Edward Snowden: Der weise Amerikaner von Stickern, Shirts und Bildschirmen

Er spricht auf den Konferenzen dieser Welt, taucht immer wieder in der Twitter-Timeline auf, manche wollen ihn sogar in ihrem Bett – ein Heldenmythos auf den Mann aus dem Netz.

© ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Snowden: der Held, der nur auf Stickern, Shirts und Bildschirmen zu sehen ist. © ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

In meinem Berliner Bezirk Neukölln kann man immer noch an einigen Türen Sticker mit der Aufschrift “Ein Bett für Snowden” entdecken. Hier wollen nicht ein paar Groupies mit dem Whistleblower ins Bett, der das Ausmaß geheimdienstlicher Überwachung durch (u. a.) die USA und Großbritannien bekannt gemacht hat. Hier zeigen Menschen Solidarität mit dem Exilanten Edward Snowden. Laut Campact sind es in ganz Deutschland fast 43.000. Snowden ist ein Popstar.

Nicht anders ist es zu erklären, dass der Amerikaner in dieser Woche beim dänischen Roskilde, einem der größten europäischen Musikfestivals, ein Interview gab.

Edward Snowden ist der Ché Guevara unserer Generation

Thema: Gleichberechtigung und Menschenrechte. Edward Snowden ist der Ché Guevara unserer Generation. Eine Ikone der Unangepasstheit, die sich gegen den eigenen Staat aufgelehnt, Heimat und Familie verlassen hat, um den Menschen zu dienen. Sein Konterfei ziert T-Shirts, Sticker, Jutebeutel und macht sich super in jedem Festival- und Konferenzprogramm. Edward Snowden der Publikumsmagnet.

Seit den Enthüllungen im Sommer 2013 sitzt Snowden in Russland fest. Bei 21 europäischen Staaten hat der Whistleblower bereits vergeblich um Asyl gebeten. Also macht Snowden das, was er in seinem russischen Exil machen kann: Er verbreitet Botschaften über das Netz. Bei Twitter folgen dem politischen Superstar über zwei Millionen Menschen. Er folgt nur einem Account: dem der NSA. Gespannt beobachtet die Followerschaft die weisen Worte des geschassten Helden, retweetet zehntausendfach.

Edward Snowden ist drei Jahre nach den ersten Enthüllungen mehr als nur ein Netzaktivist. Gemeinsam mit anderen Journalist*innen und Whistleblowern setzt Snowden sich bei der Freedom Of The Press Foundation für Presse- und Meinungsfreiheit ein. Die gemeinnützige, spendenfinanzierte Stiftung fördert einen “Journalismus im Interesse der Öffentlichkeit, der Missmanagement, Korruption oder gesetzeswidriges Handeln von Regierungen sichtbar macht”. Zwar ist geheimdienstliche Überwachung immer noch sein größtes Thema, in seinen Tweets bezieht er aber auch zum Beispiel klar Stellung zum Brexit:

Auch zu dem Attentat auf den Gay-Club Pulse in Orlando, bei dem 50 Menschen ums Leben kamen, hat Snowden eine klare Botschaft:

Snowden ist sich seiner heldenhaften Strahlkraft bewusst. Er setzt sie dafür ein, um für Menschen- und Freiheitsrechte zu werben – auch jenseits von Überwachungsthemen. Edward Snowden ist immer noch politisch verfolgt, deshalb tritt er nie physisch in Erscheinung. Das befeuert den Mythos des weisen Menschenrechtskämpfers, der aus dem Internet zu uns spricht. Edward Snowden ist zu einem Roboter geworden. An Konferenzen und Festivals in den USA nimmt er mithilfe des Snowbots teil, einem fahrenden Bildschirm auf zwei dünnen Beinchen, den der Amerikaner selbst steuern kann. Snowden mag zwar im russischen Exil feststecken, seine politische Stimme ist aber Dank des Internets auf der ganzen Welt zu hören.