Edward Snowden und Jean-Michel Jarre bringen Techno-Song raus: Tanzen gegen die NSA

Zusammen mit dem französischen Elektro-Musiker Jean-Michel Jarre hat Edward Snowden den Song „Exit“ aufgenommen. Der ist sehr klischeehaft geraten. Trotzdem ist es gut, dass es ihn gibt. Ein Kommentar.

© Picture Alliance/ Glenn Greenwald / Laura Poitras & © THOMAS SAMSON/AFP/Getty Images

Ed Snowden und Jean-Michel Jarre haben einen Song aufgenommen. © Picture Alliance/ Glenn Greenwald / Laura Poitras & © THOMAS SAMSON/AFP/Getty Images


Wie ein Popstar dürfte sich Edward Snowden sowieso schon fühlen, dafür hätte er nicht anfangen müssen, Techno zu machen. Wo er auftritt, ist die Aufregung stets groß, er wird gefeiert, er wird gehasst. Mitte 2013 hatte der Whistleblower und ehemalige Agent geheime Dokumente mit den Überwachungspraktiken der NSA öffentlich gemacht. Das FBI erstattete Strafanzeige, Russland gewährte Snowden schließlich Asyl. Seitdem hockt der 32-jährige dort, in Räumlichkeiten, die aussehen, als würden sie nach Kunstleder riechen. Wer seit drei Jahren in Moskau feststeckt, dem ist es nicht zu verdenken, wenn er einfach mal ein bisschen Spaß haben will.

Vielleicht um die Langeweile zu überbrücken hat Snowden jetzt an einem Song mitgearbeitet: „Exit“ heißt der Techno-Song und ist in Zusammenarbeit mit dem französischen Elektro-Pionier Jean-Michel Jarre entstanden. Der 67-Jährige hat vor ein paar Jahrzehnten die elektronische Musik miterfunden und geprägt. Am 6. Mai bringt Jarre ein neues Album raus: „Electronica 2“, ein Konzeptalbum über die Beziehung zwischen Mensch und Computer.

Das Album wird der Nachfolger zu „Electronica 1“ aus dem Oktober 2015, der zweite Teil eines Mammutprojekts von Jarre. Schon damals holte der Musiker zahlreiche bekannte Bands und Künstler aufs Album, darunter Boys Noize, M83 und Massive Attack. Die durften sich alle mal austoben und so klang das Ergebnis auch: teils großartig, teils sehr schwer zugänglich.

Jetzt hat Jarre also tatsächlich ein Feature mit Edward Snowden ergattert. Der beschreibt seine Beziehung zu Musik im „Track by Track“-Video zum Album so: Ihm habe elektronische Musik schon immer gefallen. Besonders gern erinnere er sich an die Melodien aus Videospielen, an 8-Bit-Musik. Dass diese Sounds mittlerweile ein fester Bestandteil der Musikkultur sind, so Snowden, sei Leuten wie Jean-Michel Jarre zu verdanken.

Jarre und Snowden haben also mehr gemeinsam als die Liebe zu Computern. Leider klingt ihr Track „Exit“ aber allzu sehr nach dem Hackerklischee, das man aus mittelguten Filmen kennt: blasser Nerd mit Metallbrille sitzt hinter einem Rechner und hackt irgendwelche Zahlencodes in die Tastatur. Dazu, um Spannung aufzubauen, fahrige elektronische Musik.

Ein flirrender Synthesizer bahnt sich auch in „Exit“ seinen Weg durch die tuckernden Drums, wie der Hacker sich seinen Weg durch die Datenbahnen des Internets. Die Snare klackert wie unsanft gedrückte Tasten der Tastatur, die ihre beste Zeit lange hinter sich hat und auch gerne etwas gefühlvoller behandelt werden würde. Hier ein Tröten, dort ein Schmatzen, alles überschlägt sich. Dann: Durchatmen, der Song wird langsamer, ruhiger, bis nur noch ein Rauschen zu hören ist.

Snowden spricht mit salbungsvoller Stimme:

„Technology can actually increase privacy.“

Oder:

„Saying that you don’t care about the right of privacy,
because you have nothing to hide is no different
than saying that you don’t care for the freedom of speech,
because you have nothing to say.“

Seinen Monolog beendet er mit dem Satz:

„If you don’t stand up for it, then who will?“

Was Snowden sagt, ist sicherlich nichts Neues, nichts, was man nicht schon von ihm gehört hätte. Trotzdem: Seine Worte sind der beste Teil von „Exit“, auch wenn sie gemeinsam mit der musikalischen Untermalung etwas zu episch klingen. Das ändert aber nichts daran, dass Snowdens Botschaft immer noch aktuell und wichtig ist.

Auf die Musik an sich hatte Snowden wenig Einfluss. Er hat den Text gesprochen, ist Muse und Aufmerksamkeitsmännchen. Und das ist voll okay. Denn wenn Snowdens Botschaft durch dieses Projekt auch Einzug in die Popmusik erhält, war es das unbedingt wert. Tanzen kann man zu diesem Stück elektronischer Musik jedenfalls, und jeder, der zu „Exit“ tanzt, tanzt auch gegen die Totalüberwachung, gegen die NSA. Und das ist ja nicht so verkehrt.