzdem entsteht ein fader Beigeschmack. Ein Kommentar.

Mathias Dymarski @parisvictimsTwitter

Mathias Dymarski starb mit seiner Freundin bei den Attentaten von Paris. Ist es richtig ihn und die anderen Opfer zu zeigen? Mathias Dymarski @parisvictimsTwitter

Es rattert unter mir und die Luft ist ein Gemisch aus Heizungswärme und dem Atem vieler Menschen, als ich anfange zu weinen. Ich sitze in einer Berliner U-Bahn auf dem Weg nach Hause und scrolle mich am Montagabend durch Twitter.

Fünf Tage sind seit den Anschlägen in Paris vergangen. Seitdem wird immer mehr bekannt – Name, Alter, Herkunft der Attentäter; Name, Alter, Herkunft der Opfer.

Es wird geschrieben, gefilmt und veröffentlicht. Ich sitze in der U-Bahn und sehe auf @parisvictims Bilder und Kurz-Charakteristiken der Menschen, die in Paris ermordet wurden. Viele sind in meinem Alter. Ich könnte sie kennen von Reisen während des Studiums, von Umfragen auf Konzerten und bei Fußballspielen für meinen Job. Ich schlage meine linke Hand vor meinen Schal der bis zu meinem Mund hochgezogen ist und weine, weil ich plötzlich spüren kann, wer dort getötet wurde. Menschen mit Gesichtern, mit Eigenschaften, die sie einzigartig machen. Gemacht haben.

„Sechs Seemänner sind bei dem Schiffsunglück ums Leben gekommen“ knarzt es aus unserem alten Radio Anfang der Neunziger zu Hause in Rostock. Ich verstehe den Satz nicht und frage meinen Vater, was es bedeutet, wenn jemand „ums Leben kommt“. Als Kind denke ich, er sei gerade nochmal „davongekommen“, hätte also überlebt. Mein Vater sagt die sechs seien gestorben. Ich bin betroffen, weiß aber nicht, wie ich es einordnen soll, wenn plötzlich jemand stirbt, den ich nicht kenne. Ich wusste es bis gestern nicht.

3000 Todesopfer bei den Anschlägen auf die World Trade Center, 56 Opfer bei Anschlägen auf die Londoner U-Bahn, 191 Tote bei den Zuganschlägen von Madrid, 102 Menschen die ihr Leben beim Terroranschlag auf einer Friedensdemonstration in Ankara verloren, 43 Tote bei einem Selbstmordanschlag in Beirut. Und leider und so weiter.

Menschen werden zu Zahlen, wenn sie bei Terroranschlägen sterben. Unpersönlich, aber messbar. Zahlen sind abstrakt, Gesichter auch – aber mit Emotionen. Ich klicke mich also durch Marie Lausch, Mathias Dymarski und seine Freundin, Asta Diakite, Mathieu Hoche und bekomme plötzlich einen Eindruck davon, welche 129 Menschen in Paris gestorben sind. Sie sind mir nah, weil ich sie sehe.

Ich followe @parisvictims und merke erst dann, dass der Twitter-Account ein Projekt der US-Newsseite Mashable ist. Mir wird mulmig. Ich mochte die Idee, dass ich mich besser mit den Opfern identifizieren kann, weil „irgendwer“ die Bilder der getöteten Menschen sammelt und sie mit kurzen Infos ins Netz stellt. Wenn die Bilder aber von einer Newsseite aufgelistet werden, entsteht für mich ein fader Beigeschmack. Gilt hier vielleicht plötzlich: Reichweite vor Respekt?

Das Thema ist nicht neu, ich weiß. Zuletzt wurde eine ähnliche Diskussion geführt, als es darum ging, ob das Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan gezeigt werden solle oder nicht. Die beiden Hauptfragen, die sich dabei stellen sind immer: Warum sollte ich als Medienschaffende die Bilder von Opfern zeigen und wenn ich sie zeige, dann wie?

Die Gesichter von @parisvictims erzeugen Intimität beim Leser/User/bei mir. Für mich machen sie die Katastrophe greifbarer, sollten also gezeigt werden. Das „Warum?“ wäre damit geklärt. Aber wie nun das „Wie?“. Opferberichterstattung in einem kommerziellen Redaktions-Umfeld, also auf einer Webseite wie ze.tt, hat immer ein Problem: Geschichten über Getötete werden genauso hochgeladen, mit Werbung umspielt, geshared und getwittert wie alle anderen Themen auch. Zugespitzt könnte man also sagen: Medienschaffende machen damit Geld, dass sie über Menschen berichten, die dazu weder befragt wurden noch davon profitieren können. Schluck. Das klingt nicht richtig und führt mich zu meinem bereits erwähnten faden Beigeschmack.

Doch diesen kann man nicht versüßen oder gänzlich wegzaubern. Ansonsten müsste man auf das Zeigen der Gesichter eben doch verzichten. Das ist aber notwendig, damit Katastrophen wie die in Paris für alle Unbeteilgten auch emotional ein bisschen verständlicher werden. Die einzige Möglichkeit, die ich also sehe, ist die, die Berichterstattung über die Opfer möglichst unspektakulär, möglichst ruhig zu gestalten. Den Respekt gegenüber den Toten bei jedem Wort durchscheinen zu lassen.

Mashable ist das mit @parisvictims ganz gut gelungen. Es gibt nur zwei Sachen, die ich anders gemacht hätte:

Erstens: Mashable nennt @parisvictims auf Twitter „A Mashable Project“. Projekt klingt immer ein bisschen nach einem Versuch für etwas, das klappen soll. Was „Project“ in Bezug auf die Opfer von Paris bedeutet, erschließt sich mir hier nicht.

Zweitens: Wenn ich auf den Link im @parisvictims-Twitterprofil klicke, gelange ich auf die Artikel-Webseite „Everything we know about the Paris attack victims.“ Scrolle ich zum Ende des Beitrags, finde ich dort eine Box mit der Aufforderung, den Mashable-Newsletter zu abonnieren: „Get our hottest stories delivered to your inbox.“ Um hier den Eindruck zu vermeiden, die Paris-Opfer seien einfach nur eine weitere „hotte Story“hätte ich in diesem Falle einfach mal auf die Newsletterbox verzichtet.